Bremen-Oberneuland

Bei schönem Wetter vermüllt der Achterdieksee

Bei gutem Wetter zieht es viele Familien an den Achterdieksee. Für deren Hinterlassenschaften reichen die Mülleimer nicht aus.
11.05.2019, 05:58
Lesedauer: 4 Min
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Von Silja Weißer
Bei schönem Wetter vermüllt der Achterdieksee

Wenn das Wetter wieder wärmer wird und die Besucher im Achetrdieksee baden, weiß Friedhelm Scheffel schon, wie es rund um die Mülltonnen aussehen wird.

Fotos: Petra Stubbe

Ein Bibber-Mai. 13 Grad zeigt das Thermometer im Wonnemonat an diesem Vormittag. Kein Wunder also, dass am Achterdieksee in Oberneuland gähnende Leere herrscht. Hier und da ein paar Spaziergänger mit Hund, ein Jogger, eine Radfahrerin. Ansonsten nur Vogelgezwitscher.

Doch mit einem Mal kommt Leben an den Baggersee neben dem Oberneulander Golfplatz. Zwei Männer vom Ordnungsamt fahren vor, in Uniform und mit Block bewaffnet. Sie warten bis eine Hundehalterin vorbeikommt, die ihre zwei Vierbeiner frei laufen lässt. Ein kurzes Gespräch, eine Ermahnung, dann ab zur nächsten Frau. Sie hat ihren Hund angeleint, befindet sich aber sieben Meter hinter einem Schild, das ein generelles Verbot von Hunden am See von Mai bis September besagt. Sie stehe nur dort und warte auf eine Verabredung, sagt sie. Ihre Frage, warum sie dort nicht stehen darf, kann ihr der Mann vom Ordnungsamt nicht beantworten. Das müsse er nachlesen. Oder seinen Kollegen fragen.

Dieser weiß mehr. „Wegen des Badebetriebs“, ermahnt er. Alle drei und der Hund lassen ihre Blicke kurz über die Uferzone schweifen, auf den leeren Strand, die leere Holzbrücke und den leeren Weg. Schweigen. Nichts zu sehen. Nichts zu hören. Nur das Rauschen der angrenzenden A27.

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Zehn Minuten später. Die Männer vom Ordnungsamt sind nach ihrer zweiten Ermahnung rasch abgefahren. Zwei weitere Männer kommen angefahren, parken auf dem nahe liegenden Parkplatz, gehen mit orangen Westen bekleidet Richtung Ufer und schauen sich langsam rechts und links um. Zwei Männer vom Abfallberatungsteam, wie sich herausstellt, einer zehnköpfigen Sonderabteilung der Stadtreinigung, die seit dem 15. Februar durch ganz Bremen geht, per E-Bike oder Auto fährt, um vermüllte Orte zu melden. Ihr Vertrag läuft bis in den Juni, also bis wenige Wochen nach der Wahl. Ja, hier sei zurzeit alles in Ordnung, resümieren beide nach eingehender Betrachtung des Geländes um den 7,8 Hektar messenden See.

Hochbetrieb bei schönem Wetter

Das sei nicht immer so, berichtet Friedhelm Scheffel. Der Lehrer und passionierte Radfahrer fährt seit Jahren täglich am Achterdieksee zur Arbeit. Bei schönem Wetter sei hier Hochbetrieb. Badegäste und vor allem Gruppen, die sich zum Grillen an den See aufmachen, hinterließen haufenweise ihren Müll. Zehn bis zwölf Säcke hat der 57-Jährige schon gezählt. Besonders um die Osterfeiertage, bei fast sommerlichen Temperaturen, sei es schlimm gewesen, beklagt er. Und nach der Mitmach-Aktion „Bremen räumt auf“, einer Initiative, die das Umweltbewusstsein nachhaltig stärken soll, sei es extrem schlimm gewesen.

Scheffel, der sich auch im Unterricht mit Ökologie befasst, räumt ein, dass der Müll zwar nicht achtlos liegen gelassen, sondern um die vollkommen überfüllten Tonnen gestellt werde. Doch Tiere rissen die Tüten auf, der Wind zerstreue die Grillverpackungen, Plastikbecher, Flaschen und Essensreste in alle Richtungen. „Eine besonders große Flasche hing über Wochen im Gebüsch“, berichtet Scheffel, den die Verunreinigungen mehr und mehr nerven. So sehr, dass er bereits selbst Hand angelegt hat, sich seine Gummihandschuhe aus der Satteltasche, die eigentlich im Falle einer gerissenen Fahrradkette zum Einsatz kommen sollten, übergezogen und Müll eingesammelt hat. Ein Kampf gegen Windmühlen, wie ihm von vornherein bewusst war.

So bat er die Stadt um Mithilfe. Doch seine wiederholten Anfragen bei der Bremer Stadtreinigung, sich seines Anliegens anzunehmen, wurden nicht beantwortet. Die Um­weltbetriebe gaben eine kurze Rückmeldung, nicht mehr für diesen Bereich zuständig zu sein und verwiesen auf die Bremer Stadt­reinigung, Ortsamtsleiter Matthias Kook ­versprach, die Sache zu melden und weiterzuleiten.

Ein festinstallierter Grill

Scheffel kann mit keiner der Antworten viel anfangen. Dabei hätte er einige Vorschläge. Zum Beispiel eine engmaschige Frequenz der Entsorgung in Schönwetterperioden sowie das Aufstellen von Schildern mit der Aufforderung, den Müll nach Hause mitzunehmen. „Die Hinweise müssten in unterschiedlichen Sprachen erfolgen“, fordert er. Er habe beobachtet, dass die Grilltrupps zum großen Teil aus der Vahr kämen, einem Stadtteil mit hohem Ausländeranteil und vielen Mehrfamilienhäusern. „Ich kann sehr gut verstehen, dass hier in einem Naherholungsgebiet der Raum für solche Freizeitaktivitäten gesucht wird“, sagt Scheffel, der nichts gegen die Gruppen hat. Ein paar Mülltonnen mehr im Grillbereich, vielleicht ein festinstallierter Rost, der Einweggrills, die nach der Benutzung achtlos hinterlassen würden, überflüssig macht, sowie die Einsicht aller Seebesucher, den Abfall aus der Natur herauszuhalten – all das würde schon helfen, ist Scheffel sich sicher.

Seine Hoffnung, dass bald irgendetwas in Sachen Müllvermeidung am See geschieht, liegt nun bei der Spezialtruppe der Bremer Stadtreinigung. Denn diese hat auf ihrem Kontrollgang zwar keine Lösung, dafür aber einen Hinweis parat. Über einen Mängelmelder per E-Mail bestehe die Möglichkeit, die Stadt auf verunreinigte Orte hinzuweisen. Unter www.maengelmelder.de könnten Bürger illegale Entsorgungen melden. Und um die werde sich dann umgehend gekümmert, versichert einer der Mitarbeiter, der seinen Namen nicht in der Zeitung genannt haben möchte.

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Scheffel wird diesen Weg nun einschlagen. „Ich bin jedoch nicht so optimistisch aufgrund meiner Erfahrungen mit öffentlichen Institutionen“, hegt er bereits erste Zweifel. „Hier könnte noch so viel mehr getan werden“, bedauert er und zählt auf: Angefangen vom Lärmschutz an der Autobahn bis hin zum Neubau einer Spielelandschaft am äußersten Westufer, wo früher ein Piratenschiff aus Holz stand. Dass irgendetwas seitens der Stadt am Achterdieksee getan wird, davon konnte er sich überzeugen, an diesem kalten Vormittag im Mai.

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