Oberschule am Leibnizplatz

Toben auf 45 Quadratmetern

Gerade jüngere Schüler haben noch einen enormen Bewegungsdrang. Ihnen zuliebe eröffnet die Oberschule am Leibnizplatz einen neuen Bewegungsraum.
23.11.2019, 07:58
Lesedauer: 4 Min
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Von Helke Diers
Toben auf 45 Quadratmetern

Anton, Lea und Adriana (von links) nutzen die Matte nicht nur zum Toben, sondern auch zum Entspannen.

Roland Scheitz

Rennen, raufen und kämpfen – das dürfen die Schülerinnen und Schüler der Oberschule Leibnizplatz (OSL) jetzt ganz offiziell. Die Schule in der Neustadt hat einen neu ausgestatteten Bewegungsraum. Der ist mir einer dicken Matte ausgelegt und ansonsten leer. Auf der blau-roten Schaumstoffunterlage ist nur verboten, was einem Anderen weh tut. Alles weitere klären die Fünft- bis Siebtklässler unter sich.

Was die Kinder im Raum machen, sei ganz unterschiedlich, berichtet die Ganztagskoordinatorin Petra Meyerdierks. „Die Nachfrage ist bei den Jungs größer, als bei den Mädchen. Die Jungs wollen raufen, sich messen, wie weit kann ich gehen. Das hat indirekt auch etwas mit Lernen zu tun. Das ist keine Wissensvermittlung, aber wir wollen unsere Schüler auch stark machen in sozialen Kompetenzen. Ich muss regeln, ich muss dem Anderen zuhören, ich muss mich wohlmöglich auf Kompromisse einlassen.“ Das sei wichtig für die jüngeren Schüler. Viele Mädchen würden den Raum für akrobatische Übungen und Tanz nutzen. „Ich merke eine Veränderung, wenn die Schüler nach der Viertelstunde wieder aus dem Raum herauskommen“ berichtet Meyerdierks. „Es fällt etwas ab.“

Meyerdierks sagt zur Idee: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die jüngeren Schüler noch einen ganz großen Bewegungsdrang haben. Ihnen fällt es teilweise schwer, so lange still und ruhig im Unterricht zu sitzen.“ In den regulären Schultag sind deshalb auch Bewegung und Ballspiel neben kreativen Angeboten integriert. „Die Kinder wollen spielerisch gucken, wo ihre Grenzen sind. Wo sind die des Anderen?“. Es gebe zwar auch den Pausenhof, aber da könne man „nicht so richtig raufen. Bewegung ist ganz, ganz wichtig für die ganzheitliche Entwicklung der Kinder.“ Der kommissarische Schulleiter Karsten Lüpke unterstreicht das: „So kommt man den Kindern in ihren physiologischen Bedürfnissen näher, sodass sie sich besser wieder konzentrieren können.“ Die Empfehlungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unterstützen die Erfahrung der Lehrkräfte. Die Bundeszentrale ist ebenfalls der Ansicht, körperliche Aktivität habe positive Effekte auf das menschliche Gehirn. Sie empfiehlt für Kinder zwischen sechs und 18 Jahren eine tägliche Bewegungszeit von mindestens 90 Minuten.

Bis vor zwei Jahren nur lose Matten

Bis vor zwei Jahren war der Bewegungsraum nur mit Teppich und losen Matten ausgelegt. Christoph Klauck ist Mitglied im Schulverein und hat selber einen Sohn in der 10. Klasse der Schule. Er bot früher eine Aikido-AG an und nutze den alten Raum. Es war seine Idee, den Raum komplett mit der 45 Quadratmeter großen, unverrückbaren Matte auszulegen. „Ich kenne das aus unserem Aikidotrainingsraum: Wenn Kinder dort hereinkommen, legen sie sofort losen. Die brauchen nichts, weil da weiche Matten liegen.“ Klauck organisierte die Finanzierung des Projekts. Der Schulverein steuerte 1000 Euro bei, 500 kamen von der Sparkasse. Sie unterstützt im Rahmen des Programms „Bremen macht Helden“ Projekte für Kinder und Jugendliche. „Wir als Mitarbeiter der Stadtteilfiliale Neustadt freuen uns natürlich besonders, dass wir hier unserem Nachbarn helfen konnten“, so Tina Marie Ahlring von der Sparkasse. Für den Sparkassenfond könnten sich verschiedenste Projekte bewerben und eine vielfältig zusammengesetzte Jury entscheide über die Vergabe.

Nun sind dreimal pro Woche für jede Jahrgangsstufe 15 Minuten die Türen des Raumes geöffnet. Weitere Zeiten sollen in den freien Pausen hinzukommen. Nach einer Viertelstunde ist Schluss. „Wir haben festgestellt, wenn wir die Kinder zu lange im Raum lassen, dann schaukeln die sich hoch.“ ist die Erfahrung der Ganztagskoordinatorin.

Am Mittwochvormittag liegen drei Schüler aufeinander, verhaken ihre Beine und machen dann Situps. Andere rennen wild im Kreis an der Spiegelwand vorbei oder werfen sich auf den Boden. Adriana, Lea und Anton sind elf Jahre alt und gehen in die sechste Klasse. Bei ihnen kommt der neugestaltete Bewegungsraum gut an. „Ich finde das richtig cool hier. Ich spiele immer Ticken mit Lea.“ sagt Adriana. „Ich finde es super, weil man total gut Kraft abbauen kann“ erzählt Anton. „Manchmal gibt es auch Streit, wenn jemand zu hart mit einem anderen kämpft.“

Kinder stimmen auch mal ab

Gelegentlich stimmen die Kinder auch darüber ab, was gespielt werden soll. Die drei sind sich einig: Es klappt sehr gut mit den Absprachen untereinander. Was die Kinder im Mattenraum tun wollen, bestimmen sie nämlich selbst. „Wir machen keine Anleitung“ erklärt Meyerdierks. Die Kindern sollten bestenfalls vorher untereinander Regeln absprechen. Die Mitarbeiter hielten sich raus. „Das klappt richtig, richtig gut. Wir Erwachsenen müssen da manchmal einfach die Augen zumachen. Das sieht schon ganz wild aus, wie die da manchmal übereinander liegen.“ berichtet Meyerdierks aus dem Schulalltag. Die stoßabsorbierenden Matten zeigen bisher Wirkung. „Der Raum ist jetzt seit neun Wochen in Betrieb. Wir hatten keine Verletzten.“

Auch andere Institutionen setzen vermehrt auf Bewegungsangebote im Alltag. Die Universität Koblenz hat ein Projekt „Bewegte Uni“ und setzt auf Hinweistafeln zur Vermeidung des Aufzuges, Fitnessübungen in der Mensawarteschlange und Tipps für Bewegungspausen in den Vorlesungen. An der Universität Bremen können sich Mitarbeiter während einer sogenannten Bewegten Pause unter Anleitung kräftigen und dehnen. Vielleicht können die Erfahrungen mit dem Mattenraum ja auch andere Schulen überzeugen, einen solchen Raum einzurichten, hofft Meyerdierks vom Leibnizplatz

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