Ausschuss Oberneuland

Ausschusssprecher kann nur mit Dolmetscher aktiv sein

Sich als stellvertretender Ausschusssprecher mit einbringen. Das ist Ziel von Patrick Hennings. Dazu braucht er einen Dolmetscher, den er seit August bis heute noch nicht hat.
04.12.2019, 17:16
Lesedauer: 3 Min
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Von Maren Brandstätter

Patrick Hennings will sich politisch in Oberneuland engagieren. Doch ohne Hilfe kann er das nicht. Der 57-Jährige ist taub, er braucht einen Dolmetscher, um Diskussionen folgen zu können. In Oberneuland sitzt Hennings seit Beginn der neuen Legislaturperiode für die Grünen im Fachausschuss für Bildung, Soziales, Jugend, Kultur und Sport. Das Gremium hat ihn sogar zum stellvertretenden Sprecher gewählt, doch viel mehr als dabeisitzen, kann er bislang nicht.

Hennings braucht eine sogenannte Schriftdolmetschung, bei der ihm die Redebeiträge der Ausschusskollegen simultan aufgeschrieben werden. Für eine Übersetzung per Computer sei die Technik bislang noch nicht ausgereift genug. „Damit ein Computer sauber dolmetschen kann, muss perfekt gesprochen werden, das kann jedoch kaum jemand“, erklärt er.

Im Alter von einem Jahr wurde Patrick Hennings infolge einer Pockenschutzimpfung „an die Taubheit grenzend schwerhörig". Mit 30 Jahren verlor er sein Gehör komplett. Da der gebürtige Hamburger lautsprachlich erzogen wurde, kann er sprechen, lesen und schreiben. Zwar verstehe er auch die Gebärdensprache, „aber eben nicht so gut wie jemand, der sie als Hauptsprache nutzt“. Hennings legt Wert darauf, dass er taub und nicht gehörlos ist. Per Definition seien Gehörlose nämlich nicht zwingend taub, auch Hörgeschädigte, die vorwiegend in Gebärdensprache kommunizierten, würden zur Gruppe der Gehörlosen gezählt.

Perfekt sprechen kann kaum jemand

Im Alltag kann Hennings ohne Hilfe eines Dolmetschers kommunizieren. Er kann Worte von den Lippen ablesen. Bei längeren Gesprächen nutzt er einen Online-Dolmetscher, den er über eine spezielle App anfragt, und der das Gespräch nahezu simultan ins Schriftliche übersetzt. In politischen Ausschüssen funktioniere das allerdings nicht, erklärt Hennings. Dort müsse ein Dolmetscher vor Ort sein. Dauere die Sitzung länger als eine Stunde, müsse er durch einen zweiten Dolmetscher abgelöst werden. Pro Stunde koste das 75 Euro, zuzüglich der Anfahrtskosten.

Seit August wartet Hennings auf eine Zusage, dass die Kosten für die Dolmetschung übernommen werden, damit er aktiv an den Ausschuss-Sitzungen teilnehmen kann. Ortsamtsleiter Matthias Kook habe ihn dabei von Anfang an unterstützt und versuche seither, die Kostenübernahme zu klären. „Ich habe mich mit dem Landesbehindertenbeauftragten Joachim Steinbrück in Verbindung gesetzt – das Thema war für mich ja zunächst einmal Neuland“, berichtet Kook. Steinbrück habe ihm daraufhin zwei Dolmetscher-Adressen vermittelt und sich wegen der Kostenübernahme an die Senatskanzlei gewandt. „Bislang haben wir allerdings noch keine Rückmeldung“, bedauert Kook.

Der Oberneulander Fachausschuss ist nicht das erste politische Gremium, in das sich Patrick Hennings einbringt. Bereits seit 1993 ist er politisch aktiv, war unter anderem in Brüssel als fachlicher Berater für die European Green Party im Einsatz sowie in Fragen der Barrierefreiheit im Europaparlament. Auch einem Fachausschuss für Bildung in Aachen/Stolberg gehörte er drei Jahre lang an, bevor er 2014 nach Bremen zog. „In Stolberg übernahm die Stadt die Dolmetscherkosten von der ersten Stunde an“, erzählt der frühere Projektmanager für Telekommunikation, der aufgrund seiner Schwerbehinderung seit zehn Jahren Frührentner ist.

Noch immer unklar

Stefan Kraß, Sprecher der Grünen-Beiratsfraktion in Oberneuland, unterstützt Hennings‘ Wunsch nach einem Dolmetscher für die Ausschuss-Sitzungen mit Nachdruck. „Der Ausschuss, der auch für Fragen der Inklusion zuständig ist, würde davon sehr profitieren“, argumentiert er. Der grüne Landesverband will die Dolmetscherkosten Hennings zufolge selbst finanzieren. „Darüber hinaus wurde ein weiterer Antrag von mir einstimmig angenommen, dass Menschen mit besonderen Einschränkungen beim Sprechen eine angemessene Verlängerung der Redezeit bekommen sollen“, erzählt er.

Der Bremer Landesverband übernehme die Kosten freilich nur für parteiinterne Veranstaltungen und Sitzungen. „Für meine Beiratsarbeit ist der Senat zuständig“, betont Hennings. „Gemäß Bundesteilhabegesetz sind die Kosten für Gebärdensprach- und Schriftdolmetschung zu übernehmen, um ausreichende Sozialteilhabe zu ermöglichen.“ Doch genau dieser Punkt sei trotz der Bemühungen des Ortsamtsleiters und des Landesbehindertenbeauftragten noch immer nicht geklärt. Auf Nachfrage des Stadtteil-Kuriers in der zuständigen Abteilung der Senatskanzlei ist lediglich zu erfahren, dass man mit dem Landesbehindertenbeauftragten in der Angelegenheit in Kontakt stehe. Konkrete Angaben zum aktuellen Sachstand waren bis Redaktionsschluss nicht in Erfahrung zu bringen.

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