Bremer Kontaktpolizist geht nach 40 Jahren

Abschied für Kattenturmer Urgestein

Jugendliche von einer kriminellen Laufbahn fernzuhalten, ist sein großes Thema gewesen: Nach 40 Jahren Polizeidienst verabschiedet sich der Kattenturmer Kop Thomas Kothe in den Ruhestand.
15.01.2020, 17:09
Lesedauer: 4 Min
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Von Karin Mörtel

Dieser Mann ist in Kattenturm so bekannt wie kaum ein anderer: 40 Jahre hat Thomas Kothe seinen Dienst am Polizeirevier in Kattenturm ausgeübt. Davon ist er 20 Jahre lang als Kontaktpolizist (Kop) mit dem Fahrrad oder zu Fuß im Quartier unterwegs gewesen. Nun geht der erfahrene Beamte Ende Januar in den Ruhestand.

Doch leicht fällt ihm der Abschied aus seinem Berufsleben zwei Wochen vor seinem letzten Arbeitstag immer noch nicht. Insgesamt um fünf Jahre hatte der Hauptkommissar seinen Ruhestand bereits hinausgezögert. Dass nun mit fast 66 Jahren endgültig Schluss sein soll, findet er zwar in Ordnung, „aber ich möchte noch bis zum letzten Tag morgens meine Uniform anziehen und rausgehen zu den Leuten“, sagt Kothe.

Er liebe einfach seinen Job, begründet der Polizist seinen verlängerten Einsatz. Immer nah dran an den Bürgern, „und in meiner Zeit als Kop wussten die Menschen, was sie an mir haben, und ich konnte etwas bewegen, das hat Spaß gemacht“, resümiert Kothe. Und einmal ins Erzählen gekommen, sprudeln die Erinnerungen nur so aus ihm heraus. Jugendliche von einer kriminellen Laufbahn fernzuhalten, sei seit jeher sein großes Thema gewesen. „Schon während meiner Zeit im Streifendienst hatte ich den Ehrgeiz, alle jungen Kriminellen mit Namen ansprechen zu können“, berichtet er aus seiner Anfangszeit im Revier. Später als einer der ersten Kops in Bremen machte er sich sein gesammeltes Insiderwissen zunutze, um jugendliche Straftäter gezielt im Blick zu behalten.

„Er hat sich dabei mit seiner ganz eigenen Art großen Respekt bei den Jugendlichen verschafft, das hat mich damals sehr beeindruckt“, blickt der damalige Weggefährte und nun pensionierte Polizist Volkmar Sattler zurück. Er kam 2003 als stellvertretender Leiter an das Revier Kattenturm und Kothe erleichterte ihm damals den Einstieg, indem er ihn auf der Straße bekannt machte. „Seither musste ich zu den Jugendlichen nur sagen ‚ich bin der Chef vom Kothe’, dann war der Respekt sofort da.“

Wie hat der Kontaktpolizist das angestellt? Thomas Kothe hat da seine ganz eigene Methode: „Man muss die jungen Menschen immer fair behandeln“, meint der Kop. Hart in der Sache, wenn es um Straftaten geht, aber auf Augenhöhe im persönlichen Umgang. „Respekt muss man sich erarbeiten“, betont der 65-Jährige. Manchmal sei auch viel Einfühlungsvermögen nötig, um Kindern und Jugendlichen klarzumachen, welches Verhalten das richtige ist. Einmal habe er einen Anruf aus einer Schule erhalten: Handydiebstahl, eben passiert. „Ich bin sofort rein in die Klasse und habe mit den Jungen und Mädchen gesprochen“, so Kothe. Eine ernste Sache sei so ein Diebstahl, hebt er an. Eine falsche Entscheidung – vermutlich blitzschnell getroffen – und nun habe man den Salat. Doch statt nun den Schuldigen zu identifizieren und zu bestrafen, zeigt er einen Ausweg für den Dieb auf: Wenn der Übeltäter seine Tat bereue, könne er ja auch das teure Handy gefunden haben und schnell im Sekretariat abgeben. „Und das hat geklappt – derjenige hat die Kurve gekriegt“, erinnert sich Kothe. Und er hofft, dass die Schüler an diesem Tag auch für ihr restliches Leben gelernt haben, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Ein anderes Mal trifft er zwei Schüler morgens um zehn auf einem Spielplatz an. Er kauft ihnen das Lügenmärchen von den ausgefallenen Unterrichtsstunden nicht ab, ruft in der Schule an und bringt sie daraufhin höchstpersönlich ins Klassenzimmer. „Seitdem sind sie zur Schule gegangen, anstatt zu schwänzen“, berichtet Kothe. Er wisse, dass es auch anders laufen kann, „aber in diesem Fall hat es funktioniert.“

Und nicht selten komme es vor, dass junge Männer auf ihn zukommen, die einst mit reichlich krimineller Energie für Unruhe im Stadtteil gesorgt hatten. „Die berichten dann stolz, dass sie nun ein rechtschaffenes Leben als Familienväter führen anstatt in Autos einzubrechen, zu klauen und andere Straftaten zu begehen – das freut mich natürlich“, so Kothe. Und es bestätige ihn in seiner Erfahrung, „dass nicht jeder Fehltritt eines jungen Menschen gleich bedeuten muss, dass er auf die schiefe Bahn gerät.“

Es gibt eine Liste bei der Polizei, auf der junge Menschen stehen, die auf der Schwelle stehen, komplett ins kriminelle Milieu abzurutschen. „Aus Kattenturm steht da kaum noch einer drauf“, so Kothe. Jahre zuvor sei das noch anders gewesen. Und er glaubt, dass sein Engagement als Kontaktpolizist, aber auch das der Streetworker und anderer Anlaufstellen für Jugendliche im Quartier, im Laufe der Jahre Früchte getragen hat. Er wolle die Situation in Kattenturm aber auch nicht schönreden. „Klar passiert hier auch mal was, aber die Zahlen sind viel besser als das schlechte Image, das der Ortsteil hat“, findet er.

Trotz des schweren Abschieds freut Kothe sich nun auf mehr Zeit mit seinen Enkelkindern. Ganz verzichten müssen die Kattenturmer auf ihren langjährigen Schutzmann indes nicht: Auch nach seinem Ruhestand wird Kothe einer von jenen Menschen bleiben, die sich ehrenamtlich im Quartier engagieren. Im Bürgerhaus Gemeinschaftszentrum Obervieland zum Beispiel, wo er seit Jahren bereits Smartphone- oder Fotografie-Kurse leitet.

Einen Tipp für seinen Nachfolger hat das Kattenturmer Urgestein auch noch parat. „Wir sind Dienstleister für die Leute und müssen immer wissen, bei welchen Problemen wir selbst weiterhelfen können oder wer es ansonsten kann.“

Revierleiter Hartmut Günther fällt der Weggang von Thomas Kothe ebenfalls schwer: „Er hinterlässt wirklich große Fußstapfen, die nicht leicht auszufüllen sein werden.“

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