Jubiläumstreffen

Wiedersehen nach 50 Jahren

Ausgelassene Stimmung beim Klassentreffen der 9a von der Schule an der Theodor-Billroth-Straße
17.07.2019, 15:15
Lesedauer: 3 Min
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Von Britta Kluth

Kattenesch. Zehn Jahre hatten sie sich jetzt nicht gesehen. Wiedererkannt haben sich die ehemaligen Klassenkameradinnen und -kameraden trotzdem schnell. „Wir haben extra auf eine Vorstellungsrunde oder Namensschildchen verzichtet“, sagt Petra Ricklefs, „und unser Gefühl gab uns recht. Nach zehn Minuten war es wie früher. Alle standen in Gespräche vertieft in Grüppchen zusammen, tauschten Neuigkeiten aus oder sprachen von den alten Zeiten.“ Vor 50 Jahren wurde die 9a von der Schule an der Theodor-Billroth-Straße in Kattenesch verabschiedet. Ein Grund mehr, wieder ein Klassentreffen anzuberaumen. Und damit bereits das vierte Wiedersehen seit ihrer Schulentlassung.

17 Frauen und Männer, alle Jahrgang 1953 bis 1954, kamen aus München, Kassel, Münster oder aus Bremen und Umgebung zusammen, um in einem Restaurant in Stuhr das besondere Jubiläum zu feiern. „Vier der ehemals 28 Schülerinnen und Schülern sind schon verstorben und fünf waren trotz intensiver Suche unauffindbar“, erzählt Wolfang Kaluschni, der mit Hilfe von Barbara Consten und Petra Ricklefs das Treffen organisiert hat. „Leider konnte auch unser Lehrer, Alfred Reinecke, dieses Mal nicht kommen. Er ist mittlerweile 89 und zu seinen Kindern nach Bochum gezogen.“ Herr Reinecke oder „Fuchsi“, wie er hinter vorgehaltener Hand genannt wurde, wolle aber unbedingt Fotos vom Klassentreffen sehen, berichtet Barbara Consten schmunzelnd. Sie habe erst kürzlich mit ihm telefoniert und solle allen schöne Grüße bestellen.

Als die Klassenkameraden am 1. April 1960 eingeschult wurden, befand sich Kattenesch noch in der Entwicklung. Neue Häuser und Wohnblöcke mit zum Teil kostengünstigeren Wohnungen entstanden und machten den Stadtteil besonders für Familien mit Kindern attraktiv. Eine neue Schule wurde benötigt, die schließlich an der Theodor-Billroth-Straße gebaut wurde. „Von der ersten bis zur dritten Klasse gingen wir noch auf die Schule an der Kattenturmer Heerstraße. Erst danach wechselten wir in den Neubau an der Theodor-Billroth-Straße“, erklärt Ricklefs. Besuchen konnten sie ihre alten Klassenräume nicht. Sie werden heute von der Volkshochschule-Süd und der Allgemeinen Berufsbildenden Schule genutzt.

„Meine Eltern sind mit uns Kindern 1956 nach Kattenesch gezogen. Da war der Stadtteil mitten im Bau“, erzählt Wolfgang Kaluschni, und Barbara Consten, die es 1984 mit ihrer Familie nach Münster zog, fügt hinzu: „Wir haben das Viertel wachsen sehen. Für uns Kinder gab es jede Menge Platz und Wiesen zum Spielen. Das Krankenhaus Links der Weser entstand ja erst später.“ „Am Ende unseres Gartens grasten sogar Kühe“, berichtet Petra Ricklefs, „und Milch und Eier haben wir frisch vom Bauern geholt.“ Ihr Vater habe damals an der Seefahrtschule in Bremen gearbeitet, während sie mit ihrer Mutter in Cuxhaven wohnte. Als sie fünf Jahre alt war, sei die Familie dann nach Kattenesch gezogen, der familienfreundlichen Umgebung wegen.

Wie Wolfgang Kaluschni ist auch Barbara Consten dem Stadtteil treu geblieben. „Als Kinder sind wir viel mit dem Rad herumgefahren. Ich bin sogar mal mit meinem Vater auf der A1 bis zum Bremer Kreuz geradelt, als sich diese noch im Ausbau befand“, erinnert sich der ehemalige Klassensprecher. „Am Nachmittag waren wir meist mit Freunden unterwegs. Schwimmen gelernt haben wir in der Ochtum und später dann die Sommer an den Baggerseen verbracht, die im Zuge der Autobahn entstanden sind.“ So einige Gebäude würden heute nicht mehr stehen, wie das Gasthaus Flammann’s Sommergarten zum Beispiel, das von den Eltern einer Mitschülerin geführt wurde, und einem Autohaus weichen musste.

Beim Klassentreffen werden viele dieser Erinnerungen wach. Und als alte Fotos und Poesiealben auf den Tisch kommen, sind das Gelächter und der Spaßfaktor groß. Ein Aufsatz von 1968 zu dem Thema „Zehn Jahre weiter“ wird vorgelesen. Die Autorin ist schnell erraten: Petra Ricklefs schreibt von einem Mann, der ihr einen duftenden Kaffee und Frühstück ans Bett bringt. Sie hat ihren Traumjob gefunden und arbeitet als Kinderpflegerin. Und gespart wird auch, auf einen Kühlschrank und ein kleines Auto. „Fast alles hat sich erfüllt“, sagt die Verfasserin lachend. „Nur für das Frühstück ans Bett habe ich mir wohl den falschen Mann ausgesucht.“

Als die Runde um 22 Uhr aufgelöst wird, weil das Restaurant schließt, will eigentlich noch niemand so recht gehen. „Wir haben uns immer alle gut verstanden“, freut sich Barbara Consten. „Die gemeinsame Schulzeit und das Erlebte schweißen uns zusammen.“ Das nächste Klassentreffen soll schon in fünf Jahren stattfinden. Zehn Jahre wollen sie nicht wieder warten, sind sich alle einig.

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