Training ohne Teilnehmer

86 Sekunden bis ganz oben

Der erste Brebau-Treppenlauf hätte in diesem Jahr stattfinden sollen. In Kattenturm. Coronabedingt wurde er auf 2021 verschoben, aber Training sollte es geben. Diese Chance nutze - niemand.
17.06.2020, 23:33
Lesedauer: 3 Min
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Von Helke Diers

Kattenturm. Stufe um Stufe die Treppen hoch, den Atem und Puls immer schneller spüren. Was viele im Alltag vermeiden, soll nach Ansicht Frank Oetjens von der Brebau und des Sportlers Bernd Remmies viel öfter stattfinden. Sie organisierten ein Training für den ersten Treppenlauf der Brebau, einer Veranstaltung für mehr Bewegung. Bei einem solchen Wettbewerb laufen die Teilnehmer gegen die Uhr in die oberste Etage eines Hochhauses. Wegen der Corona-Pandemie wurde der Treppenlauf auf 2021 verschoben, nur das Training sollte stattfinden. Nur kam kein Teilnehmer.

Auf die Frage, ob er enttäuscht sei, antwortet Oetjen lachend: „Nee, ganz bestimmt nicht. Wir haben beim ersten Aufruf in dieser Zeit nicht mit viel mehr gerechnet. Und wir haben ja auch ein bisschen Spaß verdient.“ Mit Spaß meinte er: Selber laufen. Denn er wird an diesem Tag als Erster und Einziger die 13 Etagen des Brebau-Hochhauses erklimmen. „Ich möchte mich gerne unter Wettkampfbedingungen testen“, sagt er vorher.

Dabei hatte der Freitagnachmittag vielversprechend begonnen. Bei strahlendem Sonnenschein warten Remmies und Oetjen auf die drei angemeldeten Teilnehmer und hoffen auf spontane Läufer. Unter dem schwarzen Pavillon vor den Hochhäusern am „Quartierszentrum am Sonnenplatz“ steht das Desinfektionsmittel bereit, wartet das Flatterband auf seinen Einsatz. Oetjen und Remmies haben für einen guten Durchzug die Fenster im Treppenhaus geöffnet und die Geländer desinfiziert, wie sich das gehört in Corona-Zeiten. In den Strandkörben vor der Theodor-Billroth-Straße 46/48 sitzen ein paar älter Damen.

Remmies und Oetjen berichten neben dem Biertisch stehend von der Idee des Treppenlaufes. Oetjen erzählt, seit zwei Jahren gebe es in Kattenturm einen Gesundheitstag. Dieses Jahr sollte zum ersten Mal eine ganze Woche stattfinden. Der Treppenlauf sei als Abschluss geplant gewesen und wurde nun in ein Training umgewandelt. Auf die Idee sei er gekommen, weil das Wohnungsunternehmen Gewoba Läufe in Tenever veranstaltet habe. „So ist die Idee bei uns gelandet. Wir sind die Besitzer der Hochhäuser hier“, sagt er, und zeigt rund um sich herum. „Soweit das Auge reicht. Das sind knapp 500 Wohnungen.“ Zum Gesundheitstag passe ein Treppenlauf, weil viele Menschen sich zu wenig bewegen würden, findet Remmies. Er ist pensionierter Polizist, organisiert sportliche Reisen und Veranstaltungen und hat am „Iron Man“-Triathlon auf Hawaii teilgenommen.

Solche Leistungen wird kaum einer der Anwohner schaffen. Darum geht es den beiden bewegungsfreudigen Organisatoren auch nicht. Im Alltag würden die meisten Bewohner den Aufzug nutzen, erzählt Oetjen. In den Häusern der Nummern 46/48 leben viele ältere Menschen. „Der Treppenlauf ist dann vielleicht eine Herausforderung.“ Etwas mehr Bewegung im Alltag, das wäre schon etwas. Für den echten Wettkampf im nächsten Jahr sind Remmies und Oetjen optimistisch. „Die Resonanz ist schon erfolgversprechend, da kommen mit Sicherheit im nächsten Jahr eine ganze Menge“, sagt Remmies. Normalweise kämen zu einem Lauf 70-80 Teilnehmer, schätzt er.

In der Ankündigung zum Treppenlauf wurden Tipps und Tricks fürs Laufen versprochen. Remmies holt mit Gummi bezogene Handschuhe aus seiner Tasche und lacht. „Die sind schön griffig und man kann zusätzlich in das Geländer greifen und sich mit dem Armzug noch steigern.“ Außerdem empfiehlt er, je nach Kraft und Kondition eine eigene Tritttechnik mit ein, zwei oder drei Stufen pro Schritt zu finden. Oetjen wird nach seinem Lauf berichten, die Tritttechnik zwischendurch gewechselt zu haben, von zwei auf eine Stufe pro Schritt.

Wenige Minuten nach der geplanten Anfangszeit wird klar: Heute kommt niemand. Oetjen macht sich bereit für seinen Lauf. Remmies zählt an der aufgeklebten Startlinie von Zehn herunter, Oetjen rennt los und verschwindet im Hauseingang.

Nach wenigen Minuten kommt er zurück und berichtet: Eine Minute und 26 Sekunden habe er gebraucht. „Es war deutlich härter als gedacht. Bis Etage sieben ging es gut, bis neun „geht so“ und dann kam der Hammer. Und oben war ich kurz davor umzufallen, muss ich zugeben.“ Bis oben seien es genau 187 Stufen, „von Bernd persönlich gezählt“, sagt Oetjen lachend. „Es war echt klasse. Wenn man sich wieder eingekriegt habe, ist es ein gutes Gefühl.“

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