Warnstreiks von Verdi in Bremen

Zwölf Bremer Kitas blieben dicht

Notdienste Kliniken und Entsorgungsbetrieben, keine Betreuung für die Kinder: Tarifbeschäftigte des öffentlichen Dienstes legten in Bremen und Niedersachsen die Arbeit nieder.
12.04.2018, 23:05
Lesedauer: 3 Min
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Von Serena Bilanceri

Bremen. Es ist Donnerstag, acht Uhr morgens, aber die Kindertagesstätte an der Leipziger Straße hat zu. Vor dem Hauptgebäude haben sich Mitarbeiter versammelt. Sie tragen rote Warnwesten mit dem Logo der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi). Sie warten. Für den Fall, dass Eltern kommen, die über den Warnstreik nicht Bescheid wissen. "Aber eigentlich haben wir schon vor einer Woche Plakate aufgehängt und die Kinder sowie deren Eltern informiert", sagt die stellvertretende Leiterin des Kinder- und Familienzentrums Leipziger Straße, Kathi Andrae. Es sei noch niemand vorbeigekommen, fügt sie hinzu. In der gesamten Einrichtung würden über 200 Kinder betreut, etwa 25 Mitarbeiter seien dort beschäftigt. Die Gruppe wird nur bis kurz vor zehn Uhr vor der Kita bleiben. Dann geht es los in Richtung Weserstadion und von dort aus zum Marktplatz, zur gemeinsamen Kundgebung.

In Bremen sind am Donnerstag Beschäftigte des öffentlichen Dienstes auf die Barrikaden gegangen. Sie sind dem Aufruf der Verdi gefolgt, die in den vergangenen Tagen in mehreren Bundesländern Warnstreiks angekündigt hatte. Über 13 000 Arbeitnehmer sollen sich laut der Gewerkschaft an den Großkundgebungen in Hannover und Bremen beteiligt haben.

Kitas, Kliniken, Entsorgungsbetriebe und weitere öffentliche Stellen wurden auch in Bremen bestreikt. "Bei uns waren heute zwölf Einrichtungen geschlossen, elf hatten einen normalen Betrieb und 53 einen Notdienst", fasst es Wolfgang Bahlmann, Geschäftsführer des städtischen Betriebs Kita Bremen, zusammen. Es habe einzelne Beschwerden gegeben, aber der Streik sei dieses Mal eher ruhig verlaufen. Man habe versucht, die Eltern relativ früh zu informieren. Am Freitag sei ein Elternbrief versendet worden, die Kitaleiter hätten gleichzeitig die Familien benachrichtigt, fügt Bahlmann hinzu. "Bei uns hat sich keiner beschwert. Natürlich waren die Eltern nicht glücklich, aber sie haben auch Verständnis gezeigt", sagt Andrae.

Verständnisvoll zeigt sich ebenfalls eine junge Mutter, die ihre Tochter zum Spielplatz im Bremer Viertel gebracht hat. Auch ihr Kindergarten hat geschlossen. "Ich hoffe, dass sie damit etwas erreichen. Denn die Betreuer leisten eine sehr, sehr gute Arbeit", sagt sie. Die junge Frau habe in Albanien ganz andere Verhältnisse erlebt. Dort habe es solche Spielplätze kaum gegeben. "Hier ist die Kinderbetreuung wirklich gut", fügt sie hinzu.

Verdi fordert für Tarifbeschäftigte des öffentlichen Dienstes bei Bund und Kommunen sechs Prozent und mindestens 200 Euro pro Monat Gehaltserhöhung. Zudem sollten Auszubildende und Praktikanten 100 Euro mehr im Monat erhalten, das will die Gewerkschaft. Im Forderungskatalog steht auch eine verpflichtende Übernahme der Auszubildenden nach erfolgreichem Abschluss. „Wir wollen genug Druck erzeugen, so dass ein Angebot vom Arbeitgeber am Wochenende kommt“, sagt Kathi Andrae. Niedrige Löhne führten zu massivem Fachkräftemangel bei der Kinderbetreuung.

Für mehr Lohn und Anerkennung kämpfen auch zwei Auszubildende des städtischen Klinikverbundes Gesundheit Nord (Geno), die anonym bleiben möchten. "Auszubildende beschweren sich oft über zu wenig Geld oder Urlaubstage und ich finde, dann muss man auch für seine Forderungen einstehen. Deswegen bin ich hier", sagt eine der jungen Frauen, die auf den Beginn der Demonstration warten. Auch eine Geno-Betriebsrätin beklagt, dass die Pflege im Moment für neue Fachkräfte nicht attraktiv genug sei. "Die Lohnanpassung ist noch nicht angemessen. Durch den Streik hoffe ich nicht nur auf mehr Lohn, sondern auch auf mehr Kollegen", sagt sie.

Laut der Polizei Bremen haben sich etwa 2500 Menschen gegen Mittag auf dem Marktplatz versammelt. Verdi geht von über 3000 aus. Die Atmosphäre ist entspannt, zwischen den Reden ertönt Musik aus den Lautsprechern. Fahnen und Luftballons werden geschwenkt – rot für Verdi, grün für die Gewerkschaft der Polizei. Die Demonstranten tragen weiße T-Shirts und Transparente mit der Aufschrift "Wir sind es wert". Neugierige Passanten und Café-Besucher beobachten das Geschehen am Rande der Veranstaltung.

Die Kundgebung sei friedlich verlaufen, teilt die Polizei mit. "Bei uns sind keine Störungen gemeldet worden", sagt Sprecher Nils Matthiesen. Beim Klinikum Bremen-Mitte sei die Beteiligung "recht akzeptabel" gewesen, erklärt Betriebsrat Thomas Hollnagel. Man habe allerdings noch keine konkreten Zahlen. In den Bremer Kliniken wurde ein Notdienst eingerichtet, damit die Patienten trotzdem behandelt werden konnten. Ärzte würden außerdem nicht am Streik teilnehmen, da sie andere Tarifverträge hätten, erläutert die Geno-Betriebsrätin. Beim Betrieb Entsorgung Nord (Eno) seien zwei Mülltouren ausgefallen und daher 340 Restmüllbehälter bei Gewerben und Großwohnanlagen in Gröpelingen und Oberneuland stehen geblieben, meldet Nehlsen-Sprecher Michael Drost. Auch Studenten der Universität Bremen dürften beim Mittagessen die Folgen des Streiks gespürt haben: Einige Mensen und Cafeterien boten am Donnerstag ein reduziertes Angebot.

In Hannover hätten an der Großkundgebung etwa 10 000 Arbeitnehmer teilgenommen, teilt die Gewerkschaft mit. Dort rief Gewerkschaftschef Frank Bsirske die Arbeitgeber des öffentlichen Dienstes dazu auf, ein Angebot vorzulegen. Für Sonntag ist in Potsdam eine Verhandlungsrunde zwischen den Tarifpartnern geplant.

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