Theaterstück über Altersdiskriminierung

Unsichtbare, ältere Frauen? Von wegen!

Die Schauspielerinnen Franziska Mencz und Brigitte Bertele, die auch erfolgreiche Filmregisseurin ist, wollen in der Schwankhalle mit „Rage“ das Tabu des Schweigens über Altersdiskriminierung brechen.
12.02.2020, 14:26
Lesedauer: 3 Min
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Unsichtbare, ältere Frauen? Von wegen!
Von Sigrid Schuer
Unsichtbare, ältere Frauen? Von wegen!

Brigitte Bertele (links) und Franziska Mencz haben vor etwa 20 Jahren ­gemeinsam die Schauspielschule ­absolviert, an diesem Freitag stehen sie in der Schwankhalle erstmals gemeinsam auf der Bühne. Sie beschäftigen sich in dem Stück „Rage“ mit dem Thema ­Diskriminierung im Alter.

Roland Scheitz

Von der Krimi-Bestseller-Autorin und Commissario-Brunetti-Schöpferin Donna Leon stammt der Satz, dass Frauen, sobald sie ein gewisses Alter erreicht hätten, unsichtbar sein würden. Brigitte Bertele und Franziska Mencz haben in ihren Recherchen und Interviews, auf denen ihr Stück „Rage“ basiert, genau das festgestellt. „Rage“ hat am Freitag, 14. Februar, 20 Uhr, in der Schwankhalle, Buntentorsteinweg 112-116, Premiere.

Damit wird ein Schwerpunkt von feministischen Stücken eingeläutet. „Ganz viele Frauen empfinden das so, sagen es aber nicht“, betont Franziska Mencz, die lange Ensemble-Mitglied der Bremer Shakespeare Company war und in Rollen wie Maria Stuart, aber auch in Fernsehrollen wie 2018 in „Die Affäre Borgward“ glänzte. Diese Art von Altersdiskriminierung unterliege einem Tabu, fügt sie hinzu.

Dabei, so hat eine Studie von Professor Klaus Rothermund und Anne-Kathrin Mayer vom Lehrstuhl Psychologie an der Universität Jena ergeben, ist Altersdiskriminierung die zahlenmäßig größte in unserer Gesellschaft, noch vor Rassismus oder Diskriminierung wegen des Geschlechts, religiöser oder sexueller Orientierung. Denn die Betroffenen haben keine Stimme, weil sie sich immer mehr in sich selbst zurückziehen, und sie haben darüber hinaus keine Lobby. Die schlimmste Form der Altersdiskriminierung sei die der Gewalt gegenüber alten Menschen, die wehrlos sind. „Das fanden wir erschreckend“, ergänzt Brigitte Bertele. Die beiden Mittvierzigerinnen haben vor mehr als 20 Jahren gemeinsam die Schauspielschule absolviert und zusammen verschiedene Projekte geleitet.

Nun stehen sie erstmalig zusammen auf der Bühne. Das Ziel der Powerfrauen ist es, dieses Tabu des Schweigens mit ihrem Stück „Rage“ ein Stück weit aufzubrechen. Vordergründig hat sich schon einiges in Sachen Emanzipation auch älterer Frauen getan. So ist Christine Lagarde Präsidentin der Europäischen Zentralbank und Nancy Pelosi Sprecherin des US-Repräsentantenhauses. Doch das seien immer noch Ausnahmen, betonen die Schauspielerinnen: „Alte Männer sind in der Gesellschaft, ob nun in Wirtschaft, Politik oder Kultur, deutlich präsenter als gleichaltrige Frauen.“ In Film und Fernsehen, aber auch auf der Theaterbühne bildeten Frauen wie Iris Berben, Senta Berger, Christiane Hörbiger und die kürzlich verstorbene Hannelore Elsner die Ausnahme. Auch sie seien allerdings dem „Machbarkeitswahn“, dem Zwang zu Jugendlichkeit und Attraktivität unterworfen.

Gerade im künstlerischen Bereich sei sonst zu beobachten, wie dramatisch die Rollenangebote abnehmen würden, sobald eine Schauspielerin die magische Grenze von 35 oder 40 Jahren überschritten hätte. Dagegen gebe es genügend attraktive Rollen für ältere Männer. Brigitte Bertele hat sogar selbst einmal erlebt, wie eine Frau aus dem Produktionsteam eines Dokumentarfilmes die alten Hauptdarstellerinnen, die solch einen Humor und Esprit gehabt hätten, so diskreditiert habe: „Wer will denn so alte, faltige Frauen sehen?“ Diese Art von Nichtachtung unter Frauen empfindet sie als besonders demütigend. Die Schauspielerin hat sich inzwischen höchst erfolgreich aufs Regie-Fach verlegt und erhielt für ihre Filme mehrere Auszeichnungen.

„Rage“ bedeutet aus dem Englischen übersetzt Wut. Unlängst widmete sich die Autorin Julia Kohli im Magazin der Basler Zeitung der „Wut der Frauen“ – und zwar nicht nur den Aktivistinnen der Me-Too-Bewegung. Beleuchtet wurde, dass Mädchen in ihrer Erziehung eher auf ausgleichendes Verhalten konditioniert werden würden. Und selbst Hollywood-Schauspielerin Gwyneth Paltrow wurde zitiert, dass Frauen in einer Beziehung bloß nicht wütend reagieren sollten, das sei Gift für eine Partnerschaft. Umso irritierter und wütender reagieren die zumeist älteren Herren der Schöpfung auf Wutausbrüche der 17-jährigen schwedischen Klima-Aktivistin Greta Thunberg oder eben von Nancy Pelosi im US-Repräsentantenhaus, die beide mit Vorliebe auf den Tisch hauen.

Ihre Vorreiterin war die italienische Schauspielerin Anna Magnani, die in den 1950er-Jahren Filme wie „Die tätowierte Rose“ drehte. Der Abend, den Bertele und Mencz als skizzenhaft und performativ bezeichnen und in dem sie viele Fragen stellen, lebt nicht nur von Wut und Empörung, sondern auch gerade von leisen und nachdenklichen Tönen. Und für die wird unter anderem die renommierte Cellistin Tanja Tetzlaff mit Improvisationen und Musik von Benjamin Britten sorgen. „Die Reise dahin war ein sehr persönlicher Weg, auf dem wir das Altern reflektiert haben“, unterstreicht Franziska Mencz. Die Texte zu „Rage“ haben sie zur Hälfte selbst geschrieben, die andere Hälfte stammt von lebensklugen, zeitgenössischen Autorinnen und Autoren. Eine davon ist Hilde Domin. Schön wäre es, wenn das Publikum bei ihrem Abend zur Altersdiskriminierung in Rage geriete, wünschen sich die beiden.

Das Stück „Rage“ hat am Freitag, 14. Februar, um 20 Uhr in der Schwankhalle, Buntentorsteinweg 112-116, Premiere. Weitere Vorstellungen: Sonnabend, 15. Februar, 20 Uhr, und Sonntag, 16. Februar, 15.30 Uhr. Die Tickets ­kosten 14, zehn oder sieben Euro und können unter Telefon 520 80 70 bestellt werden.

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