Segeldampfer "Bremen" Das erste deutsche Auswandererschiff

„Sklavenhändler-Schiff“ oder "Der schwimmende Sarg". Die Namen des Dampfers "Bremen" waren wenig schmeichelhaft. Das ergab die ausdauernde Recherche zweier engagierter Bremer.
31.05.2018, 07:14
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Das erste deutsche Auswandererschiff
Von Detlev Scheil

Vor 160 Jahren stellte der Norddeutsche Lloyd (NDL) in Bremen einen Segeldampfer für den Nordatlantikverkehr in Dienst, der als erstes deutsches Auswandererschiff gilt: die „Bremen“. Das gut 101 Meter lange und knapp zwölf Meter breite Schiff war der erste Dampfer des NDL, lief allerdings nicht in der Hansestadt, sondern bei Caird & Co. in Schottland vom Stapel. Nach 1874 wurde die „Bremen“ von der englischen Firma Bates & Company zum schnöden Segelfrachtschiff umgebaut. Das Ende des Schiffes kam am 16. Oktober 1882, als es vor San Francisco unterging. Um die Ladung ranken sich bis heute Mythen.

Der Oberneulander Helmut Grams, der sich als Sohn eines NDL-Kapitäns für Einzelheiten des Schicksals der „Bremen“ interessierte, fand gemeinsam mit Freunden vom Lions-Clubs Wilhelm Olbers aus Hemelingen bei den ersten Recherchen erstaunlich wenige Fakten. „Selbst Anfragen bei renommierten Museen und Archiven liefen weitgehend ins Leere“, berichtet der Designer und Unternehmer im Ruhestand. Um eine tiefergehende geschichtliche Erforschung zu ermöglichen, gründete der Lions-Club den „Captain’s Table“, dessen Ziel die Publizierung eines Buchs war. Ein Lions-Rechercheteam arbeitete vier Jahre an dem Projekt „Bremen 1858“ und war auch in Ländern fernab von Bremen unterwegs, um die über viele Länder verstreuten Puzzle-Teile aufzustöbern und zusammenzufügen. "Diese Arbeit war ein Riesenspaß", sagt Grams. Das Ergebnis ist nun ein fundiertes und zum großen Teil von Helge Ellwart geschriebenes Buch, das in deutscher und englischer Sprache die Geschichte der „Bremen“ in vielen Facetten beschreibt. Es ist reich bebildert und eine spannende Seefahrts-, Technologie- und Wirtschaftsgeschichte.

In der ersten Rechercherunde hatten die Bremer auch bei Hapag Lloyd, dem Nachfolger des NDL, angefragt. Doch dort hieß es, die meisten Dokumente seien im Zweiten Weltkrieg verbrannt. Ein Glücksfall war nach Schilderung von Grams, dass die Recherchegruppe Kontakt zu Kapitän Dieter Engelmann bekam, einstiger Direktor von Hapag-Lloyd in San Francisco. Er steuerte wichtige Hinweise bei.

Die "Bremen" konnte in drei Klassen 570 Reisende aufnehmen und hatte gut hundert Mann Besatzung. Sie erreichte mit 700 PS 11,5 Knoten, also etwa 21 Stundenkilometer. Viel Platz nahmen die 850 Tonnen Kohlen ein, die gebunkert werden mussten. Die etwa 60 Kajüten der ersten Klasse waren luxuriös ausgestattet. Bauunterlagen konnte die Recherchegruppe im Archiv des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) in Düsseldorf aufstöbern, wie Helge Ellwart berichtet. Der Elektro-Ingenieur aus Harpstedt, in Huchting aufgewachsen und jetzt bei einer Haustechnik-Firma in Hastedt tätig, fand es „sehr spannend, so viele Puzzleteile zu suchen und zu finden, bis ein komplettes Bild der ,Bremen' entstand. „Viele sind erstaunt, wie detailliert wir im Buch über das Schiff berichten können“, sagt er. Und: "Ohne Idealismus bei den vielen Beteiligten wäre das Buch nicht entstanden."

Als sich die Technik der Dampfschiffe weiterentwickelte, unter anderem von Niederdruck- zu Hochdruck-Dampfturbinen, trennte sich der NDL von der "Bremen" und verkaufte sie an den englischen Reeder Edward Bates, der die Dampfmaschine ausbauen ließ, um das Schiff als Frachtschiff zwischen Liverpool und San Francisco zu nutzen. Wegen mieser Arbeitsbedingungen an Bord und schlechter Bezahlung der Crew wurde die Bremen als „Sklavenhändler-Schiff“ bekannt und erhielt den Beinamen "Der schwimmende Sarg". Immer wieder starben während des achtjährigen Einsatzes als Frachtsegler Matrosen an Skorbut. „Aber das Schiff verschwand weitgehend aus dem Blickfeld der deutschen Öffentlichkeit“, berichtet Ellwart. Erst im Oktober 1882 machte es wieder Schlagzeilen. Während einer stürmischen Überfahrt bei Nacht und Nebel lief die "Bremen" 24 Seemeilen vor San Francisco in der Nähe der Fallon-Inseln auf Felsen auf und brach auseinander. Die Besatzung konnte sich retten. Dennoch war das Unglück so spektakulär, dass neben der New York Times zahlreiche Zeitungen darüber berichteten. In der Folgezeit gab es Spekulationen zur Schiffsladung: Angeblich waren 5000 Fässer feinsten US-Whiskeys an Bord, und Schiffseigner Bates soll dafür eine stattliche Versicherungsleistung erhalten haben. In den 1920er-Jahren gab es laut Ellwart und Grams mehrere Anläufe, die Ladung aus dem Schiffswrack zu bergen, doch die US-Regierung habe das nicht zugelassen. Die Bremer konnten mit Unterstützung der Lions in Kalifornien und der Universität in Berkeley 2014 eine Forschungsreise an die Unglücksstelle unternehmen. Das zweisprachige Buch „Untergang vor San Francisco: Die Bremen 1858“ von Helge Ellwart, Helmut Grams und anderen hat 208 Seiten, ist bei Schünemann erschienen und kostet 29,80 Euro.

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