Tischgespräch – zu Hause serviert

Die Suche nach dem guten Ende

Restaurants wie der Kuhhirte werden kreativ, um ihre Kunden auch in der Corona-Krise zu bekochen. WESER-KURIER-Gastro-Kritiker Temi Tesfay probiert sich ab sofort durch die außergewöhnlichen Angebote der Stadt.
05.04.2020, 06:04
Lesedauer: 3 Min
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Die Suche nach dem guten Ende
Von Temi Tesfay
Die Suche nach dem guten Ende

Die drei Generationen hinter dem Kuhhirten: Angela Giese (v.l.), Sascha Feldt und Sigrid Minnemann bieten Essen to go an.

Christina Kuhaupt

Da sitzen sie zusammen: die 78-jährige Sigrid Minnemann, ihre 59-jährige Tochter Angela Giese und der 34-jähriger Enkel Sascha Feldt. Drei Generationen einer Familie, zusammengeschweißt durch die traditionsreiche Geschichte ihres auf dem Stadtwerder gelegenen Gasthofs Kuhhirten und durch eine Wahrheit, an der in diesen Tagen keine Tatsache drumherum führt: Wegen der Corona-Pandemie steckt ihr Traditionslokal in großen Schwierigkeiten. Doch mit vereinten Kräften stemmt sich die Familie gegen die Krise – bekleidet mit Atemschutzmasken und Handschuhen, wie es dieser Tage üblich ist.

Ihr Mittel der Wahl: eine reduzierte Karte, frisch gekochte und anschließend vakuumverpackte To-go-Angebote, die mit Hilfe einer liebevollen Anleitung zu Hause nur noch warm gemacht werden müssen. Ein Vorgehen, das beispielhaft ist für die Versuche vieler Bremer Gastronomen, die derzeit ihre Konzepte auf Abholung umstellen oder auch einen eigenen Lieferservice austesten. Einige von ihnen verkaufen außerdem schon jetzt Gutscheine für die Zeit „danach“. Und dass Not erfinderisch macht, zeigt auch das Beispiel der Am Wall gelegenen Tapas-Bar Muchos Mas, die ihr Lokal prompt in einen spanischen Supermarkt umgebaut hat.

Brief an die Politik

Es sind Versuche, die Umsatzeinbrüche ausgelöst durch die Corona-Pandemie zumindest ein Stück weit zu begrenzen. Gut zwei Wochen ist es her, dass sich die Bremer Gastronomiebranche in einem offenen Brief an den Senat gewandt hatte. Der Appell an die Politik lautete, schneller und gezielter zu helfen. Denn viele Restaurants, Bars oder Cafés stehen durch die Corona-Krise, in deren Folge die Lokale geschlossen werden mussten, vor dem Aus.

„Ja, man muss es deutlich sagen: Auch wir sind existenziell bedroht“, sagt Norbert Giese, Ehemann von Kuhhirten-Chefin Angela Giese. „Natürlich ist es die schlimmste Krise, die das Restaurant je hatte“, fügt Minnemann hinzu. Für das kommende Jahr war ein Fest zum 25-jährigen Jubiläum geplant. Doch darüber nachzudenken, fällt der Familie, die 40 Mitarbeiter beschäftigt, derzeit schwer. Denn es fehlen die Gäste und Veranstaltungen wie Kohltouren, Geburtstage, Firmenfeiern oder, in der kommende Woche, der Osterbrunch fallen aus.

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Fast hätte man es vergessen: Bald ist Ostern. Statt Ostereiern werden allerorts nun Schimmer eben jener Hoffnung gesucht, deren Ankunft in diesen Tagen traditionell gefeiert wird. Wo bleibt sie nur? Das ist die Frage, die sich auch auf den Gesichtern der Gastro-­Familie vom Kuhhirten abzeichnet.

Ob die Bemühungen, den Kunden To-go-Gerichte anzubieten, am Ende fruchten, könne niemand voraussehen, sagt Norbert Giese. „Aber den Kopf in den Sand stecken und jammern, das hilft ja nun auch nicht.“ Was denn dann helfe? Minnemann erzählt von ihren Parzellennachbarn, die sich sonst selbst versorgen würden, tags zuvor jedoch mit einer von allen Vereinsmitgliedern verabschiedeten Einverständniserklärung zum Kuhhirten gekommen seien und erklärt hätten, das Restaurant erhalten zu wollen. „Das fand ich so rührend“, sagt die Chefin mit hörbar bewegter Stimme.

Ein kleines Licht, das aufgrund der schwierigen Zeit für die Gastronomie umso heller erstrahlt. Es sind diese kleinen Geschichten, die derzeit vielerorts zu hören sind, die Zuversicht spenden. Und die dieses Ostern vielleicht zu einem der hoffnungsvollsten seit langem machen könnten.

Auf der Außer-Haus-Karte des Kuhhirten stehen unter anderem Grünkohl mit Kartoffeln, Kochwurst, Speck, Kassler und Pinkel sowie ­Falscher Hase mit Bratensauce, Kohlrabi in Rahm und Salzkartoffeln.

Auf der Außer-Haus-Karte des Kuhhirten stehen unter anderem Grünkohl mit Kartoffeln, Kochwurst, Speck, Kassler und Pinkel sowie ­Falscher Hase mit Bratensauce, Kohlrabi in Rahm und Salzkartoffeln.

Foto: Temi Tesfay

Was es gab: Vegetarische Kohlroulade mit Kräutersauce und Salzkartoffeln (7,50 Euro), Falscher Hase (Hackbraten) mit Bratensoße, Kohlrabi in Rahm und Salzkartoffeln (7,50 Euro), Grünkohl mit Kartoffeln, Kochwurst, Speck, Kassler und Pinkel (13 Euro).

Top-Tipp: Der saftige, in delikater Bratensoße aufgekochte Hackbraten. Die Grünkohlportion ist nur noch zwei Wochen auf der Karte.

Was es noch gibt: Kartoffelsuppe (4 Euro), Rinderrouladen mit Rotkohl und Kartoffeln (12 Euro), Hühnerfrikassee (7,80 Euro), Rindergulasch mit Nudeln (11 Euro), Lammbraten mit Süßkartoffelpüree und Bohnen in Buttersauce (14 Euro), Burgunderbraten mit Rosenkohl und Salzkartoffeln (7 Euro).

Wie bestellt werden kann: Es empfiehlt sich eine telefonische Vorbestellung unter der Telefonnummer 0421/55 52 02. Die Gerichte können montags bis sonntags zwischen 11.30 und 19 Uhr abgeholt werden. Adresse: Kuhhirtenweg 7-11, 28201 Bremen. Webseite: www.derkuhhirte.de

Info

Zur Person

Temi Tesfay

hat Hunger auf Bremen. Auf seinen wöchentlichen Streifzügen durch die heimische Gastroszene hat er schon viele Küchen, Köche und kulinarische Schätze der Stadt kennen gelernt. Unter dem Titel „Mahlzeit Bremen“ schreibt er außerdem einen Foodblog.

Weitere Informationen

Für seine Tischgespräche trifft Temi Tesfay normalerweise Gastronomen in Bremen und Umgebung und testet deren Gerichte. Aufgrund der Corona-Pandemie sind Restaurants und Cafés derzeit geschlossen, viele bieten aber Lieferservice und To-Go-Gerichte an. In den kommenden Folgen der Tischgespräche probiert Tesfay sich durch einen Teil des außergewöhnlichen Angebots.

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