Das Ende einer lange Dienstzeit

Jedem eine zweite Chance

Hayo Hoffmann geht als Leiter der Kinder- und Jugendfarm Habenhausen in den Ruhestand. Das Ende einer Ära, denn seit 1990 hat er die Einrichtung mit viel Engagement aufgebaut.
25.01.2019, 19:48
Lesedauer: 4 Min
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Von Karin Mörtel
Jedem eine zweite Chance

Farmleiter Hayo Hoffmann geht nach fast 30 Jahren Arbeit auf der Kinder- und Jugendfarm in den Ruhestand.

Walter Gerbracht

Seit fast drei Jahrzehnten liegt der Arbeitsplatz von Hayo Hoffmann mitten in der Stadt zwischen einem großen Misthaufen, einer Pferdekoppel und Kaninchenställen. Nun geht der Leiter der Kinder- und Jugendfarm Habenhausen Ende Januar in den Ruhestand. Das Ende einer Ära, sagen viele im Stadtteil zu dem Weggang des Mannes, der seit 1990 zusammen mit Farmleiterin Susanne Molis die Farm zu einem Ort mit Strahlkraft entwickelt hat, an dem viele kleine und große Bremer einen Freiraum abseits von Alltagssorgen und hektischem Stadtleben finden.

Von Abschiedsschmerz will der 67-Jährige allerdings nichts wissen. „Ich gehe und das ist in Ordnung so“, sagt er und blickt aus den Fenstern des Haupthauses auf die Hängebauchschweine, die sich auf dem Hof von einer Gruppe Schulkindern den Rücken kraulen lassen. Fast alles von dem, was heute auf dem Farmgelände an der Ohserstraße zu sehen ist, hat er zusammen mit Molis erdacht und umgesetzt. Ein zweites Haus mit Räumen für die Hortkinder und das günstige Mittagessen für Mitarbeiter und Farmbesucher. Aber auch eine Reithalle, eine Grillhütte, einen neuen Abenteuer-Spielbereich sowie zahlreiche neue Gehege sind im Laufe der Zeit hinzugekommen.

Wanderer zwischen Philosophie und Mistgabel

„Man sieht hier unsere Gedanken, die geboren werden wollten“ ist so ein Satz von ihm, der zeigt, dass die Grenze zwischen Philosophie und Mistgabel in seinem Verständnis von Arbeit fließend ist. Er ist ein Menschenkenner. Wie andere Leute ein Buch, scheint er der Persönlichkeiten und Stimmungen von Menschen lesen zu können. Ein zu lascher Händedruck hätte fast dafür gesorgt, dass er die Stelle in der Farm zunächst nicht antreten wollte. Zum Glück hat er dennoch zugesagt, sonst hätten zwei Generationen von Kindern nicht erfahren, was er an Herzblut zu geben bereit ist, wenn er sich mit Haut und Haaren auf ein Vorhaben einlässt.

Von regulären Arbeitszeiten konnte insbesondere in seinen Anfangsjahren keine Rede sein. In den Jahren zuvor war einiges schief gelaufen auf der Farm, ein Mitarbeiter hatte Geld veruntreut, dementsprechend schlecht war der Ruf der pädagogischen Einrichtung. „Wir haben die Wiedergeburt eingeläutet und dafür wie verrückt mit einem einzigen Zivi zusammen geschuftet“, sagt Hoffmann rückblickend. 500 Leute trommelten sie für ein Umweltfest zusammen, um das drei Hektar große Farmgelände zunächst von Altlasten zu befreien und aufzuräumen. In den weiteren Jahren stieg die Anzahl der Mitarbeiter ebenso rasant wie die Zahl der Ehrenamtlichen „ohne die hier gar nichts läuft“, betont der Sozialpädagoge.

Steter Einsatz für seine Mitarbeiter

„Er ist der beste Mensch auf der Farm, mit dem wir immer über unsere Sorgen reden können. So einen findet man in den Betrieben nicht“, sagt etwa Rentner Stan Darda über ihn, der seit vielen Jahren auf der Farm als eine Art inoffizieller Hausmeister arbeitet und wohnt.

Schon vor Jahren zeigte sich auch ein damaliger Mitarbeiter, der über das Arbeitsamt an die Farm vermittelt worden war, erstaunt über Hoffmanns Einsatz für sein Team: „Ich hatte in meiner Vergangenheit richtigen Mist gebaut und dachte, ich passe da nicht hin.“ Er beschloss, nicht mehr zur Arbeit zu gehen, Hoffmann suchte und fand ihn, obwohl er weglaufen wollte. „Er sagte, dass ihn nicht interessiert, was früher war, sonder nur, ob ich meine Arbeit auf der Farm ordentlich mache.“ Solch ein Vertrauen in seine Person kannte der Mann aus seinem früheren Leben nicht – und kehrte hoch motiviert an die Farm zurück.

Weitere Beispiele gibt es viele auf der Farm zu hören: Hayo Hoffmann begleitete Teammitglieder aufs Jobcenter und half bei privaten Problemen. „Auch für mich persönlich und meinen Sohn hat Hayo viel getan“, bestätigt Anja Weber, die gerade Gemüse für die nächste Tierfütterung vorbereitet. Sie ist eine von mehreren In-Jobbern auf dem Hof, deren Kenntnisse auf dem Arbeitsmarkt nicht nachgefragt werden, „aber die bei uns richtig gute Arbeit leisten“, betont Hoffmann. Lob aussprechen – so seine Überzeugung – ist das Wichtigste, was er als Chef tun kann, damit das Farmleben so positiv läuft, wie es derzeit in jedem Winkel zu spüren ist.

Manchmal konnte Susanne Molis nur den Kopf schütteln über die vielen Chancen, die Hoffmann den Mitarbeitern im Laufe der Jahre immer und immer wieder eingeräumt hat. „Doch im Nachhinein muss ich zugeben, dass es sich gelohnt hat“, sagt Molis.

Viel Freiraum für Mensch und Tier

Hoffmann selbst hat auch seine zweite Chance bekommen. Vom Leben, wenn man so will, das er trotz einer schweren Krebserkrankung nun weiterleben kann. Ein Jahr musste er deswegen zuhause bleiben und sich operieren lassen. Jetzt geht es ihm wieder gut, sagt er und ist selbst ein wenig überrascht davon, dass er außer der Operationsnarbe nichts mehr von seinem gesundheitlichen Tiefpunkt spürt.

Die Kinder und Jugendlichen auf der Farm haben in all den Jahren in Hoffmann und Molis zwei verlässliche Ansprechpartner gefunden und eine Art Wegweiser in dem Freiraum mit über hundert Tieren. „Es gibt hier nur wenige Regeln, das ist wichtig, damit die Jungs und Mädchen sich ausprobieren und Verantwortung übernehmen können“, findet Hoffmann. „Wir sind wie zwei Herbergseltern, für manche Kinder sind wir vielleicht sogar so etwas wie Eltern gewesen“, blickt Susanne Molis zurück auf die vielen gemeinsamen Arbeitsjahre mit Hoffmann. „Wie ein altes Ehepaar, das grundverschieden ist, sich aber sehr gut ergänzt“, formuliert es der angehende Rentner selbst.

Der Sozialpädagoge hat im Laufe der Zeit immer weniger mit den Tieren und Kindern, dafür immer mehr mit Zahlen in dem winzigen Farmbüro zu tun gehabt. „Doch das Büro ist zum Glück das Herz der Farm, hier kommen sie alle vorbei“, sagt er. Die Frage nach seinem Lieblingstier, lässt ihn grübeln, doch dann fällt es ihm ein. Es ist das Kamerunschaf Emilio, dass er eines Nachts von der Polizei in Empfang genommen hat, nachdem die Beamten es mitten in Kattenturm eingefangen hatten.

Hoffmann ist durch zahllose Geschichten wie diese eng mit der Farm verwoben. Dennoch hat er auch während seiner letzten Tage als Farmleiter nicht vor, einen sentimentalen Abschied zu zelebrieren. Denn schließlich ist er überzeugt: „Das, was passieren wird, ist kein Zufall, sondern Schicksal. Und ich weiß die Farm in guten Händen.“

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