Altbundespräsident im Bürgerhaus Obervieland

Christian Wulff genießt im Bremer Süden viele Sympathien

Altbundespräsident Christian Wulff genießt im Bremer Süden viele Sympathien. Das wurde im Bürgerhaus Obervieland deutlich, als er aus seinem Buch „Ganz oben - ganz unten“ las.
19.02.2020, 16:53
Lesedauer: 4 Min
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Von Matthias Holthaus
Christian Wulff genießt im Bremer Süden viele Sympathien

Christian Wulff las in Obervieland aus seinem Buch „Ganz oben – Ganz unten“ und beantwortete anschließend Fragen der Zuhörer.

PETRA STUBBE

Irgendwann ist Christian Wulff eingeknickt: „Die ,Ohrenleser’ haben so oft geschrieben, bis ich zugesagt habe“, erzählt der Altbundespräsident im Bürgerhaus Obervieland, wo er im Rahmen der „Ohrenleser“-Reihe Auszüge aus seinem Buch vorliest.

„ Ganz oben – Ganz unten“ heißt das 2014 erschienene Werk und beschreibt seinen Werdegang von der Wahl bis zu seinem Abgang mit der anschließenden medialen Berichterstattung, die ihn durchaus in einem ungünstigen Licht erscheinen ließ: „Die Amtszeit ist durch die 67 Tage am Schluss, als ich mich in einer von der Bild-Zeitung am 12. Dezember 2011 eröffneten und über zwei Monate dauernden Treibjagd zum Rücktritt gezwungen sah, in den Nebel gerückt“, zitiert er zu Beginn aus der Einleitung. Dieser Nebel soll sich an diesem Abend im Bürgerhaus ein wenig verflüchtigen.

Die Erwartungshaltung des Publikums ist im Vorfeld als interessiert und durchaus wohlwollend zu beschreiben: „Wann hat man mal die Gelegenheit, solch einem Politiker so nahe zu kommen?“, fragt Heike Conrad aus der Wolfskuhle in Kattenturm. Und Eberhard Conrad ergänzt: „Mich interessiert der Mensch. Uns ist noch sein Abgang vor Augen. Die Medien haben ihm übel mitgespielt.“ Durch das Buch wolle Eberhard Conrad ein wenig nachvollziehen können, wie es ist, wenn man von so weit oben herunterfalle.

Waltraud Drewes aus der Neustadt findet die Person Christian Wulff interessant und sympathisch. „Ich finde es schlimm, wie ihm damals mitgespielt wurde. Das fand ich unfair, wie das damals gelaufen ist.“

Hannes Mecke aus Schwachhausen meint: „Ich erwarte viel von diesem Abend, ich verehre Christian Wulff sehr. Ich hätte es gerne gehabt, wenn er unser Bundespräsident geblieben wäre.“ Hochsympathisch sei ihm Christian Wulff, „von ihm fühle ich mich gut vertreten.“

Wulffs Sichtweise und seine Interpretation von „Ganz oben – Ganz unten“ zu hören, ist der Grund, warum Angelika Cortum aus Kattenturm ins Bürgerhaus gekommen ist: „Ich lasse mich überraschen.“ Und eine Bewohnerin aus Habenhausen, die ihren Namen nicht in der Zeitung sehen möchte, meint: „Ich bin auch schon tief gefallen im Leben. Wenn man ganz unten ist, muss man sich wieder hochkämpfen. Das tut mir auch leid für ihn. Ich hoffe, dass er den Bogen gekriegt hat. Heute möchte ich etwas aus seinem Buch, seinem Leben und von dem Menschen erfahren.“

Der Mensch Christian Wulff

Der Mensch Christian Wulff steht nun vor dem Publikum und sagt: „Ich habe das Buch geschrieben, um das Alte hinter mir zu lassen und dass sich andere Menschen ein Bild machen können.“ Anschließend könnten die Zuhörenden auch noch Fragen stellen: „Für mich gibt es keine Fragen mehr, die mich aus der Bahn werfen können“, sagt er mit einem Augenzwinkern, bevor er beginnt, aus der Einleitung vorzulesen. „Auch ich selber kann mich, wenn ich über meine Amtszeit nachdenke, nicht ohne weiteres von den Erinnerungen freimachen, die mit den entwürdigenden Umständen verbunden sind, die zu meinem Rücktritt geführt haben“, zitiert Wulff. Mehr als zwei Jahre zuvor legte er sein Amt nieder, im April 2013 folgte eine Anklage wegen des „Verdachts der Vorteilsannahme beim Münchner Oktoberfest 2008“. In den Medien schien der Fall jedoch schon eindeutig, für sie hatte Wulff Dreck am Stecken. Und so erzählt er davon, dass Grundrechte eingeschränkt worden seien, vom Durchstechen privatester Dinge sowie von der „Hinrichtung seiner Person“. „Das Urteil ist gefällt, bevor der Prozess begonnen hat.“

Doch als der Prozess sein Ende fand, gab es einen Freispruch. „Eine sehr aufgebauschte Sache fand damit ihr Ende.“ Ein Ende der Tätigkeit als Repräsentant des Staates ist damit jedoch nicht verbunden: „Ich bin jetzt acht Jahre Altbundespräsident und versuche, weiter mit meinen Themen dabeizubleiben.“

Er wollte ein Brückenbauer sein

Seine Themen, das waren und sind der Zusammenhalt der Gesellschaft, der Mut zum Wandel und die Zukunft der Demokratie. Ein Brückenbauer wollte er sein und für Chancengleichheit eintreten, und er zitiert aus seiner Rede am 3. Oktober 2010 in Bremen: Chancengleichheit bestehe für ihn erst, „wenn wir weniger danach fragen, woher einer kommt, als danach, wohin er will, wenn wir nicht mehr danach fragen, was uns trennt, sondern was uns verbindet“. Er sei stolz, den Satz ‚Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland‘ gesagt zu haben. „Unser Land muss Verschiedenheit aushalten.“

In der anschließenden Fragerunde betont Christian Wulff, dass Demokratie auch den Schutz von Minderheiten umfasse. Niemand dürfe diskriminiert werden, jeder Mensch dürfe seinen Glauben ausüben: „Das ist deutsche Leitkultur, der Grundgedanke.“ Auf die Frage, was er heute mache, antwortet Wulff. „Ich habe in Hamburg eine Kanzlei, außerdem bin ich Redner, Buchautor und arbeite ehrenamtlich. Außerdem bin ich alleinerziehender Vater. Und ich setze mich dafür ein, dass Deutsche aus ausländischen Gefängnissen freikommen.“

Kontakte zu den Vorgängern und den Nachfolgern in das Amt des Bundespräsidenten habe er viele, antwortet Christian Wulff auf eine weitere Frage. „Besonders regelmäßig mit dem amtierenden Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, aber auch zu Horst Köhler. Und auch zu Angelika Merkel“, erzählt er. „Wobei ich denke, dass wir bitterliche Tränen vergießen werden, wenn wir sie nicht mehr haben.“

Insgesamt sei er ein optimistischer Mensch, bemerkt Christian Wulff: „Es gibt zur Demokratie kein besseres Modell in der Welt. Wir sollten den Umstand, dass wir froh sind, in Deutschland zu wohnen, nach außen tragen. Manchmal stehen wir uns selbst im Weg.“ Abschließend sagt Wulff: „Wir Alten müssen es als unsere Aufgabe ansehen, für gesellschaftliches Engagement zu werben. Demokratie findet nicht statt, wenn das Volk nicht herrschen will.“

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