Revierleiter geht nach 45 Jahren in Ruhestand

Der Kommunikator nimmt seinen Hut

Schnelle Entscheidungen zu treffen, ohne sich oder andere dadurch in Gefahr zu bringen, sei seine Devise gewesen, sagt Hauptkommissar Hartmut Günther, der seit heute in Ruhestand ist.
29.06.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Christian Markwort
Der Kommunikator nimmt seinen Hut

Am meisten werde er „die vielen tollen Kollegen“ vermissen, sagt Hartmut Günther.

PETRA STUBBE

Nach 45 Jahren Dienst als Polizeibeamter ist seit vergangenem Freitag endgültig Schluss, Hauptkommissar Hartmut Günther hängt seinen Hut an den Nagel und tritt seinen verdienten Ruhestand an. „Am meisten werde ich vermutlich die vielen tollen Kollegen vermissen“, sagt der 62-jährige Leiter des Polizeireviers Obervieland, „wir hatten an all meinen Dienststellen immer eine tolle Gemeinschaft und ein absolut intaktes Vertrauensverhältnis.“

1975 begann Günther in Bremen die Ausbildung zum Polizeibeamten, bereits als Achtjähriger habe er den Wunsch verspürt, ein Polizist zu werden. „Meine Großmutter hat einmal zu mir gesagt, ich hätte ihr damals schon fest versprochen, später einmal ein Kommissar zu werden“, blickt er schmunzelnd zurück, „dieses Versprechen konnte ich knapp 30 Jahre später schließlich einlösen.“ Seine Faszination für den Polizeidienst habe er als kleiner Junge beim Anschauen alter Kriminalfilme entdeckt, sagt Günther, der seine Entscheidung später „zu keinem Zeitpunkt auch nur im Ansatz bereut“ habe. Den Menschen in ihrer Not beizustehen, ihnen zu helfen und Lösungen für Probleme jeglicher Art zu finden, sei stets sein oberster Ansatz gewesen, erzählt Hartmut Günther, „ich wollte nie den ganzen Tag im Büro arbeiten, sondern raus zu den Menschen“, verdeutlicht der nun ehemalige Revierleiter.

Schnelle Entscheidungen zu treffen, ohne sich oder andere dadurch in Gefahr zu bringen, sei seine Devise gewesen, das sei ihm stets gelungen, ohne in seinen insgesamt 45 Dienstjahren jemals von der Schusswaffe Gebrauch machen zu müssen. „Glücklicherweise nicht“, meint Günther, „ein Polizist sollte immer versuchen, eine Alternative zu finden“. Auch wenn er im Dienst mehrfach in brenzlige Situationen geraten sei, habe er nie das „Ultima Ratio“ einsetzen müssen – und darüber ist er froh und dankbar. „Kommunikation ist immer noch das beste Einsatzmittel“, betont der 62-Jährige, „mit Worten kann ein Polizist in der Regel vermeintlich bedrohliche Situationen bereits im Ansatz entschärfen.“

Viele Situationen würden ihm für immer im Gedächtnis bleiben, sagt Günther, zu einem seiner schönsten Erlebnisse zähle er den Fall rund um ein vermisstes Kind. „Die Eltern kamen damals ganz aufgelöst ins Revier“, erinnert sich Günther, „nachdem sie eine Vermisstenanzeige erstattet hatten, suchten mein Kollege und ich sie in ihrem Haus auf.“ Gemäß des üblichen polizeilichen Protokolls durchkämmten die beiden Polizisten das Gebäude und wurden in einem Mansardenzimmer schließlich tatsächlich fündig. „Es war beim Spielen hinter einem Schrank eingeschlafen“, weiß Günther noch heute, „und die Eltern waren nach der ganzen Sucherei so aufgeregt, dass sie in dem ganzen Trubel überhaupt nicht an dieses Versteck gedacht hatten.“

Man habe die „Steine der Erleichterung geradezu hören können“, beschreibt Günther die Situation, nachdem das Kind schließlich wieder aufgetaucht war, „das sind genau die Momente, in denen ich wusste, ich habe damals die richtige Berufswahl getroffen.“ Weniger erfreulich war für ihn dagegen das Gelöbnis von Bundeswehrrekruten am 6. Mai 1980 im Bremer Weserstadion. „Meine Kollegen und ich mussten stundenlang im Steinhagel der Demonstranten ausharren“, erinnert er sich, „das war so ziemlich mein schlimmstes Erlebnis.“

Nachdem er 1995 zum Hauptkommissar befördert worden war, zeichnete Hartmut Günther zwischen 2011 und 2018 als stellvertretender Revierleiter in Huchting verantwortlich, vor zwei Jahren wechselte er im Zuge der Polizeireform nach Obervieland. „Der Wechsel kam mir gelegen“, meint Günther, „zu meinem Haus in Habenhausen habe ich es nicht weit.“

Dort lebt er gemeinsam mit Ehefrau Renate, mit der er seit mittlerweile zehn Jahren verheiratet ist. „Sie freut sich sehr, darauf, mehr Zeit mit mir zu verbringen“, sagt Günther – der auch keine Bedenken hege, dass ihm nun die heimische Decke auf den Kopf fallen könnte. „Da fällt uns beiden mit Sicherheit eine Menge ein“, ist Günther überzeugt, neben Reisen würden die beiden Eheleute viel mit ihren E-Bikes unternehmen, zudem könne er nun wieder mehr Tennis spielen oder seiner großen Leidenschaft nachgehen. „Ich spiele sehr gerne Skat“, erzählt der frisch gebackene Pensionär, „in Zukunft werde ich an vielen Turnieren teilnehmen, zu denen mir während meiner Dienstzeit als Polizeibeamter schlicht die Zeit fehlte.“

Für seine Kollegen bleibe Hartmut Günther weiter ein verlässlicher Ansprechpartner, versichert er, und hat für Dienstanfänger und junge Polizisten noch einen Rat im Gepäck: „Haltet ständigen Kontakt zur Bevölkerung“, gibt er seinen jungen Kolleginnen und Kollegen mit auf deren Weg“, dadurch habt ihr normalerweise einen sehr unproblematischen Zugang zu den Menschen.“ Gerade in sogenannten sozialen Brennpunkten sei dieses Mittel sehr zweckdienlich gewesen, betont Günther, der diese Kennzeichnung einzelner Stadt- oder Ortsteile gleichzeitig allerdings auch ziemlich problematisch finde. „Sowohl in Huchting, als auch hier in Obervieland hatten es meine Kollegen und ich immer wieder mit Menschen aus schwierigen Verhältnissen zu tun“, erläutert Günther, „dennoch lagen beide sogenannten Brennpunkte angesichts ihrer jeweiligen Fallzahlen immer eher im Mittelfeld der Kriminalstatistik.“ Wichtig sei, „alle Menschen immer gleich zu behandeln“, betont der Hauptkommissar, „ganz ohne Vorurteile und völlig unabhängig von ihrer Herkunft, Nationalität oder Hautfarbe.“

Wer in den Polizeidienst eintreten wolle, gibt Günther nicht nur Neulingen noch einen wertvollen Ratschlag, müsse über emotionale Stabilität verfügen, verbindlich und stets aufrichtig zu den Menschen sein. „Ich gelte als gradlinig und bin damit 45 Jahre lang sehr gut gefahren“, versichert Günther, „und ich bin fest davon überzeugt, dass zukünftige Polizeibeamte mit diesem Verhalten von jedem respektiert werden und es im Dienst später nicht zu verbalen Anfeindungen oder gar tätlichen Angriffen auf sie kommt.“

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