Pusdorfer Friedensgruppe erinnert an Selma Zwienicki

Neustadt. Wer nicht zufällig den Blick auf den Bürgersteig richtet, könnte fast darüber hinweggehen und übersehen, was einst in der Hohentorstraße 49-53 passiert ist. Da, wo die Brauerei Beck?s ihre Fässer lagert, an der Ecke zur Westerstraße, erinnert ein kleiner goldener 'Stolperstein' daran, dass in der Nacht vom 9. auf den 10. November die Jüdin Selma Zwienicki in ihrem Wohnhaus von einem SA-Mann erschossen worden ist.
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Von Carolin Henkenberens

Neustadt. Wer nicht zufällig den Blick auf den Bürgersteig richtet, könnte fast darüber hinweggehen und übersehen, was einst in der Hohentorstraße 49-53 passiert ist. Da, wo die Brauerei Beck?s ihre Fässer lagert, an der Ecke zur Westerstraße, erinnert ein kleiner goldener 'Stolperstein' daran, dass in der Nacht vom 9. auf den 10. November die Jüdin Selma Zwienicki in ihrem Wohnhaus von einem SA-Mann erschossen worden ist.

Zum 72. Jahrestag der 'Reichskristallnacht' erinnerte die Pusdorfer Friedensgruppe an das Geschehen mit einer Lesung, die den Mord an Selma Zwienicki nachzeichnen und in Erinnerung rufen sollte. Dazu lasen Joachim Fischer aus Pusdorf und Petra Klatte aus Gröpelingen aus Polizeiprotokollen und recherchierten Texten vor. 'Bei Widerstand sofort über den Haufen schießen' hieß es in dem Befehl der SA-Stabsgruppe Bremen. 'Jüdische Geschäfte sind sofort von SA-Männern in Uniform zu zerstören. Jüdische Synagogen sind sofort in Brand zu stecken, jüdische Symbole sind sicher zu stellen. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen. Es sind nur Wohnhäuser arischer Deutscher zu schützen', forderte die Sturmabteilung. Als Petra Klatte diese Worte vorlas, lauschten ihr die circa 15 Interessierten, die es sich trotz der Kälte nicht nehmen ließen, an den Tod Selma Zwienickis und der rund 100 weiteren Opfer in ganz Deutschland zu erinnern. In Bremen kamen damals fünf Juden ums Leben.

Der Befehl zum Pogrom kam aus München, wo der Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels am Jahrestag des Hitler-Putsches von 1923 die Parteiführung versammeln ließ. Den Nationalsozialisten diente der Mord an einem deutschen Botschafter als Gelegenheit, weitere antisemitische Attacken zu planen. 'Es ist wichtig, die Erinnerung daran wachzuhalten', sagte Joachim Fischer.

Die Bremerin Selma Zwienicki, sagte Petra Klatte, habe ein eher unauffälliges Leben geführt. Daher sei es umso unverständlicher, warum sie erschossen wurde. Mit ihrem Mann Josef betrieb sie in der Hohentorstraße eine Fahrrad- und Motorradhandlung mit Werkstatt. Dabei kümmerte sie sich um die kaufmännischen Aufgaben und die Erziehung ihrer vier Kinder. Als in der Pogromnacht die SA-Männer vor dem Haus der Familie standen, konnte der Ehemann fliehen und auch den beiden Söhnen, die noch Zuhause wohnten, ist nichts geschehen. Der damals 20-jährige Benno Zwienicki gibt der Polizei später eine genaue Beschreibung des Vorfalls. Joachim Fischer von der Pusdorfer Friedensgruppe las diesen Bericht vor, der beeindruckend schildert, was vorgefallen ist.

Nur durch Zufall ist er vor einem Jahr in der Zentralbibliothek auf den Bericht von Benno Zwienicki gestoßen. Eigentlich habe er nach einem toten Juden aus Woltmershausen suchen wollen. 'Ich dachte mir, dieser Bericht sei es wert, vorgetragen zu werden. Deshalb haben wir uns entschlossen, diese Lesung zu veranstalten', erzählte der 50-jährige Friedensaktivist.

Fischer las aus dem Protokoll der Aussage Benno Zwienickis bei der Polizei kurz nach der Tat: 'Der eine schwarze Hornbrille trug, fragte, ob ich den Aufenthalt meines Vaters wüsste. Als ich hierauf mit Nein antwortete, bekam ich von ihm eine Ohrfeige.' Die SA hat demnach den Vater Josef gesucht und ging bei ihrer Suche äußert gewalttätig vor. Mitten in der Nacht, gegen 3.45 Uhr, waren sie gekommen, schlugen die Fensterscheiben ein, durchsuchten das Haus nach Waffen und zündeten es daraufhin an. Als auch Selma nicht sagte, wo ihr Mann ist, wurde sie mit einem Herzschuss getötet.

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