Segler Christian Werblow über sein Hobby

„Wind, Wasser und fix und fertig nach Hause“

Christian Werblow ist am Bodensee aufgewachsen, doch erst in Bremen wurde er zum leidenschaftlichen Segler. Sein Hobby bezeichnet er heute als seine dritte Liebe. Wie er zum Segeln gefunden hat.
21.06.2020, 06:02
Lesedauer: 6 Min
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„Wind, Wasser und fix und fertig nach Hause“
Von Lisa Boekhoff
Hier regiert der SVW. Aber um Tore und Manndeckung geht es hier weniger.

Christian Werblow: Ja, die wesentlichen Elemente sind hier Wind und Wasser.

Das Vereinsheim des SVW liegt einen Schlenker vom Weserstadion entfernt. Sitzen Sie bei Spielen lieber dort oder im Segelboot?

In mir pochen zwei Herzen: das Segeln und der Fußball. Ich oute mich hier gerne als Werderfan. Wenn die Tide am Spieltag stimmt, kombiniere ich beides und gehe vor dem Spiel eine Runde segeln. Und da feuern wir uns an: Fans, die auf der Fähre anreisen oder am Osterdeich spazieren, rufen 'Werder' und von mir kommt natürlich 'Bremen' zurück. Vom Boot geht es direkt ins Stadion.

Für alle, die den Fluss nur von der Fähre aus kennen: Wie ist die Weser?

Toll. Vielseitig. Für mich ist die Weser die Lebensader dieser Stadt. Es ist an den Ufern und auf dem Wasser immer was los. Dort sind Binnenschiffer, Motorbootfahrer und die Segler unterwegs. Wenn Breminale ist, hört man die Musik beim Segeln. Ich lebe im Viertel und werde immer wieder von Bekannten und Freunden gefragt: „Mensch, warst du mit deinem Boot auf der Weser?“

Welche Tücken hat der Fluss?

Man muss sich bewusst machen, dass das hier eine Wasserschifffahrtsstraße ist. Das bedeutet, Binnenschiffe haben immer Vorfahrt. Danach muss man sich richten und aufmerksam segeln: Mach ich noch den Schlenker vor dem Binnenschiff? Oder segle ich parallel? Da muss man die Situation richtig einschätzen.

Wann und wie kamen Sie zum Segeln?

Das ist eine meiner größten Sünden, dass ich nicht schon viel früher angefangen habe. Das bereue ich. Ich bin ein absoluter Spätsünder! Dabei bin ich am Bodensee geboren und aufgewachsen. Ein tolles Revier! Man sieht dort viele schöne alte Segelboote und Holzjachten. Der Pausenhof meiner Schule in Lindau lag direkt am See und am Jachthafen.

Es gab bestimmt eine Segel-AG an der Schule.

Ja. Und der nächste Segelverein war nur fünfzig oder hundert Meter entfernt. Ich war aber durch und durch Fußballer. Irgendwie hat der letzte Funke gefehlt. Mein Zahnarzt hat mich in meiner Jugend dabei immer angesprochen: „Mensch Christian! Willst du nicht segeln?“ Selbst während der Behandlungen hat er mich gefragt.

Und wenn jemand einen Bohrer in der Hand hat, wiegt kein Argument schwer genug...

Das beste Druckmittel (lacht). Ich war weiter standhaft, aber hab ihm gesagt: „Andi, wenn ich das Segeln lernen möchte, dann gebe ich dir Bescheid.“ Und als ich nach Bremen ging, habe ich das gemacht und er hat mich vermittelt. Ich habe in Lindau einen Intensivkurs bei einer Segelschule belegt – direkt auf einem Dickschiff. Eine tolle Zeit! Ich habe die Motorbootprüfung angeschlossen und sie trotz Sturmwarnung abgelegt. Von solchen Geschichten lebt auch das Segeln... Es hat aber alles wunderbar geklappt. Ich bin dann hier im Segelverein Weser untergekommen und darüber sehr froh.

Was ist das Besondere beim SVW?

Es ist die Gemeinschaft. Wenn man sich gut vernetzt und nicht menschenscheu ist, gibt es immer jemanden, den man mit speziellen Fragen kontaktieren kann. Selbst wenn man kein Boot hat, wird man mal mitgenommen.

Haben Sie ein eigenes Boot?

Ja. Was mich beim Segeln öfter gestört hat war, dass ich danach nicht so ausgepowert war wie sonst beim Sport. Das hat mir gefehlt. Ich bin darum auf eine Einhandjolle übergegangen – auf einen Laser. Ich darf das sagen: Das ist meine dritte Liebe. Das ist genau das, was ich immer gesucht habe. Wind, Wasser und fix und fertig nach Hause kommen.

Das heißt aber, Sie sind allein unterwegs.

Genau. Ich muss Entscheidungen selbst treffen. Doch bei der Einhandjolle gibt es genauso eine Gemeinschaft, wenn man zum Beispiel Hilfe beim Segelsetzen braucht. Und auf dem Wasser passt man aufeinander auf.

Wie heißt die dritte Liebe?

Die hat keinen Namen. Das soll auch erst mal so bleiben.

Mögen Sie verraten, wer Ihre erste und zweite Liebe sind?

Meine Frau und meine Kinder.

Wie alt sind Ihre Kinder? Schon alt genug fürs Segeln?

Die beiden sind fünf und neun Jahre. Es liegt im Naturelle der Kinder, etwas Neues zu entdecken und nachzumachen. Viele Bekannte haben mir aber davon abgeraten: „Tu es dir nicht an, mit deiner Tochter die erste Stunde aufs Boot zugehen. Man kann sie schnell verheizen.“ Daran habe ich mich gehalten. Meine Tochter ist bei der Einstiegsstufe Optimisten nun schon ein paar Stunden gesegelt.

Wann sollten Kinder mit dem Segeln frühestens starten?

Man sagt, ab fünf bis sechs Jahren. Die Kinder sollten mindestens Seepferdchen haben und Schwimmhilfen tragen.

In Ihrem Fall war es viel später. Warum ist Segeln Ihre Leidenschaft geworden?

Das ist eine Welt für sich. Segeln hat mich schon immer fasziniert: Warum wird der plötzlich so schnell? Warum können die Boote nicht geradeaus fahren? Die Zeit auf dem Boot hat was Entschleunigendes und Befreiendes. Vor allem ohne Motor: Nur mit Hilfe der Natur kommt man voran. Danach muss man sich richten und die Windstärke in dem Moment annehmen.

Wer segelt, hat Fernweh. Ist da was dran?

Sehnsucht vielleicht nach einem Abenteuer. Und es gibt einen Entdeckerinstinkt. Sicherlich, die Reiselust ist da. Wir sind auch an Land als Familie nicht nur zu Hause. So bald es einigermaßen trocken ist, gehen wir raus, wandern, spazieren, treffen Freunde.

Welches Schiff haben Sie am liebsten?

Meine Bootsklasse. Laser ist ein tolles, einfaches Boot. Wenn man auf Regatten geht, hat jeder die gleichen Gegebenheiten. Und es gibt einen Kreis, der regelmäßig bei Wettbewerben dabei ist. Da findet man schnell Freunde. In Bremerhaven gibt es auch eine eigene Gruppe. Außerdem habe ich eine Leidenschaft für Holzboote. Die haben noch eine ganz andere Atmosphäre. Ich habe Glück, dass ich bei Andi auf seinem Holzboot, eine Meteryacht H9, auf dem Bodensee mitsegeln kann. Und es gibt sogar eine Verbindung nach Bremen: Abeking & Rasmussen hat es vor mehr als 120 Jahren gebaut. Ein wunderschönes Boot!

Welche Wettbewerbe segeln Sie?

2019 bin ich bei der Deutschen Meisterschaft gestartet – und nicht Letzter geworden (lacht). Es war auch der amtierende Weltmeister Philipp Buhl dabei. Zumindest an der Startlinie konnte ich ihn noch sehen, bevor er weggesegelt ist. Ich habe riesigen Respekt vor Jugendlichen, die Segeln als Leistungssport betreiben und viel Zeit investieren. Das ist Wahnsinn: Es kann sein, dass du vier bis sechs Stunden auf dem Wasser bist bei einem Regattatag.

Im vergangenen Jahr verfolgte die Welt eine Segelfahrt über den Atlantik: mit der Klimaaktivistin Greta Thunberg. Hätten Sie gerne an Bord gesessen?

Ja! Nicht nur weil Greta Thunberg mit Boris Herrmann ein sehr guter Segler begleitet hat. Da hätte ich gerne Mäuschen gespielt. Eine tolle Aktion und ein tolles Zeichen!

Gab es im Anschluss mehr Menschen, die sich fürs Segeln interessiert haben?

Schwer zu sagen. Das Interesse am Segeln steigt aber. Vor allem freut mich total, dass Frauen sich fürs Segeln interessieren. Generell wirkt der Segelsport nicht mehr ganz so elitär. In der Vergangenheit gab es schon Vereine, bei denen die Mitglieder auf dem Gelände mit Sakko unterwegs waren. Segeln war etwas für Gutbetuchte. Segeln ist zwar nach wie vor kostenintensiv, aber das Segelknigge lockerer geworden. Das ist gut so. Wir wollen als Verein das Segeln der breiten Masse zugänglich machen. Jeder, der Lust darauf hat, ist willkommen.

Was war Ihr bislang längster Törn?

Ich durfte schon zweimal bei der Bodenseeumrundung mitmachen. Das ist eine der größten Regatten in Deutschland mit teils mehr als 500 Booten. Es geht in Lindau los und durch die Nacht.

Durch die Nacht?

Ja, herrlich!

Welche Route wollen Sie noch fahren?

Ich bin für alles zu haben. Wenn der Zeitpunkt richtig ist, auch für eine Atlantiküberquerung. Es ist mir aber wichtig, das Segeln mit meiner Familie in Einklang zu bringen.

Was haben Sie über sich durchs Segeln gelernt?

Ich habe gemerkt, dass ich ruhiger geworden bin – gerade in stressigen Situationen. Ich habe meine Grenzen kennengelernt und Grenzen überwunden. Es ist total wichtig, niemals aufzugeben und fest an sich zu glauben.

Das Gespräch führte Lisa Boekhoff.

Info

Zur Person

Christian Werblow (39)

kam vom Bodensee nach Bremen, um hier eine Ausbildung zum Werbekaufmann zu absolvieren. Sein Revier an Land: Zusammen mit seiner Familie lebt er heute im Viertel. Sein Revier auf dem Wasser: Neben der Weser ist Werblow auf dem Grambker See, auf der Nordsee, Ostsee und dem Bodensee unterwegs. Seit ein paar Jahren nimmt er mit seiner Jolle auch an Wettbewerben teil – wie der Deutschen Meisterschaft 2019.

Info

Zur Sache

Verein mit Geschichte

Ganz in der Nähe des Stadions hat der Segelverein Weser seinen Sitz. Im Jahr 1884 gegründet, zählt er heute etwa 340 Mitglieder. Weil das Revier aufgrund der Binnenschiffe und der Tide anspruchsvoll ist, werden hier nur Erwachsene ausgebildet. „Wir haben hier Unterschiede von bis zu fünf Metern. Die Tide bestimmt, wann wir segeln können“, sagt Christian Werblow. Der Korridor liegt bei zwei bis drei Stunden vor dem Hochwasser und zwei bis drei Stunden danach. Zudem spielt natürlich eine Rolle, woher und wie der Wind steht.

Christian Werblow gehört dem Vorstand des Vereins an und hilft als Trainer. Welche Regeln vermittelt er seinen Schüler zu Anfang? „Spaß haben und genießen. Denn es ist eine einmalige Gelegenheit, hier in Bremen mitten in der Innenstadt zu segeln.“ Werblow gibt gerne Kurse: Gerade die ersten Schrecksekunden seiner Teilnehmer registriert er dabei, wenn das Boot etwa plötzlich schrägliege. Irgendwann seien die Abläufe aber verinnerlicht und der Rest nur noch Feinschliff. „Man muss Vertrauen zu sich selbst haben und Wasser und Wind mögen. Wer da eine Abneigung hat, wird mit dem Segeln nicht glücklich.“

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