Interview im SOS-Kinderdorf-Bremen

„Wir bieten ein zweites Zuhause“

Er wollte Bankkaufmann werden, doch es kam anders: Seit Oktober leitet Lars Becker das SOS-Kinderdorf Bremen. Im Interview erklärt er, was Erwachsene von Kindern lernen können, die in der Einrichtung leben.
18.10.2019, 09:54
Lesedauer: 4 Min
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Von Karin Mörtel
„Wir bieten ein zweites Zuhause“

Erst Stellvertreter, jetzt neuer Leiter des Bremer SOS-Kinderdorfs: Lars Becker.

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Ich habe Ihnen ein Reiskorn mitgebracht. Welche Bedeutung hat dieses Symbol der SOS-Kinderdörfer für Ihre Arbeit als neuer Leiter des Standortes in Bremen?

Lars Becker: Das Reiskorn erinnert mich zuallererst an den Gründer der SOS-Kinderdörfer, Hermann Gmeiner. Er hat 1963 für Korea eine weltweite Spendenaktion mithilfe von Reiskörnern gestartet, das war die Basis für die ersten außereuropäischen SOS-Kinderdörfer (siehe Infokasten unten). Aber das Korn gibt auch Anknüpfungspunkte für unsere heutige Arbeit. Besonders fällt mir dazu ein Zitat von Hermann Gmeiner ein: „Gutes tun ist leicht, wenn viele helfen.“ Das ist bei uns auch weiterhin ein Leitmotiv. Das sieht man auch an der großen Zahl an Ehrenamtlichen, die uns mit viel Engagement unterstützen.

Wie wollen Sie als neuer Leiter eigene Akzente setzen als Nachfolger der langjährigen Führungspersönlichkeit Karin Mummenthey, die das Geschehen in Bremen stark geprägt hat?

Karin Mummenthey hat den Standort Bremen mit aufgebaut und war seither 20 Jahre lang die Leiterin. Aber ich habe in den vergangenen Jahren eng mit ihr zusammengearbeitet, daher war es ein fließender Übergang für mich. Schließlich bin ich bereits seit viereinhalb Jahren hier vor Ort beschäftigt, die letzten knapp zwei Jahre davon als stellvertretender Leiter. Entscheidend für unsere zukünftigen Akzente ist jedoch nicht, was ich persönlich will, sondern was die Familien draußen konkret brauchen. Wenn ich beispielsweise in der Armutsstatistik lese, dass Alleinerziehende und Familien mit drei oder mehr Kindern ganz besonders stark betroffen sind, ist das automatisch ein Arbeitsauftrag an uns.

Wieviele Kinder leben momentan denn in Ihren Einrichtungen und aus welchen Gründen leben sie nicht zuhause in ihrer eigenen Familie?

Wir bieten zurzeit ein zweites Zuhause für 64 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. In den verschiedenen Wohngruppen leben nur sehr wenige Waisenkinder, für die die ersten SOS-Kinderdörfer ja ursprünglich gegründet wurden. Mittlerweile sind es eher die Eltern, die aus verschiedenen Gründen überfordert sind. Nicht selten haben wir es mit psychischen oder anderen schweren Erkrankungen oder Drogenmissbrauch zu tun, weshalb die Erziehungsfähigkeit der Eltern nicht so ausgeprägt ist, wie sie sein sollte. In solchen Fällen entscheidet das Jugendamt, dass das Kind nicht mehr gut zuhause aufgehoben ist.

Und wie sieht es bei Ihren älteren Schützlingen aus?

Da geht es zum einen um junge Menschen, die ohne Bezugsperson nach Deutschland geflohen sind und auf die Jugendhilfe angewiesen sind. Und dann gibt es noch unsere anderen Angebote für Jugendliche und junge Erwachsene. Darunter auch eine therapeutische Wohngruppe, in der wir junge Menschen betreuen, die in stationärer psychiatrischer Betreuung waren und noch nicht soweit sind, dass sie schon komplett alleine leben können. Wir haben uns zum Ziel gesteckt, dass mehr benachteiligte Kinder und Jugendliche als bisher, mit unserer Unterstützung ihr Leben erfolgreich gestalten können. Daran arbeiten wir jeden Tag.

Warum haben Sie sich für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen entschieden?

Ich bin auf dem Land groß geworden. Dort gab es nur den Sportverein und die Kirchenjugend als Anlaufstellen für Jugendliche. Bei einem Sommerferienlager habe ich sehr positive Erfahrungen mit den Betreuern der Kirchengemeinde gemacht. Damals wurde mir klar, dass ich etwas in der Art auch später machen möchte: Für Jugendliche da sein und ihnen eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung anbieten. Bis dahin wollte ich noch Bankkaufmann werden (lacht). Hermann Gmeiner hat übrigens auch einen Satz geprägt, der eine sehr passende Beschreibung für das ist, was Pädagogik für mich ausmacht: „Alles Große in der Welt geschieht nur, weil einer mehr tut, als er muss.“ Mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten ist nicht nur ein Job, sondern man tut häufig mehr, als eigentlich zu dem Job dazugehört. Dann kann auch Großes möglich werden. Das ist die Idee eines SOS-Kinderdorfes.

In Ihrem Verein arbeiten besonders viele Ehrenamtliche. Ist der Unterstützungsbedarf in den Familien also deutlich größer, als der Sozialstaat es abdeckt?

Sicherlich sorgt der Staat für eine Grundversorgung der Kinder und Jugendlichen, die bei uns betreut werden. Aber ohne unsere Geld- und Zeitspender wäre es nicht möglich, dass sie ihre Potenziale wirklich entfalten können. Durch ehrenamtliches Engagement und Spenden können wir viel stärker auf ihre Bedürfnisse eingehen. Und zusätzlich können wir dadurch noch Unterstützungsangebote für belastete Familien in der Neustadt und im Bremer Süden an unserem SOS-Kinderdorf-Zentrum Neustadt anbieten. Vom Second-Hand-Laden bis hin zum Sprachcafé. Inzwischen sind es über 100 Ehrenamtliche, hauptamtlich arbeiten 136 Menschen bei uns.

Was können Erwachsene von den Kindern und Jugendlichen lernen, die in Ihren Wohngruppen leben?

Ich habe großen Respekt vor der Widerstandskraft dieser jungen Menschen. Sie haben zum Teil wirklich schlimme Erfahrungen machen müssen. Wenn man in den Akten liest, bekommt man eine Ahnung davon, wozu Eltern manchmal fähig sein können. Und trotzdem sind diese Kinder und Jugendlichen mit einer großen Lebenslust unterwegs und haben nicht verlernt, zu vertrauen und darauf zu hoffen, dass es besser wird."

Das Gespräch führte Karin Mörtel.

Info

Zur Person

Lars Becker (40)

ist seit Oktober der neue Leiter des SOS-Kinderdorfs Bremen mit Hauptsitz in der Neustadt. Der promovierte Sonderpädagoge arbeitet seit Frühjahr 2015 in der Bremer Jugendhilfeeinrichtung, seit 2018 als stellvertretender Leiter.

Info

Zur Sache

Wie ein Reiskorn eine weltweite Welle der Solidarität auslöste

1963 besuchte der SOS-Kinderdorf-Gründer Hermann Gmeiner Korea, zehn Jahre nach dem dortigen Krieg. Er war geschockt von den dramatischen Bildern, die sich ihm in den Straßen von Daegu boten: „Überall Kinder in Lumpen und zu Skeletten abgemagert“, schrieb er in seinen Reisenotizen. Ein Waisenkind schenkte Hermann Gmeiner damals ein kleines Reiskorn als Symbol von Gesundheit, Frieden, langem Leben und Glück – eine damals übliche Geste in Korea. Die Begegnung brachte den Österreicher auf eine Idee, wie den Kindern in Korea geholfen werden könnte. Gmeiner bat den kleinen Jungen und dessen Freunde um mehr Reiskörner, bis er einen ganzen Sack Reis mit nach Hause nehmen konnte. An viele tausend Adressen in Europa und den USA verschickte Gmeiner daraufhin den Reis mit der Bitte, für jedes Korn einen Dollar zu spenden. Diese „Reiskornaktion“ war ein voller Erfolg. Dank der Spenden konnte 1965 in Daegu das erste SOS-Kinderdorf auf außereuropäischem Boden eröffnen.

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