Bremer Heimstiftung

13 Geflüchtete bestehen Ausbildung

Frauen und Männer aus acht Nationen sind jetzt Altenpflegehelfer – und wollen sich weiter qualifizieren.
15.01.2020, 18:39
Lesedauer: 3 Min
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Von Magali Trautmann

„In Nathan der Weise sagt man nicht Angst, sondern Furcht“, erklärt Faisal Abu Alborghol. Der 32-Jährige hat kürzlich den Sultan aus Lessings Stück gespielt. Es war die erste Theateraufführung seines Lebens und dann gleich in altdeutscher Sprache – für den syrischen Flüchtling eine Glanzleistung und der krönende Abschluss einer Ausbildung, die es in sich hatte. In fünfzehn Monaten haben er und zwölf weitere Geflüchtete aus acht verschiedenen Nationen die Ausbildung zum Altenpflegehelfer durchgezogen – und erfolgreich bestanden.

Kursleiterin Hemavathany Steinfatt von der Bremer Heimstiftung strahlt. „Ja“, stimmt sie zu, „ich habe sie getriezt, aber so lernt man, verstehen sie?“ Die zierliche Frau im bunten Gewand weiß, wovon sie spricht. Sie selbst ist vor 35 Jahren aus Sri Lanka nach Deutschland gekommen. „Integration ist nicht damit getan, jemandem das Grundgesetz in die Hand zu drücken“, erklärt sie, „man muss von den strengen Normen abweichen können. Jeder muss einen Schritt nach vorne gehen, damit Integration gelingt.“ Daher habe sie ihren Schülern auch „sehr einfühlsam Regeln in Deutschland beigebracht“.

Steinfatt hat außerdem Pflege, Tagesgestaltung und Politik gelehrt. Insgesamt dreizehn Lernfelder, unterrichtet von zehn weiteren Lehrern und Lehrerinnen, standen auf dem Stundenplan: von Anatomie über Deutsch und Gerontologie bis zu Erster Hilfe, Sterben und Tod. Keine leichte Kost für junge Menschen, die zum Teil jahrelang auf der Flucht waren, keine Schule besuchen konnten und traumatische Erlebnisse hinter sich hatten.

Der Kooperationspartner und Auftraggeber, das Aus- und Fortbildungszentrum (AFZ), hat den Schülerinnen und Schülern daher nicht nur einen zusätzlichen Deutschkurs angeboten, sondern auch einen Sozialpädagogen an die Seite gestellt. Steinfatt hat sich zu Beginn dennoch gefragt, wie sie die vielen verschiedenen Kulturen in einer Klasse zusammenbringen kann. Neben der Sprache sei die größte Hürde die Akzeptanz von religiöser Vielfalt in Deutschland gewesen. „In Sri Lanka sind alle Weltreligionen vertreten“, erklärt sie. „Ich war damit vertraut, aber den Schülern fiel es schwer. Faisal hat am Anfang gesagt: Ich komme aus einem Land, wo es nur eine Religion gibt. Ich habe keine andere kennengelernt.“ Da hatte Steinfatt die Idee, ihre Schüler gemeinsam Kochen zu lassen, denn „Essen bringt Menschen zusammen.“ Die Kulturaula der Bremer Heimstiftung habe dafür den idealen Ort geboten. Auf die Deutschprüfung vorbereitet habe ihn eine neunzigjährige Heimbewohnerin und ehemalige Lehrerin, erzählt Abu Alborghol. „Gerade die Alten sind mit Geflüchteten gut vertraut“, weiß Steinfatt, „die ehemaligen Kriegskinder sind heute hilfsbedürftig. Sie befinden sich in einer Situation, wo menschliche Aspekte im Vordergrund stehen und beurteilen andere nicht nach dem Aussehen, sondern danach, ob jemand gerne hilft.“

Altenpfleger sei nicht sein Wunschberuf gewesen, gesteht Abu Alborghol, er träume davon, Arzt zu werden. Der gelernte IT-Fachmann hat in seiner Heimatstadt Damaskus ein Internetcafé betrieben, hier aber sei „Hilfe mit dem Computer nicht nötig“. Mit der Altenpflegehelferausbildung betrat er Neuland, zumal er Altersheime von Damaskus her nicht kannte: „In meiner Heimat sterben Menschen mit sechzig oder früher.“ Auch damit zusammenhängende Krankheitsbilder wie Demenz kannte er nicht. Alle Schülerinnen und Schüler hatten laut Steinfatt großen Nachholbedarf, aber ihre Motivation sei ebenso groß gewesen. In den Vorjahren sei die dreijährige Ausbildung zum Altenpfleger vielfach an den strengen Zugangsvoraussetzungen gescheitert, erklärt Sandra von Atens vom AFZ, erforderlich seien ein Realschulabschluss und Deutschkenntnisse auf B2-Niveau. „Dann haben wir gesagt: Wir bieten für Geflüchtete eine einjährige Qualifizierung zum Altenpflegehelfer an. Bremen braucht Pflegekräfte und es gibt Menschen, die darauf Lust haben." Man muss diesen nur den Zugang ermöglichen, sagt Atens. Und Steinfatt ergänzt: „Menschen sind lernfähig, das sieht man an Faisal.“ In der Rede bei der Zeugnisübergabe habe ein Schüler gesagt: „Wir sind Teil der deutschen Gesellschaft geworden“. Dieser Satz habe Steinfatt darin bestätigt, während der intensiven Ausbildungszeit alles richtig gemacht zu haben. Ihr Eindruck wird durch die Verleihung des Bremer Diversity-Preises an die Bremer Heimstiftung im vergangenen Jahr gestützt. So haben alle ihr Ziel erreicht.

Seniorvorstand Alexander Künzel und alle anderen Beteiligten sind mit dem Pilotprojekt zufrieden und wollen es weiterführen. Die Hälfte der Schüler hat mittlerweile die B2-Prüfung bestanden, darunter Abu Alborghol, dem damit die Tür offensteht für die dreijährige Ausbildung zum Altenpfleger, die sie in diesem Jahr beginnen.

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