Pastor Jens Lohse ruft während des Habenhauser Schaffermahls seinen Brüdern im Rathaus zu: Wovor habt ihr denn Angst, lasst sie doch rein Frauen sind seit Anfang an dabei

Rund 160 Gäste lockte das Habenhauser Schaffermahl in die Simon-Petrus-Kirche. Das Thema der Ehrengäste Elisabeth Motschmann, Sprecherin für kirchliche Angelegenheiten und CDU-Bürgerschaftsabgeordnete, Robert Bücking (Grüne), Ortsamtsleiter Mitte/Östliche Vorstadt, des Schweizer Theologen Eberhard Busch, und Helmut Hafner, Träger des Habenhauser Friedenspreises, war "Mehr Demokratie wagen". Im Gegensatz zur Schaffermahlzeit im Rathaus sind in Habenhausen auch Frauen zugelassen und das seit Anfang an.
27.02.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Rund 160 Gäste lockte das Habenhauser Schaffermahl in die Simon-Petrus-Kirche. Das Thema der Ehrengäste Elisabeth Motschmann, Sprecherin für kirchliche Angelegenheiten und CDU-Bürgerschaftsabgeordnete, Robert Bücking (Grüne), Ortsamtsleiter Mitte/Östliche Vorstadt, des Schweizer Theologen Eberhard Busch, und Helmut Hafner, Träger des Habenhauser Friedenspreises, war "Mehr Demokratie wagen". Im Gegensatz zur Schaffermahlzeit im Rathaus sind in Habenhausen auch Frauen zugelassen und das seit Anfang an.

Von Sascha Rühl

Habenhausen. Festlich und mit viel Liebe dekoriert waren die Tische in der Simon-Petrus-Kirche in Habenhausen. Passend dazu hatten sich die rund 160 Gäste gekleidet: Die Damen waren in eleganten Kleidern und Hosenanzügen erschienen, die Herren in schwarzen Anzügen mit Krawatte oder Fliege. Das Kerzenlicht sorgte für ein stimmungsvolles Ambiente.

Zu Beginn der Veranstaltung ging der erste Schaffer, Pastor Jens Lohse, auf das Habenhauser Schaffermahl ein: "Zum elften Mal versammelt sich eine ansehnliche Runde hier in der Simon-Petrus-Kirche. Inzwischen haben sich Markenrechtler damit beschäftigt, ob es überhaupt zulässig ist, dass eine kleine Gruppe von Markenpiraten auf dem anderen Weserufer tolldreist den Namen Schaffermahl okkupiert hat", scherzte Lohse. Eigentlich müsse es den Freunden und Vorbildern vom anderen Weserufer gefallen, dass sich auf der linken Seite des Flusses etwas tue und sich bürgerliches und bürgerschaftliches Engagement ereigne. "Es ist uns ein Anliegen, Frauen hier zu haben. Ich rufe es den viel älteren und würdigeren Brüdern im Rathaus zu: Wovor habt ihr denn Angst, lasst sie doch rein, die Frauen", forderte der erste Schaffer Lohse und erntete dafür Applaus.

Engagement ist da

Als erster Redner sprach Helmut Hafner als Vertretung für Bürgermeister Jens Böhrnsen. Hafner ist der Träger des Habenhauser Friedenspreises, den die Kirchengemeinde im vergangenen Jahr an ihn verliehen hat. "Ich habe mir vier Begriffe ausgesucht, die etwas mit den Schafferinnen und Schaffern zu tun haben und ihrem Wirken. Die Begriffe sind Welt, Zeit, Religion und Hoffnung", sagte Helmut Hafner in seinem Grußwort. Obwohl heutzutage alles hell erleuchtet sei, hätten viele Menschen den Eindruck, dass es dunkler werde. Umso erstaunlicher sei es, dass sich immer wieder Menschen finden, hier seien einige dabei, die sich in ganz besonderer Weise engagieren. Sie seien achtsam und wach und wüssten, dass das Gegenteil von Liebe nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit ist. Außerdem betonte der Träger des Habenhauser Friedenspreises den Wert der Religionen für eine Stadt der Gegensätze wie Bremen. Religionen hätten stets geholfen, das Bewusstsein zu erwerben, dass

Verschiedenheit bereichert und nicht bedroht.

Zwischen den Reden sorgten Martin Flindt, Jens Heisterhagen und Sofie Niemann mit musikalischen Einlagen für Abwechslung. Das eigentliche Schaffermahl, natürlich Braunkohl mit den üblichen Beilagen, sorgte für zufriedene Gesichter. Sogar ein kleines ziviles Ungehorsam ließ Pastor Jens Lohse zu und forderte davon Gebrauch zu machen: Das Rauchen von Tonpfeifen im Gotteshaus, natürlich nur während der Pausen. "Für unsere Tradition haben wir überall ein bisschen was abgekupfert. Die Tonpfeifen und die Dütchen (Salztütchen) von der Bremer Schaffermahlzeit, die Anzahl der Reden und die musikalischen Einlagen von der Eiswette", gab Pastor Lohse offen zu.

Nach dem Essen vertrat die Bürgerschaftsabgeordnete Elisabeth Motschmann ihren Standpunkt zum Thema des Abends "Mehr Demokratie wagen". "Da kann ich dem Haus Seefahrt nur zurufen, zu Demokratie gehören, das sollte sich zu den Ökonomen und Kaufleuten im Rathaus herumgesprochen haben, auch die Frauen", erklärte Motschmann. Traditionen seien wichtig, da sie sinn- und identitätsstiftend seien und gehörten geschützt. Aber die Beteiligung von Frauen an diesem großen Event sei eine längst überfällige Maßnahme in der sonst so offenen Handelsstadt Bremen. Wenn Traditionen erstarrten, dann werde man zum Nachlassverwalter. Generell gebe es in Sachen Gleichberechtigung sowohl in der Weltpolitik als auch in der Privatwirtschaft noch großen Nachholbedarf.

Der Professor für Theologie, Eberhard Busch, ging vor allem auf die politische Seite des Themas ein. Der gebürtige Schweizer erklärte, seine Heimat werde von unten regiert, da der Staat immer von oben bedroht sei. "Auch diese Staatsform kann entarten. Nämlich dann, wenn die Bürgerinnen und Bürger zu einer manipulierbaren Masse umgeformt werden. Es müsse immer wieder dafür gesorgt werden, dass jeder eine eigene Stimme hat." Es ist heute nicht leicht, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, denn wir sind umgeben von Meinungsmachern", betonte Busch.

"Das, was wir aktuell hier an Demokratie haben, ist erstaunlich viel wert", erklärte der Ortsamtsleiter Mitte/Östliche Vorstadt Robert Bücking. Man solle Politik schaffen, indem man Gemeinschaft schafft. Wichtig sei, zum einen die Bürger zu "Community-building" anzuleiten und sie anschließend, seitens der Politik, auch anzuerkennen. "Anerkennung und Aufmerksamkeit halte ich für eine sehr wichtige Währung. Die Aktiven, die sich engagieren, verdienen Anerkennung", erklärte Bücking und nannte als Beispiel die Entstehung des neuen Hulsberg-Viertels.

"Wir hatten selten ein Schaffermahl, wo die Reden so ergreifend und passend und so bedeutend waren wie bei diesem", fand der Vorsitzende des Schaffercollegiums, Pastor Jens Lohse, und dankte auch dem Service-Team für die Bewirtung. Der Spendenbetrag stellte dieses Jahr keine neuen Rekorde auf, beachtlich ist er trotzdem: 17500 Euro.

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