Draht & Esel

„Radfahren bedeutet frei zu sein“

Ronny Meyer ist Staatsrat für Umwelt, Bau und Verkehr. Mit Kinderanhänger und zwei Klingeln radelt der 43-Jährige täglich auf Bremens Straßen – selbst bei Regen und Wind.
04.08.2019, 05:18
Lesedauer: 4 Min
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„Radfahren bedeutet frei zu sein“
Von Elena Matera
„Radfahren bedeutet frei zu sein“

Mit Kinderanhänger und zwei Klingeln radelt Ronny Meyer täglich auf Bremens Straßen.

Christina Kuhaupt

Das erste Mal auf zwei Rädern

Ich weiß nicht mehr, wie alt ich da war. Ich hatte auf jeden Fall Stützräder. Auf einer Hofeinfahrt bin ich immer rauf- und runtergefahren. Meine Mutter hat mich damals festgehalten und aufgepasst, dass ich nicht umkippe. Ich galt in der Familie schon früh als der Radfahrer. Ich wollte auch nie so ein Schülerticket für den Bus haben. Ich bin lieber zur Schule geradelt – selbst bei Wind und Regen. Mein Schulweg war die Hafenstraße in Bremerhaven, das war damals eine vierspurige Straße. Heute würden Eltern da wahrscheinlich eher protestieren.

Das aktuelle Fahrrad

Ein Stevens Galant aus dem Jahr 2004. Das Fahrrad ist also gut 15 Jahre alt. Seit drei Jahren habe ich auch den Kinderanhänger immer mit dabei. Meine Tochter ist jetzt vier Jahre alt. Sie ist mit einem Jahr in die Krippe gekommen und seitdem bringe ich sie immer morgens dorthin. Ich mache den Anhänger auch oft gar nicht mehr ab.

Wie viele Kilometer legen Sie zurück?

Ich fahre jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit, weil ich meine Tochter in die Krippe bringen muss. Und dann fahre ich auch noch dienstlich damit. Ich lege schon rund dreitausend Kilometer im Jahr zurück. Das Auto benutze ich nur sehr selten, höchstens für den Großeinkauf. Bei uns im Viertel kann man eher schlecht parken. Das Fahrrad ist da praktischer. Eigentlich ist alles gut mit dem Rad erreichbar.

Die Vorgängermodelle

Ich hatte davor eins von der Bremer Fahrradmanufaktur gekauft. Das hat 1200 Mark gekostet. Ich weiß noch, dass meine Familie damals gesagt hat: Wie kannst du nur so viel Geld für ein Fahrrad ausgeben? Ich wollte damals einfach unbedingt ein Trekkingfahrrad.

Die schönste Tour

Ich bin einmal mit meiner damaligen Freundin auf dem Fahrrad unter anderem durch Estland gefahren. Das war im Jahr 2001. Es war aufregend und schön. Wir sind zwei Wochen einfach nur durch die Natur gefahren. Ähnlich toll war auch eine Tour durch Norwegen. Die war etwas anstrengender wegen der Gebirge. Aber eigentlich ist Fahrradfahren immer schön. Auch wenn man hier in Bremen am Deich entlang fährt.

Der letzte Diebstahl

Vor 15 oder 16 Jahren. Das war in Oldenburg. Ich weiß es auch gar nicht mehr so genau. Das war auf jeden Fall das gute Fahrrad aus der Bremer Fahrradmanufaktur. Und ausgerechnet das wurde mir geklaut. Dann habe ich exakt dasselbe Rad noch einmal gekauft und das wurde mir auch geklaut. Es hat nicht sollen sein.

Die Lieblingsstrecke

Auf dem St.-Pauli-Deich zu fahren – das ist super. Morgens ist es zwar auch eine echte Aufgabe dort entlang zu radeln. Das ist dann eher eine Rennstrecke für alle. Mit dem Radanhänger muss man sich schon ordentlich anstrengen, um mithalten zu können. Das ist aber eh ein Problem in Bremen: Das Fahrradtempo ist extrem hoch.

Das größte Ärgernis in Bremen

Man merkt, dass die Infrastruktur nicht für die Fahrradfahrer ausreicht und das lässt sich auch nicht so einfach ändern. Ich glaube, die Aufgabe der Stadt wird es sein, den Verkehrsraum neu aufzuteilen. Früher sind nur sehr wenig Menschen mit dem Fahrrad gefahren und dafür viele mit dem Auto. Das ändert sich. Viele kommen bereits aus dem Bremer Umland mit dem Elektro-Fahrrad in die Stadt. Und das ist gut. Jetzt müssen wir auch die Infrastruktur in den nächsten Jahrzehnten sehr viel stärker für Fahrradfahrer ausbauen. Noch ist das nicht der Fall. Meine Tochter lernt gerade Fahrrad zu fahren und das ist total spannend. Wenn man sieht, wie sich so ein kleiner Mensch durch den Verkehrsraum kämpfen muss und wie sehr so ein Kind auf Autos aufpassen muss – das ist schon Wahnsinn.

Der schlimmste Unfall

Im vergangenen Jahr bin ich in Bremen in die Schiene gekommen – der Klassiker. Da war ich auch in der Unfallambulanz. Der Arzt meinte damals zu mir, dass er sieben bis zehn Schienenunfälle pro Tag hätte. Er selber sei auch schon hineingeraten. Das sei quasi unvermeidlich, wenn man in Bremen wohnt. Ich weiß von dem Unfall nur noch, dass es unglaublich weh tat. Die Jacke war kaputt, der Schuh war kaputt. Aber ich habe mir zum Glück nichts gebrochen. Ich war nur etwas von der Rolle, als ich mich da von der Straße wieder aufgerappelt habe. Einen schlimmeren Unfall hatte ich bisher noch nie.

Ich fahre gerne Fahrrad, weil…

... es das günstigste Verkehrsmittel ist und man sich bewegt. Es ist gut für die Umwelt und ich bekomme den Kopf frei. Es ist außerdem unheimlich flexibel. Ich finde es immer lustig, wenn Autofahrer sagen, dass es ihnen Freiheit schafft. Das ist totaler Quatsch. Die müssen einen Parkplatz suchen, dafür auch noch bezahlen und dann stecken sie ständig im Stau. Das Verkehrsmittel der Freiheit ist auf jeden Fall das Fahrrad. Ich kann es überall hinstellen, mitnehmen. Der Regen ist zwar wirklich ein Problem, aber es gibt ja Regenhosen und -jacken.

Wann benutzen Sie die Klingel?

Ich habe sogar zwei (lacht). Ich hatte mir eine lautere Klingel gekauft, weil ich dachte, ich müsste mich auf der Straße stärker durchsetzen. Die benutze ich allerdings gar nicht. Die andere Klingel benutze ich zum Beispiel beim Überholen. Oft sind Menschen überrascht, wenn man sie überholt. Die erwarten meistens nicht, dass dann noch ein Kinderanhänger kommt. Und ich klingel auch, wenn Fußgänger auf den Radwegen laufen. Ich bin auf jeden Fall kein Kampfradler.

Die Fragen stellte Elena Matera.

Info

Zur Person

Ronny Meyer

ist seit 2015 Staatsrat beim Senator für Umwelt, Bau und Verkehr und Parteimitglied der Grünen. Der 43-Jährige wohnt mit seiner Ehefrau und seinen zwei Kindern in der Neustadt. Meyer ist gebürtiger Bremerhavener. Früher hat er Fahrradfahrer mit gelben Warnwesten belächelt. Mittlerweile trägt er selbst welche im Dunkeln.

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