Neuer Orthopädie-Firmensitz

Wie die Pläne für ein Gesundheitszentrum in Huckelriede aussehen

Eine WG für Wachkomapatienten, eine Rollstuhl-Waschanlage, ein Stadtteilcafé sowie Platz für Arztpraxen und eine Apotheke. Das sind die Pläne für den neuen Firmensitz von Orthopädie-Technik Martens.
22.08.2019, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Karin Mörtel
Wie die Pläne für ein Gesundheitszentrum in Huckelriede aussehen

So sieht der vorläufige Planungsstand zum Neubau auf der ehemaligen Straßenbahn-Wendeschleife am Niedersachsendamm aus.

Johannes Schneider Architekt BDA

Es sind außergewöhnliche Pläne für einen neuen Firmensitz, die Jörg Martens und Edith Großschädl von Orthopädie-Technik Martens präsentieren: Sie beinhalten eine Wohngemeinschaft für Wachkomapatienten, eine Rollstuhl-Waschanlage, ein Stadtteilcafé sowie Platz für Arztpraxen und eine Apotheke. Die Geschäftsleiter der Bremer Firma beschreiben ihr Vorhaben als „Gesundheitszentrum“ und wollen es auf dem Grundstück der ehemaligen Straßenbahn-Wendeschleife am Huckelrieder Park realisieren.

„Wir befinden uns dort genau zwischen den drei Krankenhäusern Roland-Klinik, Klinikum Links der Weser und Rotes-Kreuz-Krankenhaus und sind damit gut erreichbar für Patienten, die unsere Angebote nutzen“, begründet Firmenchef Martens die Entscheidung. Die Wirtschaftsförderung hatte das Grundstück ins Spiel gebracht und damit offenbar eine glückliche Hand bewiesen. Denn dort sei die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr perfekt, findet Martens. Er wird künftig von seinem Büro aus direkt auf die Umsteigestelle Huckelriede blicken, wo sich etliche Straßenbahn- und Buslinien kreuzen.

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Der Spezialist für Orthopädie- und Rehatechnik firmiert derzeit noch in Kattenturm-Mitte. Doch dort platze der expandierende Familienbetrieb aus allen Nähten, schildert Martens die Raumnot des Unternehmens, das sein Vater Jürgen Martens 1978 gründete. Nicht nur im Ausstellungsraum sei es zu eng geworden, sondern es fehlten auch Büros für neue Mitarbeiter.

Am neuen Standort plant er nun gemeinsam mit Prokuristin Großschädl einen großzügig geschnittenen Schauraum für alle Artikel des Sanitätshauses. Außerdem wollen sie ein neuartiges Versuchslabor einrichten, wo Kunden mit körperlichen Einschränkungen praktisch testen können, mit welchem Rollstuhl oder anderen Hilfsmitteln sie ihren Alltag am besten bewältigen können. „Das ganze Haus wird nicht nur barrierefrei, sondern rollstuhlgerecht gestaltet“, betont Martens. Das bedeutet für ihn der Verzicht auf Schwellen sowie Aufzüge, die so groß sind, dass ein Rollstuhlfahrer darin bequem wenden kann.

Zusammenführung spart Zeit und Kosten

Außerdem wollen Jörg Martens und Edith Großschädl die momentan noch zwei getrennten Unternehmensteile zusammenführen und künftig auch Lager und Werkstätten für Orthopädie- und Reha-Technik sowie die Waschanlage für Rollstühle im neuen Firmensitz integrieren. Für das Unternehmen würden mit der Vereinigung an einem Standort hohe Zeitverluste und Transportkosten entfallen, betonen beide.

Es war eine Vorgabe der Baubehörde, dass auf dem städtischen Grundstück an dieser zentralen Stelle am Huckelrieder Park ein markantes Gebäude entsteht. Quasi als städtebauliches Ausrufezeichen am südlichen Eingang zur Neustadt. Weiterer Anspruch der Stadt: Das Haus solle nicht nur Büros beherbergen, sondern auch einen Nutzen für den Stadtteil sowie Platz für besondere Wohnformen enthalten.

Der Käufer des Grundstücks und seine Entwürfe gelten daher in der Baubehörde als Glücksfall, da der Bauherr nicht nur an ein öffentliches Café im Erdgeschoss gedacht hat, sondern auch mehrere Arztpraxen und Wohnungen für Menschen mit körperlichen Einschränkungen in den oberen Stockwerken mit eingeplant hat.

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So wuchs jedoch der Baukörper, der zu Beginn noch viel kleiner angedacht war, auf den heutigen Planungsstand von etwa 22 Metern Breite und 62 Metern Länge an. Er ist überwiegend vierstöckig angelegt mit einem Turm, der inklusive Technikgeschoss an der Ecke Niedersachsendamm/Habenhauser Landstraße sechs Etagen und damit 24 Meter hoch aufragen wird.

Telekom-Gebäude in Planung integriert

Ein Umstand, den besonders Mitglieder des Neustädter Beirates kritisch sehen, auch wenn sie im Gleichklang mit dem Obervielander Beirat begrüßen, welche Angebote durch das Gesundheitszentrum geschaffen werden. Hintergrund der Kritik ist, dass rings um die ehemalige Wendeschleife in Huckelriede bereits parallel mit einem Studierendenwohnheim und den Wohnhäusern auf dem Scharnhorstkasernen-Gelände ebenfalls recht wuchtige Gebäude geplant sind. Aus Sicht einiger Stadtteilpolitiker in der Gesamtschau eine zu massive Bebauung.

Weil das Wendeschleifen-Areal nicht ausreichte, um den Verkehr auf dem Grundstück problemlos abzuwickeln, hat Martens kürzlich noch das angrenzende Gelände erworben, auf dem das zweistöckige Telekom-Betriebsgebäude stehen bleiben soll. Das will er nun aufstocken, um dort mit hochwertiger Sensorik ausgestattete „Ambient Assisted Living“- Wohnungen zu realisieren.

Im Kern geht es dabei um den Einsatz intelligenter Informations- und Kommunikationstechnologien in den Wohnräumen, die den Komfort, die Sicherheit und die Gesundheit der Bewohner steigern sollen. Diese reichen von elektrischen Fensteröffnern bis hin zu Sensoren im Bodenbelag, die Stürze registrieren können und einen Notruf absetzen.

„In diesen Wohnungen können Senioren oder behinderte Menschen weitgehend selbstbestimmt leben“, erklärt Martens sein Konzept. Aus seiner Sicht hinkt Bremen in der Umsetzung solcher AAL-Wohnungen stark hinterher. „Wir wollen das nun als eine der Ersten angehen.“

Auch mit den geplanten Wohngemeinschaften für Wachkomapatienten betritt das Unternehmen Neuland: Diese Schwerstbehinderten müssten rund um die Uhr von Fachkräften betreut werden, weshalb sie häufig in Pflegeheimen untergebracht würden, berichtet Martens. Barrierefreie Wohnangebote für diese Menschen gebe es aus seiner Sicht bislang in Bremen noch nicht. „Das wollen wir nun ändern“, so Martens.

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Die räumliche Nähe zu Ärzten wie möglicherweise einem Neurologen, Orthopäden, Internisten, Chirurgen oder Hausarzt direkt im selben Gebäude sei für die Bewohner ein zusätzlicher Gewinn an Lebensqualität, meint Martens. Einige Interessenten gebe es schon. Außerdem sollen Seminarräume, in denen das Unternehmen Schulungen zu seinen Fachthemen anbietet, das Angebot im neuen Firmensitz abrunden.

Nach zuletzt zweijähriger Verzögerung der Planungen will Martens nun so schnell wie möglich in den Neubau umziehen. Wenn möglich noch im Jahr 2021. Mit dem Baubeginn ist allerdings nicht vor Mitte 2020 zu rechnen. Das Planverfahren ist momentan noch in einem frühen Stadium. Derzeit laufen noch letzte Absprachen mit der Stadt, bevor der Kauf des Grundstücks abgeschlossen und der Bebauungsplan aufgestellt sowie letztlich von der Bremischen Bürgerschaft beschlossen werden kann.

Der Firmenchef ist aber heute schon überzeugt, dass er ein Leuchtturm-Projekt für Bremen vorantreibt: „Wir führen dort zusammen, was es einzeln bereits gibt und erschaffen damit etwas sehr Ungewöhnliches, das auch die Versorgungslage für Menschen mit körperlichen Einschränkungen in Bremen verbessern wird.“

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