Zu wenig Geld

Kinder- und Jugendfarm Habenhausen streikt am Montag

Die Kinder- und Jugendfarm Habenhausen protestiert gegen zu wenig Mittel für die offene Jugendarbeit. Und sie ist nicht die einzige Einrichtung, die derzeit darüber nachdenken muss, Angebote zu streichen.
02.02.2020, 19:17
Lesedauer: 4 Min
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Kinder- und Jugendfarm Habenhausen streikt am Montag
Von Timo Thalmann
Kinder- und Jugendfarm Habenhausen streikt am Montag

Susanne Molis füttert die Tiere auf der Kinder- und Jugendfarm Habenhausen. Deren Versorgung ist gesichert, die pädagogischen Angebote sind es dagegen nicht.

Frank Thomas Koch

Eigentlich wäre an diesem Montag Zeugnisferienprogramm auf der Kinder- und Jugendfarm Habenhausen. Klimafreundliche Bastel- und Malangebote, Gartengruppen, Backen, Tischtennis, Ziegen- und Kaninchenpflege oder Werkangebote stehen an solchen Tagen auf dem Programm. Doch in diesem Jahr steht das Team um Leiterin Susanne ­Molis vor der Tür und sammelt Unterschriften. Die Farm bleibt aus Protest einen Tag geschlossen.

Es geht um die Fördermittel, die aus dem Stadtteilbudget für die offene Jugendarbeit an die Kinder- und Jugendfarm ausgeschüttet werden. Rund 170.000 Euro sollen das nach jetzigen Stand für 2020 sein. Das klingt angesichts von 448.000 Euro, die sich die Träger der offenen Jugendarbeit in Obervieland teilen müssen, erst mal nach dem Löwenanteil. „Das sind aber rund 7000 Euro weniger als im Vorjahr und 36.000 Euro weniger als beantragt. Wir sind damit bei der Förderung auf dem Stand von 2015“, erläutert Molis.

Erste Angebote bereits gestrichen

Dem steht ein volles Programm gegenüber. Woche für Woche nehmen rund 120 Kinder und Jugendliche die offenen Angebote war. Dazu kommen die Ferienangebote, und nahezu jeden Tag besuchen eine Schulklasse oder eine Kindergartengruppe das weitläufigen Gelände mit Werkstatt, Atelier, Spielplatz, der Imkerei, einem Garten und rund 100 Tieren, um die Farm als Lernort zu nutzen. Ein Hort für 26 Kinder gehört ebenfalls zum Angebot. Für diese Kinder sowie angemeldete Besucher werden pro Jahr allein 10. 000 Mittagessen gekocht. Das alles wird mit einigen Hauptamtlichen und Honorarkräften bewältigt. „Aber jetzt sind wir absolut am Limit unserer Möglichkeiten“, sagt Molis. Um die Lücken in der Finanzierung aufzufangen, mussten bereits erste Angebote gestrichen werden.

Die Kinder- und Jugendfarm Habenhausen ist dabei nicht allein. Aus allen Stadtteilen melden die jeweiligen Träger offener Jugendarbeit Einschränkungen ihrer Angebote wegen gekürzter oder zumindest nicht erhöhter Budgets, die auf Lohnsteigerungen, Mieterhöhungen und die allgemeine Teuerungsrate etwa bei den Betriebs- und Energiekosten der Einrichtungen treffen. Die Differenz zwischen beantragten und bewilligten Mitteln beträgt in Obervieland beispielsweise knapp 80.000 Euro, in Hemelingen ist von insgesamt 75.000 Euro Unterdeckung die Rede. Aus allen Stadtteilen gibt es darum Meldungen, dass Angebote eingeschränkt und zurückgefahren werden: Im Jugendhaus Horn-Lehe bleiben die Türen künftig ein- bis zweimal im Monat zusätzlich geschlossen. In Osterholz verzichtet das alkoholfreie Jugendcafé der St. Petri Kinder- und Jugendhilfe auf die Öffnung am Sonnabend, das Kinder- und Jugendhaus Schweizer Viertel in Tenever macht nun bis auf Weiteres immer freitags dicht. Das Ferienangebot Arberger Sommerbad fällt 2020 komplett weg.

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Vor diesem Hintergrund wollen die Träger aus der ganzen Stadt auf der nächsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses am 20. Februar Rabatz machen. „Thematisiert bitte in euren Einrichtungen und Angeboten, was den Jugendlichen fehlt, gestaltet Plakate, bringt auch gerne einen Basketball mit, ein Skateboard, euer Lieblingsfarmtier oder was sie sonst möchten. Wir wollen den Laden ein wenig aufmischen“, heißt es in einem Aufruf dazu.

Es sind zwei sich überlagernde Probleme, die aus Sicht der Einrichtungen zu der schwierigen Lage geführt haben. „Es ist einfach zu wenig Geld im Topf“, sagt Sara Dahnken, die beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) die Jugendförderung leitet. Das DRK ist als einer der größeren Träger für insgesamt zehn Angebote in verschiedenen Stadtteilen verantwortlich. Für 2019 gab es insgesamt rund 7,9 Millionen Euro für die stadtteilbezogene Kinder- und Jugendförderung in Bremen. Seit 2017 ist dieses Budget aber nur geringfügig gestiegen, um ein gutes Prozent pro Jahr. Entsprechend gibt es Forderungen aus verschiedenen Beiräten, die Mittel um 3,5 (Mitte, Östliche Vorstadt) bis sieben Prozent (Huchting) aufzustocken.

Noch weniger Geld

Das zweite Problem: Für 2020 gibt es bislang nicht mal das eine Prozent Zuschlag, weil es noch gar keinen Haushalt gibt. In dieser haushaltslosen Zeit werden die bestehenden Budgets einfach auf dem bisherigen Niveau fortgeschrieben. Dass die Kinder- und Jugendfarm Habenhausen dabei erst mal noch weniger Geld bekommt als im vorigen Jahr, ist eine weitere, allerdings eher individuelle Problemlage, die dem System der Mittelvergabe geschuldet ist.

Den Stadtteilen werden die Mittel nach einem vorgegebenen Verteilungsschlüssel in einer Summe zugewiesen. Welcher Träger letztendlich wie viel Geld bekommt, das entscheiden vor Ort sogenannte Controllingausschüsse (CA) mit jeweils sechs Mitgliedern: Zwei kommen vom jeweiligen Ortsbeirat, zwei entsenden die Träger der Jugendarbeit vor Ort, zwei Mitglieder stammen vom Amt für soziale Dienste (AfSD). Anders als ihre Zusammensetzung ist die Arbeitsweise der CAs aber nicht im Detail vorgegeben. Die Folge: In jedem Stadtteil gibt es eigene Kriterien der Bedarfsermittlung und Diskussionskulturen. Mal können die Träger ihre Bedarfe vorstellen und erläutern, mal gibt es nur schriftliche Darstellungen. Mal dürfen die Antragsunterlagen in den Beratungen genutzt werden, mal nur im Vorfeld beim AfSD eingesehen werden.

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Bei der Kinder- und Jugendfarm Habenhausen ist nach Ansicht der Leiterin nicht beachtet worden, dass der Träger eine Verwaltungskraft aus eigenen Mitteln bezahlt. „Wir haben ausschließlich Kosten für die pädagogische Arbeit in unseren Antrag geschrieben.“ Trotzdem seien vom CA Verwaltungskosten herausgerechnet worden. „Es ist kontraproduktiv, wenn wir uns aufgrund der mangelnden Stadtteilbudgets gegenseitig aufwiegeln lassen“, mein dagegen Dahnken. „Wir müssen unsere Forderungen gemeinsam an die Politik richten.“

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