Verdacht auf Baumfrevel

Bäume fallen am Bultensee

Eine Bürgerinitiative vermutet hinter dem Fällen von Bäumen am Bultensee Kalkül, um Fledermäuse zu vertreiben und ein geplantes Windrad profitabler zu machen. Der Umweltbetrieb spricht von normalem Prozedere.
15.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Bäume fallen am Bultensee
Von Christian Hasemann
Bäume fallen am Bultensee

Auf Einladung der Bürgerinitiative machten sich auch die Osterholzer Bürgerschaftsabgeordneten Mustafa Güngör (SPD, von links) und Claas Rohmeyer (CDU) ein Bild vor Ort. Am Stamm außerdem zu sehen Stephan Hagemann und Werner Martin von der Bürgerinitiative.

PETRA STUBBE

In den vergangenen Jahren ist es rund um den Bultensee zu teilweise umfangreichen Baumfällungen gekommen. Auch in diesem Jahr sind wieder zahlreiche Bäume der Kettensäge zum Opfer gefallen. Für die Bürgerinitiative „Kein Windrad am Bultensee“ ist dies kein Zufall: Denn mit den Altbäumen fallen auch Fledermausquartiere weg. Die nachtaktiven Tiere wiederum sind aber der Grund für vorgeschriebene Abschaltzeiten des geplanten Windrads am Bultensee.

„Komischerweise fingen die Baumfällungen an, als die Pläne für das Windrad konkretisiert wurden“, sagt Stephan Hagemann von der Bürgerinitiative, der sich vor Ort mit den Bürgerschaftsabgeordneten Claas Rohmeyer (CDU) und Mustafa Güngör (SPD) ein Bild machte. Inzwischen sei ein großer Teil des Altbaumbestandes rund um den Bultensee gefällt worden, sagt Hagemann. „Das hat einen ganz bitteren Nachgeschmack, dass jetzt nach all den Jahren hier so viele Bäume fallen“, so Hagemann. Über Jahrzehnte sei nichts passiert. „Aber seit die Genehmigung da ist, wird gefällt.“ Den Verdacht möchte Claas Rohmeyer (CDU) nicht teilen. Er sagt: „Als Vorsitzender des Petitionsausschusses habe ich aber Fragen an das Ressort geschickt.“ Eine Antwort habe er noch nicht erhalten.

Weniger Fledermäuse

Hagemann wohnt in Tenever, geht häufiger in der Gegend am Bultensee spazieren. „Es sind keine Fledermäuse mehr zu sehen vor Ort.“ Mehrere geschützte Arten seien am Bultensee beobachtet worden, die nun keine oder weniger Quartiere hätten. „Deswegen behalten wir uns auch vor, diese Behauptung zu aufzustellen“, sagt Hagemann, der wie auch die Bürgerinitiative, hinter den Baumfällungen ein gezieltes Handeln vermutet.

Das wiederum weist der Umweltbetrieb Bremen (UBB) weit von sich. Auftraggeber der jüngsten Baumfällungen war der städtische Betrieb. „Wir mussten leider dieses Jahr etwa 50 marode Bäume aus Sicherheitsgründen fällen“, teilt Christina Ruschin auf Nachfrage mit. Größtenteils seien das Pappeln, Weiden und Erlen gewesen. „Bei den Bäumen waren zum Teil die Kronen auseinandergebrochen.“ Bei anderen hätten Faulstellen am Stamm und im Wurzelbereich ihnen die Standsicherheit genommen. Es habe Umsturzgefahr bestanden. Nachpflanzungen sind derzeit nicht geplant, aber auch nicht ausgeschlossen. „Wir schauen nun, wie sich die Jungpflanzen neben dem zum Teil recht dichten Baumbestand entwickeln.“

Bereits 2018 gab es eine Fällaktion am Bultensee. Auch damals waren es vornehmlich Pappeln, die gefällt wurden. Der Grund war die Verkehrssicherungspflicht und der Auftraggeber war das Amt für Straßen und Verkehr (ASV). Damals hatte die Linke mit einer Anfrage an den Senat reagiert und auch damals stand die Frage nach den Fledermausquartieren im Raum.

Gerichtsfall Pappel

Pappeln gelten als Pioniergehölze, wachsen vergleichsweise schnell und werfen mit zunehmenden Alter auch grüne Äste und Totholz ab. Sie werden in der Regel nach 60 bis 80 Jahren gefällt. Bekannt sind bei Pappeln auch sogenannte „Zwiesel“, das sind V- oder U-förmige Kronengabelungen, die zum Brechen neigen.

Tatsächlich ist das Thema Pappel mit juristischen Fallstricken versehen, mit dem sich auch das oberste deutsche Gericht befasst hat. Der Bundesgerichtshof urteilte am 6. März 2014 über die Verkehrssicherungspflicht von Baumeigentümern. Dieser stellt fest, „dass ein natürlicher Astbruch, für den vorher keine besonderen Anzeichen bestanden haben, auch bei hierfür anfälligen Baumarten grundsätzlich zu den naturgegebenen und daher hinzunehmenden Lebensrisiken gehöre.“ Zu diesen anfälligen Baumarten zählt auch die Pappel. Salopp formuliert: Wenn einem Spaziergänger ein Ast einer gesunden Pappel auf den Kopf fällt, ist das ein natürliches Lebensrisiko und kein Grund zur Klage.

Bundesgerichtshof fällt „Pappelurteil“

Und weiter: „Der Verkehr muss gewisse Gefahren, die auf Gegebenheiten der Natur selbst beruhen, als unvermeidbar hinnehmen. Eine absolute Sicherheit gibt es nicht. Die Verkehrssicherungspflicht verlangt es insoweit nicht, gesunde, nur naturbedingt vergleichsweise bruchgefährdetere Baumarten an Straßen und Parkplätzen zu beseitigen oder zumindest sämtliche in den öffentlichen Verkehrsraum hineinragenden Baumteile abzuschneiden.“ Ein vorsorgliches Entfernen ist demnach überflüssig, jedenfalls unter der Prämisse, dass der Baum gesund ist oder nicht durch andere Gründe umsturzgefährdet ist.

Dieses Urteil hatte Kerstin Doty, Sprecherin des Umweltbetriebs, zufolge keinen Einfluss auf die Arbeit des Unternehmens. „Wir fällen ohnehin nur bei gravierenden Schäden und wenn die Situation verkehrsgefährdend ist.“ Zum normalen Prozedere vor einer Baumfällung gehöre, dass ein Steiger in den Baum klettere und dort den Zustand begutachte und auch nach Tierquartieren schaue. „Wir gehen sogar mit Kameras in hohle Stämme, um nachzuschauen.“ Erst, wenn sicher sei, dass keine Tiere einen schadhaften Baum bewohnten, werde dieser gefällt. „Notfalls sperren wir ansonsten den Bereich ab oder versuchen einzelne Äste zu entfernen, ohne das Tier zu stören.“ Sollte auch das nicht möglich sein, werde in Zusammenarbeit mit Naturschutzverbänden geschaut, wie Tiere umgesiedelt werden könnten.

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Die Bürgerinitiative kämpft seit Jahren gegen das Windrad-Projekt des Bremer Unternehmens Energiekontor. Aus ihrer Sicht stellt das Windrad ein zu großen Eingriff in den Natur-, Lebens- und Wasserraum dar. Derzeit ruht die Baustelle.

Info

Zur Sache

Der Umweltbetrieb Bremen veröffentlicht auf seiner Internetseite, welche Bäume aus welchen Gründen im Stadtgebiet gefällt wurden. Die Liste mit dem Stand vom 4. April 2021 ist 207 Seiten lang. Neben der Adresse, der Art und dem Stammdurchmesser ist auch das Schadbild beschrieben. Vermerkt ist außerdem, ob es für den Baum eine Neuanpflanzung gibt. Die Liste kann über die Internetseite www.umweltbetrieb-bremen.de/bremer_gruen/stadtbaeume/liste_der_baumfaellungen-2919 aufgerufen werden. Die Liste gilt für die Fällsaison von Oktober bis Ende Februar. Sie wird laufend aktualisiert. 2691 Groß- und Kleinbäume sowie Sträucher wurden demnach in dem Zeitraum gefällt.

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