Wasser, Flaggen und Pantoffeln

43. Förderpreis für Bildende Kunst

In diesem Jahr vergibt der Senator für Kultur zum 43. Mal den Förderpreis für Bildende Kunst. Die Arbeiten von 13 Künstlern, die sich beworben haben, sind in der Städtischen Galerie zu sehen.
09.07.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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43. Förderpreis für Bildende Kunst
Von Alexandra Knief
43. Förderpreis für Bildende Kunst

Amina Brotz hat in ihrer Arbeit "hinweg" Galeriehocker und Museumspantoffeln in der Städtischen Galerie verteilt.

Sara Foerster

Nanu? Soll man sich in der Städtischen Galerie jetzt ganz wie zu Hause fühlen oder warum steht eine Reihe Pantoffeln direkt im Eingangsbereich? Auf den zweiten Blick sind diese allerdings ein ganzes Stück zu groß für den durchschnittlichen Besucherfuß. Verantwortlich für die Pantoffeln ist die Künstlerin Amina Brotz. Sie sind Teil ihrer Arbeit „hinweg“, die neben anderen ab Sonntag in der Ausstellung zum 43. Bremer Förderpreis für Bildende Kunst zu sehen ist.

Neben ihren Pantoffeln verteilt Brotz Museumshocker in allen Galerieräumen. Sie stehen zum Teil da, als hätte gerade noch jemand auf ihnen gesessen. Beide Elemente irritieren, lassen den Besucher zweifeln. Soll ich die Schuhe anziehen? Darf ich mich hier hinsetzen? Fragen, die Brotz mit ihrer Arbeit heraufbeschwören will. Insgesamt 35 Künstler haben sich in diesem Jahr um den Förderpreis des Senators für Kultur beworben, so Ingmar Lähnemann von der Städtischen Galerie.

13 von ihnen wurden von einer Bremer Vorschlagskommission für die Ausstellung ausgewählt, darunter Pia Pollmanns, Ghaku Okazaki, Paula Hurtado Otero, Hannes Middelberg, Sarah Lüdemann (Beauham), Kate Andrews und Esther Adam. Darüber, wer von ihnen den Förderpreis erhalten soll, hat Anfang der Woche eine überregionale Jury entschieden. Diese sei sich „klar und einig“ gewesen, so Lähnemann. Preisträgerin ist Effrosyni Kontogeorgou mit ihrer Arbeit „Höhere Gewalt oder wie der Flügelschlag eines Rohrsängers einen Platzregen auslöst“.

Irene Strese widmet sich in ihrer Arbeit "Never Change A Running System" dem Trend des Aquascapings.

Irene Strese widmet sich in ihrer Arbeit "Never Change A Running System" dem Trend des Aquascapings.

Foto: Irene Strese

Platzregen im Museum

Der Titel der Arbeit klingt sperrig, lässt sich aber erklären: Kontogeorgou bezieht eine Fluchtwegtür der Galerie mit in ihre Arbeit ein, die für die Dauer der Ausstellung offen steht, sodass die Besucher direkt auf die Kleine Weser blicken können und Passanten von außen Einblick in den Ausstellungsraum erhalten. Oberhalb der geöffneten Tür hat die Künstlerin einen löchrigen Wasserschlauch angebracht, der in unregelmäßigen Abständen für einen kurzen Platzregen sorgt, der auch den Ausstellungsraum unter Wasser setzt.

Vor einigen Wochen nistete ein Rohrsänger in den Büschen am Notausgang. Sein Kommen und Gehen hat Kontogeorgou aufgezeichnet. Diese Intervalle bestimmen nun den Regenfluss. „Kontogeorgou schafft mit ihrer Arbeit auf überzeugende Art und Weise eine poetische Gegenüberstellung von Ausstellungsraum und der Außenwelt, die im Einsatz des künstlichen Regenschauers eine sinnliche Verknüpfung erhält“, heißt es in der Begründung der Jury. Die Künstlerin wurde am Mittwoch bei einer kleinen Zeremonie in Anwesenheit von Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz geehrt. Der Preis ist mit 6000 Euro dotiert, zudem beinhaltet er eine Katalogförderung und eine spätere Einzelausstellung in der Städtischen Galerie.

In den Augen von Ingmar Lähnemann ist in diesem Jahr eine „wilde und spannende Ausstellung“ zusammengekommen. Geprägt ist diese durch viele Installationen und raumspezifische Arbeiten. So unter anderem die Arbeit „Real Estate 2020“ von Daniel von Bothmer, die einen Großteil des Foyers einnimmt – und zwar nicht nur in Bezug auf den Platz: von Bothmer hat eine kunterbunte Spielwiese erschaffen, die von einem Zaun mit Stäben zur Taubenabwehr umgeben ist. Auf den Stäben befinden sich bunte WC-Steine, die den Raum in eine Zitrus- und Meeresfrische-Wolke hüllen. Nennen wir es mal: ein Werk mit einer duften Abschottungsthematik.

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Gott spielen im Wasserglas

André Sassenroth versammelt in „Niemandsländer“ 44 bunte Stoff-Flaggen, die mit ihren Streifen und Sternen Parallelen zur amerikanischen Flagge aufweisen, sich durch ihre Farbigkeit und ihren Aufbau aber klar unterscheiden. Sassenroths Arbeit spielt mit den Fragen, warum Menschen einen eigenen Staat, eine eigene Währung, eigene Grenze brauchen. Auch ein Hingucker ist die Arbeit von Irene Strese. In „Never Change A Running System“ setzt sie sich mit dem Trend des Aquascapings auseinander, also dem Unterwassergärtnern. In drei Glasbehältern hat Strese sich am Erschaffen der Miniaturlandschaften versucht. Beleuchtung, Sauerstoff, Spritzen und Scheren – die aufgestellte Regalkonstruktion zeigt auf, was dazugehört, wenn man Gott in einem Wasserglas spielen will.

Wie auch Kontogeorgou öffnet die Künstlerin Lisa Sinan Mrozinski die Galerieräume an einer sonst geschlossenen Stelle: Sie nutzt den runden Turm des Gebäudes für eine zugleich märchen- wie schauderhafte Installation. Vor die geöffnete Tür des Turmes hat die Künstlerin ein lilafarbenes Portal mit Spitzdach gebaut, das direkt an Rapunzel oder Dornröschen denken lässt. Letztere Assoziation wird durch ein leises Schnarchen untermalt, das aus dem offenen Turm schallt. Einen etwas gruseligen Beigeschmack erhält das Kunstwerk durch Einschusslöcher im Spitzdach des Portals, aus denen Blut zu laufen scheint, in denen aber auch ein paar Vögel nisten. Bleibt nur zu hoffen, dass diese nicht auch noch einen Platzregen auslösen. Falls doch, bleiben mit Amina Brotz' Pantoffeln zumindest die Füße trocken.

Weitere Informationen

Die Ausstellung ist vom 12. Juli bis zum 13. September in der Städtischen Galerie, Buntentorsteinweg 112, zu sehen. Öffnungszeiten: Donnerstag bis Sonntag 12 bis 18 Uhr; Dienstag und Mittwoch nach Anmeldung.

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