Kontaktpolizist Gerhard Paschenda sagt Kattenesch zum Ruhestand leise Tschüss Letzte Streife im Revier

Kattenesch. Polizeimarke, Dienstführerschein und Uniform hat er abgegeben, eine letzte Urkunde erhalten. Der Kattenescher Kontaktpolizist Gerhard Paschenda ist jetzt offiziell im Ruhestand und lässt auf einer letzten Streife durch sein Revier 41 Dienstjahre Revue passieren.
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Von Jean-Charles Fays

Kattenesch. Polizeimarke, Dienstführerschein und Uniform hat er abgegeben, eine letzte Urkunde erhalten. Der Kattenescher Kontaktpolizist Gerhard Paschenda ist jetzt offiziell im Ruhestand und lässt auf einer letzten Streife durch sein Revier 41 Dienstjahre Revue passieren.

Vom Kattenturmer Revier zieht es ihn routinemäßig durch den Kattenescher Park gen Spielhaus. Sonst hatte er Uniform an und fuhr alleine mit dem Fahrrad. Jetzt läuft er zu Fuß und hat Ehefrau Kirsten an seiner Seite. Ein Radfahrer drängelt von hinten und schimpft: "Zur Seite. Sie nehmen den ganzen Weg in Anspruch." Paschenda bleibt gelassen und geht zwei Schritte nach links. Der Radfahrer dreht sich um und raunzt ihn an: "Unverschämtheit, jetzt lachen Sie auch noch." Der 60-Jährige murmelt: "Mit Uniform hätte der sich das wohl nicht getraut." Doch nur um Autorität auszustrahlen, wird er diese auch künftig nicht brauchen. "Die ständigen Nörgler gibt's immer."

Bei einer so bewegten Laufbahn, wie Paschenda sie hatte, ist er gelassen geworden. Der Beamte, den seine Kollegen 41 Jahre lang nur "Paschi" nannten, wirkt wie ein gutmütiger Großvater, dem die Enkel gebannt an den Lippen kleben, wenn er Geschichten erzählt. Eine wird er nie vergessen. Es war eine Nachtschicht im Jahr 1987. Paschenda war noch normaler Streifenpolizist in Kattenturm. Auf der Wache geht ein Anruf ein. Sieben Männer sind in ihrer Wohnung nur einen Steinwurf entfernt in Streit geraten. Paschenda und seine Kollegen ahnen, dass es Ärger geben könnte und gehen gleich zu fünft los. Als sie vor Ort sind, kippt die Stimmung. Die Männer gehen nicht mehr aufeinander los, sondern verbünden sich auf einmal gegen die Polizei. Paschenda wird rückwärts durch eine Balkontür geworfen. Ein Kollege hilft ihm wieder hoch. Ein anderer Angreifer wirft sich erneut auf ihn. Zusammen landen sie in einem Fernsehapparat, und Paschenda verletzt sich schwer an der Halswirbelsäule. Drei Monate war

er danach dienstunfähig. Die schwerste Verletzung seiner Laufbahn.

Auf dem Weg durch sein Quartier kommt Paschenda sogar einer der altbekannten "bösen Buben" entgegen. "Moin" grüßt ein Koloss, dessen T-Shirt den Schriftzug einer Bremer Rechtsrock-Band trägt. Paschenda grüßt den "alten Bekannten" zurück und sagt einige Meter weiter: "Viele, die früher die größten Chaoten waren, sind jetzt rehabilitiert, haben Kinder und sagen: Ich habe von euch früher immer den Arsch voll bekommen, und das war auch gut so."

Allerdings räumt Paschenda auch ein, dass er mal den Kürzeren zog und blickt auf eines der umliegenden Hochhäuser. "Manchmal haben die auf den Balkons gegrillt - nur damit wir kommen." Muskelprotze mit nacktem Oberkörper hätten von oben gebrüllt: "Kommt rauf, ihr Bullenschweine, wir warten auf euch!" Dann sagt Paschenda: "Wir haben nicht immer gewonnen. Das muss man sportlich sehen."

"Seismograf in der Region"

Als Paschenda 1999 nach 19 Jahren im Kattenturmer Einsatzdienst Kontaktpolizist (Kop) in Kattenesch wurde, war die wilde Zeit vorbei. Fortan beugte er Gewalt lieber vor statt sie aktiv zu bekämpfen. Sein Revierleiter Dieter Peek beschreibt ihn als "Seismograf in der Region". Paschenda sei jemand, der für seinen Stadtteil lebt, der Junge wie Alte, Gute wie Böse kennt. Peek verstand ihn als verlängerten Arm des Reviers, der Leute auf die richtige Bahn bringt. Weil er Paschendas Dienste so sehr schätzt, hätte er gerne noch länger auf sie gesetzt. Doch der Kop sagt: "Jetzt ist Schluss. 41 Jahre reichen." Halbtags hätte er gerne noch weitergemacht, aber das sei als Kop nicht vorgesehen. Deswegen wird er in Syke, wo er seit 31 Jahren mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen wohnt, auf 400-Euro-Basis in einer Spedition Verkehrssicherungsmaßnahmen vornehmen und beim Syker Sportverein TSV Okel als ehrenamtlicher Judo-Trainer arbeiten.

Der Judo-Unterricht wird ihn an seine Zeit als Kop erinnern. Während er in den Klassenräumen der Grundschule Alfred-Faust-Straße zunächst in Rollenspielen vermittelte, wie man Gewalt vorbeugt, zeigte er in der Sporthalle, wie man sich mit Judowürfen, Abwehrgriffen und Fallübungen im Ernstfall verteidigt. Zum Dank haben ihm die Schüler und die Schulleiterin Christiane Langer ein Fotoalbum mit Sprüchen als Abschiedsgeschenk gemacht.

Nach seiner finalen Streife entlang des Spielhauses, durch das Kinder- und Familienzentrum Wischmannstraße und die Grundschule Alfred-Faust-Straße kehrt er zurück ins Revier. An einer Tafel, die den Einsatzplan darstellt, hängt eine grüne Magnetplakette mit der Aufschrift "Paschi". Sie hängt unter "In". Paschenda legt sie auf die Fensterbank, lächelt zufrieden und sagt: "So, jetzt leg' ich mich zur Ruh'."

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