Genossenschaft baut in Bremen Bezahlbarer Wohnraum statt Rendite

Die Stadtteilgenossenschaft Hulsberg baut auf dem Ellener Hof einen Wohnkomplex. Ein Teil der Wohnungen sollen dauerhafte Sozialwohnungen werden.
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Bezahlbarer Wohnraum statt Rendite
Von Christian Hasemann

Wer auf der Ludwig-Roselius-Allee am Ellener Hof vorbeifährt, dem kann nicht entgehen, dass dort mit Hochdruck gearbeitet wird. Während die ersten Gebäude institutioneller Träger schon in die Höhe wachsen, laufen bei privaten Baugemeinschaften die letzten Planungen. Eines der genossenschaftlichen Wohnprojekte ist das Casa Colorida der Stadtteilgenossenschaft Hulsberg.

Die Stadtteilgenossenschaft hatte sich ursprünglich gegründet, um das ehemalige Bettenhaus auf dem Klinikgelände Mitte zu erhalten und umzubauen. Das Hulsberg-Quartier will allerdings nicht recht in die Gänge kommen und wird die stadtplanerischen Ziele einer gemischten Bebauung voraussichtlich verfehlen. Grund ist unter anderem das Höchstbietverfahren für die einzelnen Grundstücke, denn das treibt die Preise hoch und erschwert es, dass Baugruppen zum Zuge zu kommen. Die Erlöse werden allerdings gebraucht, um das finanzielle Loch des kriselnden Krankenhausverbundes Geno zu stopfen.

Rasche Umsetzung

Auf dem Ellener Hof dagegen geht es mit großen Schritten voran. Den Sprung von der Stadtmitte in die Peripherie erleichterte die Bremer Heimstiftung der Genossenschaft. Diese ist Partnerin der Stadtteilgenossenschaft und warb für ein Engagement auf dem Ellener Hof. In der Folge gründete eine Gruppe, die sich auf dem Ellener Hof engagieren wollte. Astrid Thomsen, Mitglied des Aufsichtsrats des Wohnprojekts Casa Colorida: „Es hat uns auf dem Hulsberg einfach zu lange gedauert, die Gründer sind ja auch schon älter und wollten was machen, was man noch gut erleben kann.“

Im August 2018 gründete sich diese Gruppe aus 24 Erwachsenen und vier Kindern. Und es ging mit raschem Tempo voran: Ein Vorvertrag für eine Parzelle auf dem Ellener Hof wurde unterschrieben, ein Architekt gesucht und eine Gesellschaft beschränkten Rechts für die Planungen gegründet. „Wir sind kurz davor, die Bauanträge einzureichen, und ­gehen davon aus, dass wir in einem Vierteljahr die Genehmigung haben, sodass wir im Frühsommer 2020 anfangen können zu bauen“, sagt Wilfried Preuß-Hardow. Dank der Holzrahmenbauweise, bei der viele Teile vorgefertigt geliefert werden, rechnet die Genossenschaft mit einer Bauzeit von etwa nur einem halben Jahr. „Wir sagen immer, dass wir Weihnachten dort feiern“, ist Wilfried Preuß-Hardow optimistisch.

Die Gruppe verbindet dabei der Wunsch nach einerseits möglichst ökologischem, andererseits sozialem Bauen. „Wir wollen bezahlbaren Wohnraum für mittlere Einkommen schaffen“, betont Astrid Thomsen. „Erbpacht ist dabei wesentlich, sodass der Grund, der ja uns allen gehört, nicht meistbietend verschachert wird.“

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Von dem gängigen Höchstbietverfahren profitieren insbesondere rendite-orientierte Großinvestoren, die, um ihr Geld wieder reinzukommen, vor allem im hochpreisigen Segment bauen. Baugemeinschaften, Genossenschaften und Familien haben das Nachsehen. An diesem Verfahren, das auf der anderen Seite Geld in die klamme Bremer Stadtkasse spült, wurde gerade in den vergangenen Jahren Kritik laut. Denn einmal verkauft, hat die Stadt nur noch wenig Einflussmöglichkeiten.

Bei der Erbpacht wird das Grundstück hingegen für einen langen Zeitraum „vermietet“ – das Grundstück wechselt also nicht den Besitzer. Der Vorteil: Es muss kein hoher Grundstückspreis gezahlt werden. Dadurch können auch weniger finanzkräftige Bauinteressierte zum Zuge kommen.

Solidarisches Wohnen

„Außerdem wird der Boden dem spekulativen Baumarkt entzogen, so wird das Wohnen über die Zeit eher günstiger“, sagt Astrid Thomsen. Das Casa Colorida sei dann auch kein Renditeobjekt. „Es ist eine reine Kostenmiete“, sagt Thomsen zu den Vorteilen des genossenschaftlichen Wohnens.

24 bis 26 Wohnungen mit knapp 1800 Quadratmetern Grundfläche sollen entstehen. Ein Viertel davon als Sozialwohnungen – und zwar auf Dauer. Die Kosten dafür werden von der Genossenschaft querfinanziert, die sich auch als solidarische Alternative zur Vereinsamung sieht. „In anderen Städten ist man da schon weiter“, sagt Wilfried Preuß-Hardow. In München übernehme die Stadt die Kosten für die Genossenschaftsanteile für Menschen mit Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein. „So etwas gibt es in Bremen überhaupt nicht.“ Sieben Euro betrage die Miete pro Quadratmeter für die Sozialwohnungen. Sieben Euro, und nicht die üblichen 6,50 Euro, weil es sich um ein Niedrigenergiehaus nach dem sogenannten KFW-40-Standard handelt.

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Für die anderen Wohnungen zwischen 60 und 65 Quadratmetern werden voraussichtlich Kosten von etwa zehn Euro pro Quadratmeter aufgerufen – nicht eben günstig. Die Kosten relativierten sich allerdings durch die niedrigen Energiekosten. „Wir schätzen die Heizkosten auf einen Euro pro Quadratmeter pro Jahr“, sagt Wilfried Preuß-Hardow. Er gehe davon aus, dass die geringen Nebenkosten die zunächst höheren Kosten auffangen. Der gesamte Gebäudekomplex wird etwa sechs Millionen Euro kosten.

Das künftige Zusammenleben – und eben nicht Nebeneinanderherleben – soll auch durch die besondere Struktur des Hauses gefördert werden. „Wir leisten uns einen Gemeinschaftsraum und einen Dachgarten“, erklärt Astrid Thomsen. Dazu kommt eine große Gemeinschaftsküche. So solle versucht werden, den individuellen Bedarf zurückzuschrauben. „Wenn man viele Gäste hat, kann man die Gemeinschaftsräume nutzen oder auch beim gemeinsamen Fußballgucken.“ Der Hintergedanke: Die einzelnen Mieter brauchen weniger Ressourcen, wenn sie beispielsweise nur eine kleinere Küche in der Wohnung haben, aber für das Kochduell mit Freunden oder Nachbarn die große Gemeinschaftsküche nutzen können.

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Weitere Informationen

Weitere Informationen zur Stadtteilgenossenschaft Hulsberg, dem Bettenhaus und dem Casa Colorida auf: www.stadtteilgenossenschaft-hulsberg.de.

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