Porträt der Bremer Autorin Hortense Ullrich

Wenn aus Worten Bilder werden

Bekannt wurde Hortense Ullrich mit ihren Jugendbüchern, jetzt schreibt sie auch fürs Kino. In ihrem Haus in Oberneuland erzählt sie von Karrierehöhen und -tiefen – und der Kraft der Gelassenheit.
23.03.2019, 06:05
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Wenn aus Worten Bilder werden
Von Alexandra Knief
Wenn aus Worten Bilder werden

Beneidenswerter Blick ins Grüne: Hortense Ullrich in ihrem Haus in Oberneuland. Die Kinder- und Jugendbuchautorin schreibt seit einer Weile auch Drehbücher fürs Kino. Und kann sich vor Aufträgen kaum retten.

Christina Kuhaupt

„Die Ullrichs“ steht in dem altrosafarbenen Stern mit goldenem Rand im Eingangsbereich. Wir befinden uns allerdings nicht auf dem Hollywood Boulevard in Los Angeles, sondern in Oberneuland. Und der Stern ist auch nicht aus Terrazzo und Messing gefertigt, er geht eher in Richtung Nagelfilz – gedruckt ist er auf eine Fußmatte im Haus von Hortense Ullrich. Der Gang durch das Haus der Kinder-, Jugend- und Drehbuchautorin gleicht einer kleinen Weltreise – quer durch die Vereinigten Staaten bis hin in asiatische Länder. Palmenwedel-Kerzenhalter an der einen Wand, getrocknete Chilikränze an der anderen, rechts ein stylisher Barbereich, der so auch in Mexiko stehen könnte – mit Neonleuchte, Sombrero und Kaktus – und der einen fast dazu einlädt, sich auf einem Hocker niederzulassen und „Tequila!“ zu rufen. Ein Stück weiter eine riesengroße Fensterfront, davor ein gemütlicher und hübsch dekorierter Sitzbereich, der zum Verweilen einlädt.

Einiges wirkt fast inszeniert. Aber nein, das sieht hier immer so aus, betont Ullrich mit einer abtuenden Handbewegung, während sie durch ihr großes Wohnzimmer schreitet. Nicht der Rede wert. Dass das alles auf Besucher schon ziemlich beeindruckend wirkt, weiß sie sicher dennoch. Ullrich ist in ihrem Leben viel gereist, tut es bis heute, und das zeigt auch ihre Einrichtung. Acht Jahre hat sie in New York gelebt, in mindestens 30 amerikanischen Staaten sei sie schon gewesen. Und auch an vielen anderen Orten auf der Welt.

Auflage von mehr als vier Millionen

Wer viel erlebt, hat auch viel Stoff, um ihn aufzuschreiben. Im Fall von Hortense Ullrich trifft das zu. Mehr als 70 Bücher hat die 62-Jährige im Laufe ihrer Karriere geschrieben. Diese erreichen eine Auflage von mehr als vier Millionen, es gibt 140 Übersetzungen in 25 Sprachen. Von spannenden Reisen und fernen Ländern erzählen ihre Geschichten aber in der Regel nicht. Ein Großteil ihrer Bücher richtet sich an Kinder und Jugendliche. „Jedes Problem, das ein Teenager haben kann, habe ich beleuchtet“, sagt sie und lacht.

Dabei war es anfangs gar nicht ihr Plan, Buchautorin zu werden. Den Wunsch zu schreiben, hatte sie allerdings schon früh. Sie wurde Journalistin, studierte Modejournalismus in Wiesbaden. „Nach zwei Semestern wurde der Journalismus-Teil eingestellt, weil zu wenig Interesse da war“, sagt Ullrich. Also wechselte sie zur Fachrichtung Modedesign. Geprüft wurde sie allerdings in dem Fach, in dem sie angefangen hatte: Journalismus. Ihr offizieller Titel lautet dennoch Diplom-Designerin. „Ich könnte Ihnen einen Blazer schneidern“, sagt Ullrich. „Mache ich aber nicht, keine Sorge.“

Ullrich machte ein Redaktionsvolontariat in einer Werbeagentur und hängte ein weiteres Studium in Germanistik, Englisch und Philosophie an. Bei ihrer Arbeit in der Werbeagentur kam ihr die Idee, dass der Alltag dort viel Stoff für eine Vorabendserie liefern würde. Als sie auf einem Pressetermin zufällig den ZDF-Intendanten traf, schlug sie ihm diese Idee vor und bot sich auch direkt als Drehbuchautorin an. „Da war er etwas verblüfft“, erinnert sie sich. „Und ich selbst auch.“ Erfahrung hatte sie schließlich keine. Dennoch schrieb Ullrich die ersten Folgen und das ZDF kaufte die Serie. Produziert wurde sie allerdings nie.

„Absagen haben mich nicht verunsichert“

Doch die Autorin hatte Blut geleckt. Als der Job ihres Mannes die gebürtige Saarländerin für einige Jahre in die USA verschlug, wuchs in ihr der Wunsch, Drehbücher zu schreiben. In den USA hatte sie allerdings keine Arbeitserlaubnis. Als die Arbeit ihres Mannes die Familie dann zurück nach Deutschland – genauer gesagt nach Bremen – verschlug, habe sie die ganze Branche „mit Exposés überschwemmt“, wie sie selbst sagt. „Ich war hart im Nehmen, keine Absage hat mich auch nur irgendwie verunsichert.“ Ihr Ehrgeiz zahlte sich aus: Das ZDF plante, Ullrichs Idee zu einer Serie mit dem Titel „Hexen küsst man nicht“ zu produzieren. Sieben Folgen hatte sie bereits fertig als es hieß: doch nicht.

Ullrich hat sich mittlerweile an einem großen dunklen Holztisch im Wohnzimmer niedergelassen. Deprimiert, sagt sie, sei sie damals nie gewesen, auch, wenn ihre Ideen es nicht ins Fernsehen schafften. „Irgendwie dachte ich immer: es wird schon für irgendwas gut sein“, so Ullrich. „Ich habe einfach mit den Schultern gezuckt und gesagt: ist halt so.“

Sorgen wären auch unnötig gewesen: Der Fernsehsender gab Ullrichs Idee an den Thienemann-Verlag weiter und aus der ursprünglich als Fernsehserie geplanten Geschichte wurde ein Buch. Und aus einem Buch wurden 24 Bücher. Denn „Hexen küsst man nicht“ wurde 1999 ein Bestseller und der Erfolgs-Startschuss für die Bücherreihe „Freche Mädchen, Freche Bücher“. „Plötzlich war ich zu meiner eigenen Verwunderung eine richtig erfolgreiche Jugendbuchautorin“, sagt Ullrich. Abtuende Handbewegung. Alles nicht der Rede wert.

„Ich finde es spannend zu sehen, wie aus Worten Bilder entstehen“

Ullrich gab das Drehbuchschreiben auf, um sich auf die Bücher zu konzentrieren. Doch viele Jahre später sollte die Filmbranche doch noch an ihre Tür klopfen: Eine Produktionsfirma kaufte die Rechte für ihr 2013 erschienenes Buch „How to be really bad“. Das Drehbuch sollte eigentlich jemand anderes schreiben, aber nach einer Weile bat man Ullrich doch um Hilfe. „Ich hatte noch nie fürs Kino geschrieben“, sagt sie. Doch die Filmfirma war überzeugt: Ullrich hat einen besonderen Ton, und genau der wurde gebraucht. „So kam es, dass ich plötzlich das Drehbuch zu meinem eigenen Buch überarbeitet habe“, erzählt Ullrich. „Ich finde es unglaublich spannend zu sehen, wie aus meinen Worten Bilder entstehen.“ Letzten Sommer war der Film unter dem Titel „Meine teuflisch gute Freundin“ im Kino zu sehen, mittlerweile gibt es ihn auch fürs Heimkino. Beinahe hätte er es unter die Nominierten für den Deutschen Filmpreis geschafft.

Weitere Aufträge ließen nicht lange auf sich warten. Traurige Filme will Ullrich nicht machen. Gruselige erst recht nicht. Bei ihr muss es lustig zugehen. Sie arbeitete unter anderem am Film „Tabaluga“ (2018) mit, an einem zweiten Teil schreibt sie aktuell. Und auch eine Fortsetzung von „Meine teuflisch gute Freundin“ ist in Arbeit. Kommenden Januar kommt der Film „Vier zauberhafte Schwestern“ (nach der englischen Buchserie „Sprite Sisters“) in die Kinos, den Ullrich für Disney geschrieben hat. Sie arbeitet an einem Fernsehfilm für Kinder und an einem Drehbuch, das sich ausnahmsweise mal an Erwachsene richtet.

Neues Drehbuch gemeinsam mit ihrer Tochter

Mehr darf sie hierzu noch nicht verraten. Außerdem ist das Drehbuch für einen weiteren Kinofilm in Arbeit, dies schreibt sie zusammen mit einer ihrer zwei Töchter, die mittlerweile auch als freie Texterin und Autorin arbeitet. „Aktuell bekomme ich so viele Anfragen, dass ich einige davon sogar absagen muss“, sagt Ullrich. Darauf kann man stolz sein. Doch Ullrich tut es mit der gleichen Handbewegung ab, mit der sie auch staunende Besucher durch ihr Domizil führt oder ihre Karriere als Kinderbuchautorin kommentiert. Alles nicht der Rede wert.

Eine besondere Lebenseinstellung hat Ullrich sich im Laufe der Jahre immer bewahrt: Immer dankbar sein für das, was funktioniert, aber nie gestresst, wenn mal etwas nicht klappt. Eine entspannte Haltung, von der sich so mancher eine Scheibe abschneiden kann. Und wer weiß, vielleicht klappt es so ja sogar irgendwann mit einem echten Stern auf dem Walk of Fame. „Nicht der Rede wert“, würde Ullrich dann sicher sagen. Bevor sie sich dem nächsten Projekt widmet.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+