Obervielander Fünftklässler haben ihren Stadtteil erkundet und Wünsche formuliert Kinder stört der viele Müll

Aus Kinderaugen betrachtet sieht die Stadt ganz anders aus. Probleme der Erwachsenen wie fehlende Parkplätze sind unwichtig. Zigarettenstummel auf Spielplätzen und betrunkene Menschen sind dagegen sehr schlimm und zum Teil auch angsteinflößend. Knapp 80 Fünftklässler des Gymnasiums links der Weser haben in der vergangenen Woche in Obervieland die Kinderfreundlichkeit erforscht und zahlreiche Wünsche formuliert. Damit öffnet der Stadtteil sich ein Stück mehr Richtung Jugendbeteiligung.
11.02.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Karin Mörtel

Aus Kinderaugen betrachtet sieht die Stadt ganz anders aus. Probleme der Erwachsenen wie fehlende Parkplätze sind unwichtig. Zigarettenstummel auf Spielplätzen und betrunkene Menschen sind dagegen sehr schlimm und zum Teil auch angsteinflößend. Knapp 80 Fünftklässler des Gymnasiums links der Weser haben in der vergangenen Woche in Obervieland die Kinderfreundlichkeit erforscht und zahlreiche Wünsche formuliert. Damit öffnet der Stadtteil sich ein Stück mehr Richtung Jugendbeteiligung.

Obervieland. In der vergangenen Woche gab es wenig, was den wachsamen Kinderaugen von etwa 80 Fünftklässlern in Obervieland entgangen ist. Vier Tage lang erkundeten die Zehn- und Elfjährigen im Rahmen des Projektes "Stadtteilchecker" viele verschiedene Punkte in ihrem Stadtteil, die für Kinder wichtig sind und machten sich mit den Rechten von Kindern vertraut. Neben Spiel- und Sportplätzen besuchten einige Schüler des Gymnasiums links der Weser auch die Jugendfarm, das Ortsamt, betrachteten mit dem Kontaktpolizisten den Stadtteil aus der Vogelperspektive vom Gewoba-Hochhaus und sprachen mit der Quartiersmanagerin von Kattenturm. Die Kinder bewerteten aber auch Verkehrsknotenpunkte, an denen viele Kinder die Straße queren müssen, zählten Autos und befragten Fußgänger.

Die Grundfragen waren dabei immer die gleichen: "Was finden wir schön und was doof?" Darüber hinaus galt es, die Frage zu klären: "Was würden wir besser machen?" Die Antworten auf diese Fragen präsentierten die kleinen Forscher am Freitag im Bürgerhaus Gemeinschaftszentrum Obervieland (BGO) und überraschten so manchen erwachsenen Besucher mit ihren Einsichten. "Offensichtlich haben die Kinder sehr genau hingesehen, denn sie bemängeln mit Nachdruck den vielen Müll", hat der Obervielander Beiratssprecher Stefan Markus (SPD) festgestellt. Ein Punkt, der auch von Erwachsenen ähnlich bewertet wird. "An den Verkehrsknotenpunkten schätzen die Kinder dagegen die Lage eher gefährlicher ein", so Markus. Eine Bewertung, die durchaus auch für die Lokalpolitiker interessant sein könnte. Insgesamt findet Markus es wichtig, dass der Stadtteil auch einmal aus Kinderaugen begutachtet wird. "Damit halten die Schüler uns Politikern einmal den Spiegel vor."

Wer möchte, dass Jugendliche sich für ihr Umfeld engagieren, muss ihnen zunächst die Möglichkeit geben, ihre Umgebung kennenzulernen, meint Schulsozialarbeiter Jens Singer. "Ich hatte das Gefühl, dass viele Kinder den Stadtteil noch nicht ausreichend kennen, um zu wissen, was sie verändern möchten", erklärt Singer den Hintergrund des Projektes. Als ehemaliger Leiter des Jugendhauses Buchte in Bremen-Mitte hat er bereits viel Erfahrung mit Jugendbeteiligung gesammelt und findet, "das Thema nimmt häufig noch einen zu geringen Stellenwert ein." Besonders in Obervieland liegt er damit genau richtig, denn Kinder und Jugendliche dürfen zwar bereits an manchen Einrichtungen mitbestimmen, wie beispielsweise in der Kinder- und Jugendfarm oder im BGO. Doch einen Jugendbeirat oder eine andere Gruppe, die für alle Kinder und Jugendlichen aus Obervieland spricht, gibt es bisher nicht. Daher lautete die offizielle Parole: Die Kinder sollen sich als "Stadtteilchecker" neue "Einmischungsfelder" erschließen.

Der Beirat versucht bereits, sich mit vorsichtigen Schritten der Jugendbeteiligung zu öffnen. "Wir sind auf der Suche nach einer geeigneten Form der Beteiligung, ob das ein Jugendbeirat sein wird, wissen wir aber noch nicht", sagt Beiratssprecher Stefan Markus. Doch die heutigen "Stadtteilchecker" seien der ideale Nachwuchs für künftige Beteiligungsformen im Stadtteil. Mit dem kürzlich gestarteten Ideenwettbewerb "Jumpin" des Stadtteilparlaments hoffen die Lokalpolitiker, einen ersten Anreiz für das Engagement junger Obervie-lander geschaffen zu haben. 10000 Euro stellt der Beirat 2013 aus seinen eigenen Globalmitteln für ausgewählte Ideen von Jugendlichen zur Verfügung.

Von diesem Geld würden Anid, Mahadi und Sahan gerne etwas haben, um den Uhrenspielplatz schöner zu gestalten. Denn bei ihrer Stadtteilerkundung ist ihnen aufgefallen, dass dort eine Schaukel kaputt ist. "Und alles ist mit Graffiti beschmiert", sagt der zehnjährige Mahadi. "Wir wollen nun Geld beantragen, damit unser Stadtteil schöner wird", erklärt Sahan. Die Schmierereien sollen beseitigt und die Schaukel repariert werden. Eine Mädchengruppe hat darüber hinaus verschiedene Spiel- und Sportplätze unter die Lupe genommen. Ihr Fazit: Überall liegt zu viel Müll. "Meistens von Erwachsenen", sagt Mae. Schließlich würden Kinder keine Zeitungen, Zigarettenstummel und Bierdosen liegen lassen. In einem Modell haben die Mädchen gezeigt, was das Problem ist, denn auch der Müll ist dort gut zu sehen.

Andere Kinder haben sich mit dem Funpark beschäftigt, der bei allen Kindern auf großen Zuspruch trifft. "Aber dort sind die Getränke zu teuer", findet Karim. Das hat ein Preisvergleich mit dem BGO ergeben. 1,20 Euro für eine kleine Cola sei einfach zu teuer, so das Urteil der Kinder. Unterstützt wurden die einzelnen Forschergruppen auch von den weiteren Kooperationspartnern des Projektes wie dem Lidice-Haus, dem ADFC, dem Verein "Spiellandschaft Stadt", der Uni Oldenburg und vielen mehr.

"Ich will nicht, dass die Ergebnisse nun einfach verpuffen", bekräftigt Singer sein Interesse, das Projekt noch weiterzuführen. Er will nun eine Projektgruppe mit all jenen gründen, die sich auch nach dieser einen Woche noch für ihre Ideen stark machen wollen. Das Ziel ist, eventuell auch Geld vom Beirat für einen oder mehrere der Vorschläge zu beantragen. "Kinder und Jugendliche müssen erst einmal an die Hand genommen werden, damit sie wissen, wie Beteiligung funktioniert", so der Sozialarbeiter. Bloßes Klagen darüber, dass Jugendliche sich nicht einbringen würden, sei zu kurz gedacht. "Diese Unterstützung kostet natürlich auch Geld", so Singer. Im Fall der "Stadtteilchecker" kam das vom Bundesfamilienministerium sowie ein kleiner Beitrag vom Schulverein. Und damit die Arbeit auch der Nachwelt erhalten bleibt, gab es eine Reportergruppe, die mit Texten, Interviews, Videos und Fotos das Geschehen festgehalten hat.

Nachzulesen gibt es die Ergebnisse demnächst unter www.jugendinfo.de.

Kinder stört der viele Müll

Obervielander Fünftklässler haben ihren Stadtteil erkundet und Wünsche formuliert

Zitat:

"Die Schüler halten

uns Politikern einmal

den Spiegel vor."

Beiratssprecher Stefan Markus (SPD)

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