Ein Dorfladen in der Großstadt

Tante Emma für das Dorf in der Stadt

Die Stiftung Maribondo betreibt ein Lebensmittelgeschäft und ein Gästehaus auf dem Ellener Hof in Osterholz. Dort finden Menschen mit Behinderung Möglichkeiten, einer Arbeit nachzugehen.
10.12.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Tante Emma für das Dorf in der Stadt
Von Christian Hasemann

In dem neu eröffneten Lebensmittelladen im Erdgeschoss des Gästehauses der Stiftung Maribondo auf dem Ellener Hof sollen sich die Kunden wie in einem alten Dorfladen fühlen, sagt Andrea Hilken von Maribondo. Laufkundschaft haben Hilken und ihre Mitarbeiter schon, allerdings: Noch fehlen die eigentlichen Bewohner des sozial-ökologischen Modelldorfes. Und Corona macht auch vor dem Gästehaus, das auch Arbeitsplatz für Menschen mit Behinderung ist, nicht halt.

Obst, Gemüse, belegte Brötchen, Süßigkeiten und Snacks sowie Zeitschriften und, ganz wichtig in diesen Zeiten, Klopapier: Das Angebot ist zwar überschaubar, aber dennoch können die Kunden fast alles für den täglichen Lebensmittelbedarf im Dorfladen bekommen. Aber von Frau Hilken spricht hier eigentlich keiner, denn in diesem Geschäft reicht der Vorname, wie er auf ihrem Namensschild steht. Es soll nämlich persönlich zugehen, hier im Tante-Emma-Laden im Zentrum des Modelldorfes inmitten der Großstadt. „Wir versuchen, es familiär zu halten“, sagt Hilken. „Und wir wollen mit dem Dorfladen einen Stil von früher wieder aufleben lassen.“ Mit der quirligen und lebhaften Andrea Hilken hat Maribondo offensichtlich die richtige Person für den persönlichen und offenen Umgang mit Gästen und Kunden gefunden.

Dorfladen am Dorfplatz

Das Gästehaus öffnet sich Richtung Süden zu dem zukünftigen Zentrum des Modelldorfes, dem sogenannten Dorfplatz, an dem auch die Kulturaula, der zentrale Veranstaltungsort, liegt. Ein wenig Dorfcharakter lässt sich schon erahnen: Ein mächtiger Baum reckt seine Zweige vor dem Gästehaus in den Himmel. Zwar keine Dorflinde, aber immerhin ein Ahorn, ein Dorfahorn, wenn man so möchte. Die Beete in seinem Schatten sind mit Findlingen eingefasst, Gärtner pflanzen Blumen.

Schon seit November hat der kleine Lebensmittelladen im Erdgeschoss geöffnet. „Es ging schon richtig los, aber dann kam der Lockdown“, sagt Hilken ein wenig betrübt. Derzeit seien es vor allem Handwerker und die Bewohner des betreuten Wohnens, die das Angebot wahrnähmen. „Die Senioren nutzen das sehr gerne“, hat Hilken beobachtet. „Erst mal haben wir ein eher kleines Sortiment, aber nach und nach werden wir das erweitern.“ Brötchen und Brot kommen aus der eigenen Bäckerei von Maribondo. Aber besonderes Augenmerk legt sie auf etwas anderes: „Ich backe selbst total gerne und wir werden traditionelle Kuchen anbieten.“ Apfelkuchen, Zupfkuchen, „Omas Spezialitäten“, solle es später einmal geben. Sie freue sich darauf, wenn sie in der Küche richtig Auslastung bekomme.

Eine gewisse Ungeduld ist Hilken anzumerken. „Unser ganz großer Wunsch ist, dass es endlich mit dem normalen Betrieb im Gästehaus und mit den Bewohnern des Ellener Hofes losgehen kann.“ Im Frühjahr sollen die letzten Arbeiten an den Gästezimmern abgeschlossen sein. Bis allerdings die erste reinen Wohnhäuser auf dem Ellener Hof stehen, kann es noch etwas dauern.

Lockdown führt zu neuen Ideen

Der Lockdown trifft das Gästehaus zwar nicht mit voller Härte, derzeit laufen nämlich noch die letzten Abschlussarbeiten, aber kurzfristig kann die Stiftung wegen der Corona-Epidemie nicht auf Gäste in den dreizehn Zimmern und Appartements des Niedrigenergiehauses hoffen. „Wir überlegen, ob wir eine Zwischennutzung einrichten können“, sagt Erwin Bienewald, Vorstandsvorsitzender der Stiftung. Unter Umständen sei es möglich, Auszubildenden Zimmer in der Herberge anzubieten, sagt er mit Blick auf das inzwischen belegte Studentenwohnheim auf dem Gelände. „Denn für Auszubildende gibt es kaum etwas in Bremen.“ Er gehe davon aus, dass es noch etwas dauern wird mit dem Leben am Dorfplatz. „Die Kneipe steht vor dem Dorf“, wie er sagt.

Vom Lockdown betroffen ist auch das Bistro des Gästehauses. Dort sollen einmal die Gäste des Hauses frühstücken können. „Aber wenn Platz ist, können wir auch ein Frühstücksbuffet für Bewohner des Ellener Hofes anbieten“, sagt Hilken, die zuvor in Friedehorst gearbeitet hat.

Derzeit arbeitet sie mit zwei Mitarbeitern mit Handicap im Gästehaus und im Dorfladen. „Wir integrieren Menschen mit Handicap in das normale Arbeitsleben“, sagt sie. „Jeder hat seine Eigenheiten und Talente und wir setzen unsere Mitarbeiter nach ihren Fähigkeiten und Können ein.“ Gemeinsam werde nach der passenden Arbeit gesucht. „Und was sie gerne machen“, betont Hilken. Wichtig sei ein geregelter Arbeitsablauf. „Dann klappt das sehr gut.“ Wenn der Betrieb richtig startet, sollen weitere Beschäftigte folgen. Und dann sollen auch die Öffnungszeiten des Dorfladen ausgedehnt werden. Derzeit hat der Dorfladen ab 7.30 Uhr bis 15 Uhr geöffnet. Am Freitag schließt er um 14 Uhr.

Info

Zur Sache

Die Stiftung Maribondo da Floresta

hat ihren Hauptsitz im niedersächsischen Osterholz-Scharmbeck. Die gemeinnützige Stiftung bietet Wohnen und Arbeit für schwerbehinderte Frauen und Männer an, die in ihrer Leistungsfähigkeit besonders stark eingeschränkt sind. Die Bundesländer Bremen und Niedersachsen fördern das gemeinnützige Integrationsprojekt. Es betreibt mehrere Lebensmittelmärkte und Dorfläden, Cafés und Bistros und ein Freizeitzentrum in der Kreisstadt Osterholz-Scharmbeck sowie eine Werkstatt für Menschen mit Behinderungen. Insgesamt sind in den Betrieben nach Angaben der Stiftung mehr als 300 Frauen und Männer beschäftigt.

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