Stille Mahnmale

Neue Stolpersteine erinnern an NS-Opfer aus Bremen

Die glänzende Messingfläche unterbricht das graue Straßenpflaster und soll Passanten aufmerksam machen, auf das Schicksal von Menschen, die ermordet wurden. In Bremen gibt es nun 14 neue Stolpersteine.
19.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Gerald Weßel
Neue Stolpersteine erinnern an NS-Opfer aus Bremen

Künstler Gunter Demnig verlegt den Stolperstein für Gustav Adolf Waldmann, der in der Gastfeldstraße 57/59 wohnte und wegen seiner politischen Aktivitäten verfolgt wurde.

Roland Scheitz

Ein letzter vorsichtiger Handgriff, dann ist er an seinem Platz. Der Stolperstein, der an Gustav Adolf Waldmann erinnern soll. Er wurde während der NS-Zeit aus politischen Gründen verfolgt und Jahre nach seinem Verschwinden 1951 für tot erklärt. Die Familie Waldmann lebte von 1936 bis 1945 in dem Haus Gastfeldstraße 57/59, vor dem nun an ein Stolperstein an ihn erinnert. Sein Sohn und seine Enkeltochter bezeugen, wie die Messingplatte im Boden versinkt und das Mahnmal seinen Platz findet.

Wir alle laufen tagtäglich an den Häusern von Menschen vorbei, die im Namen der NS-Ideologie gewaltsam verschleppt und dann ermordet oder in den sicheren Tod geschickt wurden. An den einzelnen Menschen denkt heute kaum noch jemand, abgesehen von Nachkommen, sofern es welche gibt – oder geben konnte. In die Gegenwart geholt werden sollen ebendiese Schicksale mittels der Gedenksteine, von denen es allein in Bremen mehr als 700 gibt. Sie wurden schon in 26 Ländern verlegt und bilden damit das größte dezentrale Mahnmal der Welt.

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Die Stolpersteine sind ein Kunst- und Erinnerungsprojekt des Bildhauers und Aktionskünstlers Gunter Demnig, das im Jahr 1992 begann. Die Inschrift gibt jeweils Auskunft über Namen, Alter und Schicksal des Einzelnen. Die Buchstaben und Ziffern werden von Hand in die Messingtafel gemeißelt, die anschließend auf einem Betonstein verankert und im Boden versenkt wird, sodass die glänzende Messingfläche das raue Straßenpflaster unterbricht. Der Ort der Verlegung ist in der Regel vor dem Haus, in dem der Mensch gewohnt, das er oder sie nicht freiwillig für immer verlassen hat. Wenn das jeweilige Gebäude nicht mehr erhalten ist, wird das Mahnmal auf einer Freifläche in den Boden gelassen.

Rettung vor dem Hungertod

14 neue Stolpersteine werden an diesem Tag in Bremen verlegt, 13 in Bremen und einer in Bremen-Vegesack. Letzterer wird von der Initiative Nordbremer Bürger gegen den Krieg an Ort und Stelle gebracht. Sie erinnern damit an Karl Wastl. Er war ein Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands und während der NS-Zeit Widerstandskämpfer. Von den Nazis wurde er in den Konzentrationslagern Neuengamme, Sachsenhausen und Mauthausen gefangen gehalten. Im KZ Sachsenhausen rettete er laut Berichten von Überlebenden gemeinsam mit anderen Häftlingen sowjetische Kriegsgefangene vor dem Hungertod. Der Stolperstein, der an ihn und sein Schicksal erinnern soll, liegt nun vor seinem ehemaligen Wohnhaus an der Kirchheide 83 in Vegesack.

Gustav Adolf Waldmann aus der Gastfeldstraße, geboren 1900 in Bremen, war Lehrer und unterrichtete an der Schule an der Odernstraße. Er arbeitete, nachdem er 1933 aus dem Schuldienst entlassen worden war, als Fremdenführer in der Böttcherstraße. Die Gründe für seine Entfernung aus dem Lehrerberuf waren für die Nationalsozialisten vielfältig: Waldmann kam aus der Wandervogel-Bewegung, in der sich hauptsächlich Schüler und Studenten bürgerlicher Herkunft zusammenfanden, geeint von dem Gefühl, die Enge gesellschaftlicher Konventionen abstreifen zu wollen. Zudem war er Mitglied des Deutschen Freidenker-Verbandes und der Esperanto-Gesellschaft und politisch vielfältig aktiv: nicht nur als Mitglied der SPD, sondern seit Mitte der 1920er-Jahre auch im Internationalen Sozialistischen Kampfbund. Gewerkschaftlich organisierte Gustav Adolf Waldmann sich im Bremischen Lehrerverein, einem Vorläufer der heutigen Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft.

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1933 wurde er kurzfristig in Haft genommen, aber wieder freigelassen. 1938 kam Waldmann dann wegen „politischer Verdächtigung“ und „Verbreitung illegaler Schriften“ in Untersuchungshaft. Die Anklage lautete auf „Vorbereitung zum Hochverrat“. Der 4. Senat des Kammergerichts Berlin verurteilte Waldmann 1939 zu zwei Jahren „Zuchthaus“ und drei Jahren „Ehrverlust“. Hierdurch verlor der „Entehrte“ seine Rechte als Staatsbürger – beispielsweise das Wahlrecht. Am 12. Februar 1941 wurde Adolf Waldmann aus der Haft entlassen.

Nun versuchte er mit verschiedenen Arbeitstätigkeiten seine Familie über Wasser zu halten, bis er 1944 zum Militärdienst eingezogen wurde. Waldmann musste sich bei dem Strafbataillon 999, auch „Bewährungseinheit“ genannt, einfinden, das zur „Bandenbekämpfung“ in Jugoslawien eingesetzt wurde – ein Todeskommando. Am 27. August 1944 sei er „von einem Einsatz gegen Banditen nicht zurückgekehrt“ und vermutlich „dem Feind in die Hände gefallen“, schrieb der Kompanieführer später an die Ehefrau Waldmanns. Gustav Adolf Waldmann wurde 1951 für tot erklärt.

Gedenksteine gehen in den Besitz der Stadt über

Das Jahr steht auf dem Stein, der nun vor dem Haus Gastfeldstraße 57/59 an ihn erinnert. Die Herstellung und Verlegung der steinernen Mahnmale lagen jahrelang allein bei Gunter Demnig. Aufgrund der Dimension, die das Projekt gewonnen hat, wird er indes von einem befreundeten Künstler unterstützt. Und in Bremen werden die Steine seit Jahren auch von Straßenbauern verlegt, die am Schulzentrum des Sekundarbereichs II an der Alwin-Lonke-Straße ausgebildet werden – mit amtlicher Genehmigung. Die erforderliche Zustimmung haben sowohl die Deputation für Bau als auch die Stadtteilbeiräte im Jahr 2004 erteilt. Mit der Verlegung gehen die Gedenksteine in den Besitz der Stadt über. Die Genehmigung des Hauseigentümers ist aus rechtlicher Sicht nicht erforderlich. Eigentümer und Bewohner werden jedoch über das Vorhaben informiert. Soweit Angehörige der Opfer bekannt sind, werden sie um Zustimmung gebeten.

Abgesehen von Wastl und Waldmann fanden noch zwölf weitere Steine einen Platz. Darunter zahlreiche für Mitglieder der Zeugen Jehovas, die im Dritten Reich quasi unter Generalbeobachtung standen, sowie der Euthanasie zum Opfer Gefallene oder Menschen jüdischen Glaubens, die im Zeichen des Rassenwahns der Nazis ermordet worden sind. An sie alle sollen die insgesamt 14 Steine erinnern, damit die heutigen Bremer Bürger in ihrem Alltag gedanklich ab und an einmal über sie „stolpern“.

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