Eine Seltenheit

Neubau eines Fachwerkhauses in Oberneuland

Der Architekt vermutet, es sei das erste in Bremen. Auf jeden Fall ist der Neubau eines Fachwerkhauses etwas Besonderes – besonders in der Stadt ist das nicht alltäglich. In Oberneuland entsteht so ein Haus.
20.02.2020, 06:11
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Von Silja Weißer
Neubau eines Fachwerkhauses in Oberneuland

Neugebaute Fachwerkhäuser in der Stadt sind selten. In Oberneuland entsteht eines im Hohenkampsweg.

Petra Stubbe

Anton hat sich an sein neues Zuhause bereits gewöhnt. Der Eineinhalbjährige im mummeligen Schneeanzug läuft auf kurzen Beinen, aber ziemlich sicher zwischen dem Skelettbau aus Holz durch den Rohbau. Dass oben am Dachbalken der Richtkranz baumelt, hat Hausherr-Junior noch nicht bemerkt. Wie auch? Das Richtfest im Hohenkampsweg rechts von der Nummer 20 findet bei Hundewetter statt. Gefeiert wird drinnen.

Seine Eltern, Christine Peters und ihr Freund Tobias Schmidt, heben zusammen mit Freunden, Verwandten, dem sechsköpfigen Zimmermannsteam und dem Architekten Oliver Knapp des Planungsbüros Emil von Elling die Wasser- und Biergläser. Sie alle trinken auf ein ganz besonderes Haus: das erste neugebaute Fachwerkhaus in Bremen, vermutet Knappe. Er ist seit drei Jahrzehnten in dem 100 Jahre bestehenden Familienbetrieb tätig, der sich auf Bauen von Fachwerkhäusern spezialisiert hat und von dem es deutschlandweit nur noch ein vergleichbares Unternehmen gebe. Ein Fachwerkhaus in der Stadt, das sei schon etwas Besonderes, weiß der Fachmann. In ländlicheren Regionen sei dies anders. Bis zu 25 Fachwerkhäuser jährlich baut die Firma.

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Die Eigentümer haben sich bewusst für die traditionelle Bauweise entschieden. Bisher wohnte Schmidt im ländlichen Worpswede, direkt neben der idyllischen Hofanlage Haus im Schluh. „Wenn ich jemals baue, dann so“, habe er sich immer gedacht. Etwa sechs Jahre gingen ins Land bis das Paar das passende Grundstück in Oberneuland fand. Auf dem 1000 Quadratmeter großem Areal stand zuvor ein in die Jahre gekommenes Haus. Es gehörte einst einer alten Dame, die vor vier Jahren gestorben ist. Den Kauf des alten Hauses, den Abriss, all das nahmen Peters und Schmidt in kauf, um ihren Traum zu verwirklichen.

Fachwerkhaus Oberneuland

Die Bauherren: Tobias Schmidt und Christine Peters mit Sohn Anton.

Foto: Petra Stubbe

Fertige Bausätze, Aufbau, fertig

Das Fundament wurde bereits vor Weihnachten gegossen, nach nur einer Woche ist das Fachwerk nun halb fertig. Beendet sein werden die Arbeiten nach einer weiteren Woche. Die wesentliche Funktion der Bauteile liegt vor allem in der Lastabtragung. Die verschiedenen Hölzer, ob liegend, stehend oder schräg, müssen die Lasten aufnehmen und an das Fundament weiterleiten. „Das geht alles fix, fertige Bausätze, Aufbau, fertig – ein bisschen wie Lego für Erwachsene“, erklärt Knappe die Vorgehensweise. Die per Computer zugeschnittenen Hölzer werden am Bauplatz in Reihenfolge aufgerichtet und verbunden, sozusagen ein Fertighaus des Mittelalters.

Rund 25 Kubikmeter Holz stecken in dem Aufbau, der sich über zwei Etagen plus Dachstuhl erstreckt. Die Aufteilung der 170 Quadratmeter Wohnfläche hat Knappe nach den individuellen Wünschen des Paares konzipiert und den heutigen Wohngewohnheiten angepasst. Große Fenster, eine Zimmerhöhe von 2,80 Metern und Wände aus Mauerwerk, kein Lehm verputztes Holzgeflecht, das alles, gab es früher nicht. „Auch offenes Feuer wird es hier nicht mehr geben“, bemerkt der Architekt schmunzelnd. Stattdessen kontrollierte Wohnraumlüftung mit Wärmerückgewinnung und Solarplatten auf dem Dach.

Für die langen Deckenbalken eigne sich die schnell wachsende Fichte am besten, außen wurde Eiche verarbeitet. „Da kann ein Lkw gegenfahren, das steht fest“, versichert Schmidt. Das älteste Fachwerkhaus Deutschlands sei etwa 900 Jahre alt, bestätigt Knappe. Schimmeln könne das Haus ebenfalls nicht. Der Regen laufe ab, das Holz trockne und widerstehe der Fäulnis. Im Innenbereich sei das Raumklima sogar besser als bei Massivbauweise mit gemauerten Wänden, sagt er. Zudem kommt bei der Firma Emil von Elling speziell vakuum-getrocknetes Holz zum Einsatz. So kann es beim Trocknen nicht schrumpfen oder sich drehen.

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Das Gartenhaus hat der Hausbesitzer, Ingenieur von Beruf, selbst konstruiert, erzählt er stolz. Damit spare er sich eine vielfach teurere Unterkellerung. Geplant sei auf dem kleinen Holzgebäude ein Gründach mit Moos und Kräutern.

Fachwerkhaus Oberneuland

Architekt Oliver Knappe.

Foto: Petra Stubbe

„Beton hat eine viel schlechtere Ökobilanz"

Holz sei einfach ein schöner Baustoff, bemerkt Schmidt. Architekt Knappe führt aus: „Holz ist nachhaltig. Beton hat eine viel schlechtere Ökobilanz.“ Abgesehen davon strahle das Material Gemütlichkeit aus. Auch die Anwohner hätten sich bisher nur positiv über den Neubau geäußert, erzählt Schmidt.

Wie teuer der wahr gewordene Traum ist, möchte Peters nicht verraten. „Das kommt auch auf die Sonderwünsche an“, erläutert Knappe. „Aber rund 2000 Euro pro Quadratmeter muss man schon rechnen.“

Dafür verraten die Hausbesitzer, wie die Innengestaltung aussehen soll. Hier ist ein moderner skandinavischer Stil vorgesehen, planen sie. Hell, schlicht und viel Weiß. Für mehr Licht mussten schon ein paar Bäume im Vorgarten weichen. Die Umzugskartons müssen allerdings noch nicht gepackt werden. Läuft alles weiterhin nach Plan, so zieht die Familie im Juni oder Juli dieses Jahres ein.

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