Selbstverteidigung für Senioren

Jeder Handgriff soll sitzen

Im Bürgerhäuschen Kattenturm lernen Senioren in einem sechswöchigen Kurs, sich im Notfall selbst zu verteidigen. Die älteste Frau ist 90 Jahre alt und geht am Rollator.
26.02.2020, 17:18
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Von Kim Böß
Jeder Handgriff soll sitzen

Handgreiflichkeiten: Kursteilnehmer Friedemann Hollmer (links) und Kursleiter Olaf Hünnekens.

PETRA STUBBE

„Das sieht aber gefährlich aus“, bemerkt eine Teilnehmerin, als Olaf Hünnekens ins Bürgerhäuschen in Kattenturm kommt. Bepackt mit großen Taschen, aus denen Stöcke herausragen, betritt er den Raum. Es steht ein Selbstverteidigungskurs für Senioren an. Es wartet schon Elke Munderloh, die Leiterin des Seniorenbegegnungszentrums des Bürgerhauses Obervieland, mit fünf Senioren auf Hünnekens. Gespannt fangen sie an, sich auszutauschen. Was sind ihre Erwartungen? Warum sind sie gekommen? Die Gruppe setzt sich zusammen aus drei Männern und zwei Frauen. Die meisten aus Kattenturm, aber auch aus der Neustadt kommt ein Teilnehmer. Die älteste Frau ist 90 Jahre alt und mit ihrem Rollator unterwegs, trotzdem möchte sie sich der Herausforderung stellen.

Der Selbstverteidigungskurs im Bürgerhäuschen, Willi-Hundt-Straße 2, ist am 19. Februar gestartet Kurs und wird bis zum
25. März immer mittwochs von 10 bis 11.30 Uhr fortgeführt. Die fünf Teilnehmenden sind die ersten Menschen der Generation 50+, die sich den Kurs zutrauen. „Viele ältere Menschen denken, dass so etwas nichts mehr für sie ist“, sagt Hünnekens. Dieser Kurs ist aber speziell auf Bedürfnisse, Wünsche und Fähigkeiten für ältere Teilnehmer ausgerichtet. Hünnekens hat als Kampfsportler über Jahre hinweg beobachtet, wie selten ältere Menschen Selbstverteidigung lernen. Er hat sich gefragt, woran das liegt. Er fing an, Senioren darauf anzusprechen, begann ein Konzept zu entwickeln – und vor acht Jahren fand sein erster Selbstverteidigungskurs für Senioren statt.

Nun findet ein solcher Kurs zum ersten Mal im Bürgerhäuschen statt, insgesamt fünf Mal werden sich die Senioren treffen, um Techniken und Methoden zu lernen, mit denen sie sich im Notfall selbst verteidigen und selbstsicher auftreten können. Die Techniken sind darauf ausgelegt, wenig Kraft aufwenden zu müssen. Um das zu erreichen, bringt Hünnekens den Teilnehmenden zum Beispiel bei, Alltagsgegenstände als sogenannte Kraftverstärker einzusetzen. Das kann eine Handtasche, ein Ast, eine Zeitung oder ein Teelöffel sein. Den Einsatz von Letzterem testen die Kursteilnehmer auch gleich aus. Sie sollen spüren, dass es unangenehmer ist, von einem Löffel gepikst zu werden als mit einem Finger. Zunächst geht es aber darum, sich kennenzulernen und einen Einblick in das Thema Selbstverteidigung zu bekommen. Hünnekens lässt erst einmal die Senioren zu Wort kommen. Es ist ihm wichtig zu erfahren, in welchen Situationen sie gerne gewappnet wären und welche Wünsche sie für die weiteren Kursstunden haben.

Sie äußern die Angst, nicht schnell genug weglaufen zu können, wenn sie bedroht werden. Sie haben Angst, im Dunkeln allein rauszugehen oder wollen sich in alltäglichen Situationen sicherer fühlen. Zwei der Teilnehmer haben schon einmal gemeinsam einen Selbstverteidigungskurs besucht. „Damals haben wir aber eher den Huchtinger Straßenkampf gelernt“, sagt Hans-Günther Heiland. Ihm ist es wichtiger, Präsenz zu zeigen und sich als potenzielles Opfer unattraktiv zu machen. Außerdem spricht er von einer Hemmschwelle, die er in seinem früheren Kurs erlebt hatte. Sie mache es ihm schwer, einem Angreifer Schmerzen zuzufügen. „Ich musste mir aber sagen, ich muss jetzt etwas machen, damit ich mich in einem Ernstfall selbst schützen kann“, sagt Heiland. Aber auch das Verhalten abends alleine auf der Straße beschäftigt ihn. Wie verhält man sich, wenn man merkt, dass man verfolgt wird?

Olaf Hünnekens vermittelt Ideen und Anreize, in den wenigen Kursstunden kann er aber keine wirksamen Techniken gegen Messer oder andere Waffen gewährleisten. Es geht ihm eher darum, Ängste anzusprechen und mit wenigen und einfachen Handgriffen Sicherheit zu geben, wenn es zu einer brenzligen Situation kommt. Es kann schon reichen, den kleinen Finger des Angreifers zu verdrehen, um ihm Schmerzen zu bereiten und schnellstmöglich aus der Notlage zu entkommen. Wenn das Interesse bei den Senioren vorhanden ist, können sich Hünnekens und Munderloh auch einen Aufbaukurs vorstellen, der zehn Einheiten umfasst und bei dem die Techniken verfeinert und die wichtigsten Handgriffe vertiefend trainiert werden. Das Grundkonzept für den aktuellen Kurs: Es soll auf die individuellen Stärken und Schwächen der Teilnehmenden eingegangen werden. Hünnekens betont, dass keine Kampfsportart erlernt werden solle, sondern effektive und einfache Selbstverteidigung.

Er selber ist schon seit vielen Jahren aktiver Kampfsportler. Inzwischen arbeitet er an einer Methode, die sich aus unterschiedlichen Kampfsportarten zusammensetzt. Er begann mit Judo und Karate, wechselte dann zum Kickboxen, bevor er bei Wing Chun, einer Art von Kung-Fu, und Escrima, philippinischem Waffenkampf, hängen blieb.

Vor 27 Jahren begann Hünnekens, erstmals zu unterrichten. Mit Senioren hat er schon in Kattenturm, Huchting und Woltmershausen trainiert. In Obervieland unterrichtet er derzeit auch Kinder ab sechs Jahren und Erwachsene ab 16 Jahren. Elke Munderloh hat schon häufig von Ängsten und Befürchtungen der Senioren aus dem Stadtteil gehört und wollte den Menschen eine Möglichkeit geben, wie sie lernen, sich im Alltag sicherer zu fühlen.

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