Zukunftspläne für Kiosk am Werdersee

Gute Aussichten für rote Bude am Werdersee

Neues Leben ist in die rote Bude am Werdersee eingezogen. Hinter dem Huckelrieder Deichschart bewirtschaftet der Verein Farm den Kiosk nun täglich.
05.04.2020, 22:50
Lesedauer: 4 Min
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Von Karin Mörtel
Gute Aussichten für rote Bude am Werdersee

Der Verein Farm öffnet den Kiosk weiterhin täglich zwischen 12 und 18 Uhr. Nach einer gelungenen Zwischennutzung darf der Verein nun fünf Jahre weitermachen

Frank Thomas Koch

Lieber zur Arbeit gehen als Zuhause sitzen – das gilt für Barbara Schneider in Corona-Zeiten ebenso wie im ganzen Leben. Für die 62-Jährige war es daher ein Glücksfall, dass sie gemeinsam mit zwei weiteren Langzeitarbeitslosen über den Verein Farm vor einem knappen Jahr einen festen Arbeitsplatz im Deichschart-Kiosk am Werdersee bekommen hat. Nun hat der Verein nach seiner erfolgreichen Zwischennutzung der roten Bude von der Baubehörde den Zuschlag bekommen, den Kiosk auch die kommenden fünf Jahre betreiben zu dürfen.

Den Grund dafür nennt Iris Bryson aus der Baubehörde, die die Suche nach einem neuen Kiosk-Betreiber durchgeführt hat: „Der Verein war von allen Bewerbern am überzeugendsten im Hinblick auf Nachhaltigkeit, soziales Engagement, geplante Angebote und Vernetzung im Stadtteil.“ 24 Anfragen habe es zu der Ausschreibung im vergangenen Jahr gegeben, „aber nur drei konkrete Bewerbungen sind bei uns eingegangen“, so Bryson.

„Wir sehen den Kiosk als soziales Projekt“

Vereinsvorstand Uwe Mühlmeyer freut sich über den Zuschlag der Behörde, auch wenn er noch keinen Mietvertrag über die kommenden fünf Jahre in den Händen halten kann. Der kommt aber noch, sichert Bryson zu, sobald letzte Fragen zum Wasser- und Abwasseranschluss geklärt sind. „Wir sehen den Kiosk als soziales Projekt“, erklärt Mühlmeyer die Grundidee des Vereins für die rote Bude. Ziel sei es, den Kiosk „zuverlässig zum Wohle der Umgebung zu öffnen“ und mit Langzeitarbeitslosen zu arbeiten. „Dazu gibt es größere und kleinere Veranstaltungen, um den sozialen Zusammenhalt im Quartier zu stärken“, so Mühlmeyer.

Dass der Rentner weiß, woher man die Fördergelder für den sozialen Arbeitsmarkt bekommt, ist kein Wunder. War er doch noch kurz zuvor langjähriger Geschäftsführer des Bremer Vereins Bras, dem Beschäftigungssträger, der mittels staatlicher Fördergelder Langzeitarbeitslosen Beschäftigung und Weiterbildung anbietet. Für den Kiosk hat er im Mai 2019 Menschen gesucht, die vom Jobcenter gefördert werden und im Kiosk arbeiten wollen. Barbara Schneider ist die erste gewesen, die ab Juni dann mitgemacht hat.

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„Diese Chance wollte ich mir nicht entgehen lassen, die Arbeit hier macht mir riesen-Spaß“, sagt die Grafikdesignerin. Nach einer Privatinsolvenz hatte sie sich zuvor jahrelang mit Minijobs über Wasser gehalten. Imbiss, Kneipe, Putzen, Altenbetreuung – einige Kenntnisse, die sie in ihrem früheren Arbeitsleben erworben hat, kann sie nun einbringen. „Unser Personal organisiert seinen Arbeitsplatz überwiegend selbst“, sagt Holger Schmidt vom Verein Farm. Langfristiges Ziel ist, dass die gefördert-Beschäftigten irgendwann wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen können. Schichtpläne, Kassenbuch und Wareneinkauf übernehmen Barbara Schneider und ihre zwei Kollegen selbst. Und sie stehen täglich zwischen 12 und 18 Uhr verlässlich hinterm Tresen, schenken Kaffee aus, verkaufen Eis und halten ein Schwätzchen mit den Kunden.

Quartiersmanager Marc Vobker hat für das Engagement des Vereins ausschließlich Lob übrig. „Seit Farm hier übernommen hat, ist hier vor Ort enorm viel los. Das ist richtig toll, in welcher kurzen Zeit das gelungen ist.“ Denn genau das sei es, was der Stadtteil brauche. Das hatte auch der Neustädter Beirat immer wieder betont. Soziale Kontrolle, damit der Ort nicht verwahrlost sowie Angebote zur Begegnung war der Wunsch der Stadtteilpolitik.

Glühwein bei besonderen Aktionen

Der Beirat war es auch, der schließlich sein zuvor kategorisches Nein zum Alkohol-Verkauf aufgehoben hatte, um einen wirtschaftlichen Betrieb des Kiosks möglich zu machen. Denn der vorherige Betreiber hatte darauf hingewiesen, dass zu viele Auflagen verhinderten, dass sich der Betrieb rechne. „Wir sind gegen den Verkauf von Alkohol“, stellt Mühlmeyer klar. In Ausnahmefällen sei denkbar, für besondere Aktionen die Erlaubnis für einen Glühweinausschank einzuholen. „Aber grundsätzlich brauchen wir das nicht, um hier wirtschaftlich zu arbeiten“, betont der Vereinsvorstand. Er möchte sich lieber darauf konzentrieren, die Nachbarschaft stärker einzubinden. Kleinere Veranstaltungen in einem extra aufgebauten Tipi nebenan sind im Winter bereits erfolgreich gelaufen. Unter anderem Kindertheater war zu sehen, angeboten von Amateuren und Profis. „Da wir die Personalkosten über Fördergelder abdecken können, konnten wir die Kinder dort auch kostenlos aus unseren Verkaufserlösen bewirten“, berichtet Mühlmeyer. Nun schwebe dem Verein eine Art Zelt-Festival vor, das auch auf Angebote aus der Nachbarschaft am Kiosk setzt. „Aber die Pläne müssen wir wegen der laufenden Infektionswelle erst einmal auf Eis legen“, bedauert er.

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Damit der Kiosk auch während der Corona-Krise weiterlaufen kann, gelten besondere Vorsichtsmaßnahmen: „Das Personal arbeitet kaum noch zu zweit“, so Mühlmeyer. Und es gibt es Schilder, die auf das Abstandsgebot hinweisen. Etwa auf Kopfhöhe ist Klarsichtfolie notdürftig zum Schutz angebracht. „Außerdem haben wir den Sandwichverkauf vorübergehend eingestellt und verkaufen überwiegend nur noch abgepackte Ware wie Eis“, so Mühlmeyer. Ausnahme ist der Kuchen, der auf Papptellern statt auf Porzellan serviert wird. Auch Kaffee gibt es nur noch im Einwegbecher. „Und die Tische und Stühle vor dem Kiosk bauen wir nicht mehr auf, es gibt nur noch Außer-Haus-Verkauf“, erklärt Schneider.

Ganz gerührt zeigt sie sich von dem rücksichtsvollen Verhalten der Kunden. „Besonders die Kinder haben Angst, mich anzustecken und achten sehr darauf, dass wir uns nicht zu nahe kommen“, hat sie beobachtet. Eine Schließung der Bude wegen des Coronavirus kommt für sie trotz ihrer gesundheitlichen Probleme nicht infrage: „Besonders für die Älteren, die alleine sind, sind wir gerade jetzt die letzte Bastion gegen die Einsamkeit.“

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