Interview zur Gedenkstele am Ochtumdeich Russische Kriegsgefangene in Bremen: "Opfer mit doppelter Tragik"

Staatsarchiv-Leiter Konrad Elmshäuser äußert sich zu der Anregung des SPD-Abgeordneten Sükrü Senkal, eine Gedenkstele für russische Kriegsgefangene am Ochtumdeich bei Grolland zu errichten.
25.03.2018, 13:13
Lesedauer: 6 Min
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Russische Kriegsgefangene in Bremen:
Von Detlev Scheil

Der Huchtinger SPD-Bürgerschaftsordnete Sükrü Senkal und Mitglieder eines Geschichtsarbeitskreises bei der Siedlergemeinschaft Grolland I setzen sich dafür ein, nahe dem Grundstück Duckwitzstraße 69 am Wanderweg rechts der Grollander Ochtum eine Gedenkstele zu errichten, die an ein dortiges Lager für sowjetische Kriegsgefangene erinnert. Das Lager soll aus sechs Holzbaracken bestanden und 250 bis 300 Kriegsgefangene aufgenommen haben. Was ist dem Staatsarchiv über dieses Lager bekannt?

Konrad Elmshäuser : Leider nur wenig. Wir wissen, dass es dieses Lager gab und auch relativ genau, wie die Belegungsstärke war. Es war eingezäunt und wurde von bewaffneten Kräften bewacht. Das sollte man sich aber nicht zu martialisch vorstellen. Es war wohl maximal eine Handvoll Bewaffnete, die aber ohne jeden Zweifel Anweisung hatten, von der Schusswaffe auch Gebrauch zu machen. Besondere Vorkommnisse sind laut einer Bestandsaufnahme, die nach Kriegsende auf Initiative Belgiens erfolgte, dort nicht bekannt. Das heißt jedoch nicht, dass dort niemals jemand schlecht behandelt wurde oder es nie zu Übergriffen kam. Allerdings gehe ich davon aus, dass es kein Lager war, das in besonderem Maß für systematische Übergriffe berüchtigt war.

Aber sowjetische Kriegsgefangene wurden doch generell sehr schlecht behandelt, sie bekamen sehr wenig zu essen. Und Zeitzeugen aus Grolland haben berichtet, dass sie diesen ausgemergelten Menschen noch nicht einmal einen Apfel zustecken durften. Es handelte sich offensichtlich um eine systematische Schlechtbehandlung, denn von den fünf bis sechs Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen ist etwa die Hälfte ums Leben gekommen.

Die größte Anzahl der Todesfälle bei den sowjetischen Kriegsgefangenen hat es jedoch in der unmittelbaren Zeit nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 gegeben, also nicht in solchen Lagern in Deutschland. Die Wehrmacht hatte in einem völlig unerwarteten Ausmaß millionenfach Kriegsgefangene gemacht, für die man keinerlei Vorkehrungen getroffen hatte. Diese Menschen wurden zum Teil noch in Russland unter offenem Himmel in Stacheldrahtverhaue eingepfercht und ohne Ernährung und Kleidung teilweise über Wochen und Monate gehalten, sodass sie dort in großer Zahl an Hunger und Krankheiten starben.

Das mag die krasseste Situation gewesen sein, doch viele Tote gab es auch in Bremen, wie die Gräber sowjetischer Kriegsgefangener auf dem Osterholzer Friedhof zeigen.

Sicher, in den deutschen Kriegsgefangenenlagern, die als Arbeitslager auslegt waren, litten gerade die sowjetischen Kriegsgefangenen unter den schlechtesten Verhältnissen überhaupt. In der Abstufung der Schlechtbehandlung gab es zwischen Angehörigen westeuropäischer sowie osteuropäischer Nationen und russischen Kriegsgefangenen einen deutlichen Unterschied. Sowjetische Kriegsgefangene standen immer an letzter Stelle. Die Schlechtbehandlung ging auch in eine systematische Misshandlung über.

Zwangsarbeiter aus anderen Lagern mussten in Rüstungsbetrieben wie zum Beispiel den Francke-Werken in der Neustadt, Focke-Wulf oder Borgward schuften. Die Gefangenen dieses Lagers nahe der Ochtum wurden dagegen laut Zeitzeugenaussagen vor allem für die Bombenräumung und Feldarbeit eingesetzt. Wie ist das zu erklären?

Sie können gegebenenfalls auch mal in den Industriebetrieben eingesetzt gewesen sein, das wissen wir nicht genau. Die Industriebetriebe hatten grundsätzlich ein Interesse daran, dass sie ihre Zwangsarbeiter nah am Ort hatten. Das ist hier an der Ochtum nicht der Fall, es ist eher eine Randlage. Die dort untergebrachten Kriegsgefangenen wurden wahrscheinlich je nach Bedarf für Straßenbau, Aufräumarbeiten, Feldarbeit oder anderes eingesetzt. Aber ich würde nicht ausschließen, dass ein paar Dutzend Männer auch mal von einem Industriebetrieb angefordert wurden und dort ein paar Wochen oder Monate gearbeitet haben. Sie wären unter Bewachung zu Fuß dorthin marschiert. Allerdings wissen wir ja, wie schlecht der Ernährungszustand der sowjetischen Kriegsgefangenen war. Sie waren für konzentrierte Arbeiten in industriellen Betrieben eigentlich kaum einsetzbar.

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Wie ist Ihre Haltung zu einer Gedenkstele am Wanderweg rechts der Ochtum? Bisher gibt es in diesem Bereich im Bremer Süden kaum Gedenkzeichen.

Das kann man machen, es gibt aber gemessen an unserem Kenntnisstand keinen zwingenden Grund dafür. Die wenigen Erkenntnisse geben keinen Befund etwa des Tenors her, das sei ein seit Langem vernachlässigter, wichtiger Ort der Zeitgeschichte, wo in besonderem Maß Unrecht geschehen ist und deshalb zwingend und dringend an diese Dinge öffentlich erinnert werden müsse. Umgekehrt sehe ich aber auch keinen Grund, warum das nicht aus einer örtlichen Initiative heraus gemacht werden kann.

Ist solch eine Stele nicht eine Chance für eine örtliche Gemeinschaft, auch für Schulen, sich damit auseinanderzusetzen?

Sicher, man kann versuchen, den Kenntnisstand noch zu verbessern. Aber ich bin skeptisch, ob das gelingt. Zeitzeugenbefragungen haben schon jetzt biologischen Grenzen. Man befragt heute überwiegend Menschen, die damals Kinder waren. Und wir wissen auch aus anderen Zusammenhängen, dass sich bei Zeitzeugenbefragungen sehr leicht Erinnertes und Erzähltes vermischen. Ob jetzt jemand weiteres sagt „Wir durften den russischen Kriegsgefangenen nichts zu essen geben“ ist nicht erheblich, denn das wissen wir schon längst. Wir brauchen keine Zeitzeugen, um zu wissen, dass dort Gefangene unter verheerenden und schlimmen Bedingungen gehalten werden.

Zeitzeugenaussagen machen es immerhin plastischer – oder?

Ja, sie machen es plastischer, aber auch besser. Es ist im Zusammenhang mit diesem Lager und seinen Gefangenen bisher nichts gesagt worden, was nicht absolut glaubwürdig wäre. Aber auch nichts Überraschendes. Für Ortsinitiativen oder Schülergruppen kann es selbstverständlich ein Anstoß sein, sich mit der Geschichte zu befassen.

Sehen Sie das harte Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen in Bremen genug gewürdigt? Bundespräsident Joachim Gauck sprach 2015 davon, dass sie im „Erinnerungsschatten“ seien, weil relativ wenig berücksichtigt, obgleich sie nach den Juden die zweitgrößte Opfergruppe sind.

Ich denke: ja. Schon in den 90er-Jahren, als mit dem Ende des Ost-West-Konflikts die Kontakte durchlässiger wurden, ist von Bremen aus viel getan worden. Nicht speziell fokussiert auf sowjetische Kriegsgefangene, aber auf Zwangsarbeiter mit Schwerpunkt auf osteuropäische Gefangene, eben weil sie sehr schlecht behandelt wurden. Es hat zum Beispiel mehrere Besuchsprogramme gegeben. Die Initiative ging auch von höchster Ebene im Rathaus aus. Deshalb kann man nicht sagen, dass sie in Bremen immer im Schatten der Erinnerung gewesen sind. Die Frage ist freilich immer: Was ist ab wann angemessen?

Die sowjetischen Kriegsgefangenen, die überlebten, sind ja doppelt gestraft, weil sie unter Stalin in ihrer Heimat als Kolloborateure verfolgt wurden.

Ja, das ist ja die doppelte Tragik in der Biografie dieser Menschen, dass sie Opfer eines verbrecherischen Systems in Deutschland wurden, das ihnen Kraft und Gesundheit und in unfassbar vielen Fällen das Leben geraubt hat, und danach in der Heimat nicht nur keine Anerkennung bekamen, sondern zum Teil zur Rechenschaft gezogen und verfolgt wurden. Das hat dazu geführt, dass sie alles getan haben, um Beweise zu vernichten und die Tatsache vergessen zu machen, dass sie in diese Maschinerie geraten sind. Im Abstand von über 40 Jahren in den 90er-Jahren haben die wenigen Überlebenden dann noch einmal etwas tun können, um eine kleine finanzielle Entschädigung zu erreichen.

Das Gespräch führte Detlev Scheil.

ZUR PERSON:

Konrad Elmshäuser leitet seit 2003 das Bremer Staatsarchiv. Der 58-jährige Historiker ist auch Honorarprofessor für Geschichte an der Universität Bremen, unter anderem mit dem Schwerpunkt bremische Landesgeschichte.

ZUR SACHE: Initiative für eine Gedenkstele

Erst im Zuge der Kontroverse um die Baugenehmigung für ein Bordell auf dem Neustädter Grundstück Duckwitzstraße 69 wurde der SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Sükrü Senkal darauf aufmerksam, dass dort während der Nazi-Zeit ein Lager für sowjetische Kriegsgefangene bestand, die Zwangsarbeit auch in Grolland verrichten mussten. "Eben weil ich das auch selbst nicht gewusst habe, finde ich es wichtig, dort ein Erinnerungszeichen zu setzen", sagt Senkal, der mit Unterstützung der SPD-Fraktion einen entsprechenden Antrag in die Stadtbürgerschaft einbringen wird. Der Senat solle sich dafür einsetzen, dass Gespräche mit den stadtteilhistorisch Interessierten, den Siedlergemeinschaften Grolland I und Süd sowie den Beiräten Neustadt und Huchting unter Einbindung des Staatsarchivs und der Landeszentrale für politische Bildung aufgenommen werden, um am Ochtumdeich "einen würdevollen lokalen Erinnerungspunkt zu schaffen".

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