Quartierszentrum für alle

Im Mehrgenerationenhaus treffen sich Alt und Jung

Im Mehrgenerationenhaus in der Graubündener Straße in Bremen-Osterholz leben Alt und Jung zusammen. Als Quartierszentrum soll das Haus den sozialen Zusammenhalt im Quartier stärken.
11.03.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Im Mehrgenerationenhaus treffen sich Alt und Jung
Von Christian Hasemann

Seit knapp einem Vierteljahr zieht – trotz Corona – nach und nach Leben in das Mehrgenerationenhaus in der Graubündener Straße ein. Die Wohnungen sind weitgehend vermietet und nun hat auch die Tagespflege im Haus ihren Betrieb aufgenommen. Zukünftig soll sich das Haus zu einem Quartierszentrum für Jung und Alt weiterentwickeln. Unterdessen kommt eine Studie zu dem Schluss, dass sich immer mehr Menschen ein Leben in einem Mehrgenerationenhaus vorstellen können.

Marina Aydt, Hausleiterin des Mehrgenerationenhauses der Bremer Heimstiftung in der Graubündener Straße, ist der Tatendrang anzumerken, als sie durch das derzeit geschlossene Café und die Tagespflege führt. „Seit ich dieses Haus leite, bin ich nicht mehr nur für ältere Menschen zuständig, sondern meine Aufgabe ist es, Babys, Kinder und Senioren zu bedienen“, beschreibt sie ihre Arbeit. Dementsprechend ist auch das Interieur des Cafés im Erdgeschoss mit der breiten Fensterfront zum Sielgraben eingerichtet. „Im Café soll sofort sichtbar sein, dass Kinder, Jugendliche und Senioren willkommen sind“, sagt sie. Das Café soll zukünftig allen Einwohnern des Schweizer Viertels und den Bewohnern des Mehrgenerationenhauses offen stehen. „Es ist ein offener Treff, die Leute können hier etwas zu essen und trinken kaufen, sie können aber auch eigene Sachen mitbringen.“ Im April soll, wenn möglich, zumindest der Außenverkauf starten.

Offen für alle Anwohner

Im Erdgeschoss schließen sich Seminarräume an, hier sollen dann Ehrenamtliche und Kursleiter die Gelegenheit bekommen, etwas für die Menschen vor Ort anzubieten. „Unser offener Nähmaschinenkurs geht gerade wieder los – leider mit deutlich reduzierter Teilnehmerzahl“, beschreibt Aydt ein Angebot. Daneben gebe es eine Schreibwerkstatt, ein Digitalcafé, Tanzen im Sitzen und Erlebnistanzen für Menschen ab 40. „Wir haben außerdem einen offenen Spieletreff, der vom ASB (Arbeiter-Samariter-Bund) organisiert wird.“ Geplant seien außerdem Kinoabende, Lesungen und Vorträge. „Man muss eben erfinderisch sein“, sagt Aydt über das künftige Programm. Noch allerdings muss die Öffentlichkeit weitgehend draußen bleiben – die Pandemie schränkt die Arbeit ein.

Die Räume der Tagespflege, in die Aydt führt, sind weit und hell. Farbreiche Bilder kontrastieren die geradlinige, aber dennoch einladende Raumarchitektur im Inneren der Tagespflege mit ihrem großzügigen Koch- und Aufenthaltsbereich. Derzeit kann die Heimstiftung hier neun Plätze anbieten, später sollen es 18 sein. Die Nachfrage sei groß, so Aydt.

Ähnlich gefragt seien die Plätze in der Pflege-Wohngemeinschaft, die ab April von Mietern bezogen werden soll. „Das ist eine ganz tolle Alternative zu Pflegeheimen“, ist Aydt überzeugt. „Es ist sehr familienähnlich, mit der Möglichkeit, sich in das eigene Zimmer zurückzuziehen, aber auch in der Gemeinschaft leben zu können.“

Fast vollständig vermietet sind die acht frei finanzierten Wohnungen. Zwischen 20 und 84 Jahren alt seien die Mieter, von denen ein Teil der Älteren das Wohnen mit Service in Anspruch nimmt, während ein Teil der jüngeren Mieter sich ehrenamtlich im Mehrgenerationenhaus engagiert.

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Quartiersmanager Aykut Tasan sieht in dem Mehrgenerationenhaus eine echte Verbesserung für das Quartier und eine Chance, das bisher Erreichte zu sichern. „Man muss die Leute abholen, wo sie wohnen, Beziehungsarbeit machen.“ Das geschehe am besten mit offenen Häusern wie dem Mehrgenerationenhaus oder dem Zibb in der St.-Gotthard-Straße. „Wenn die Menschen etwas kennen, dann lernen sie es auch zu schätzen“,

Das Wohnen mehrerer Generationen unter einem Dach liegt offenbar im Trend. In Bremen und Niedersachsen könne sich nach Angaben einer aktuellen Studie mehr als jeder Zweite (52 Prozent) vorstellen, in einem Mehrgenerationenhaus zu wohnen. Urheber der Studie ist die PSD Bank Nord. Ihr Vorstandsvorsitzender André Thaller sagt: „Gerade in der Hansestadt haben viele den Trend bereits vorher erkannt und leben bereits in dieser Wohnform. Bremen hat im Vergleich zum Rest Deutschland besonders viele Projekte zum generationenübergreifenden Wohnen."

Er ergänzt, dass es für Familien hilfreich sein könne, mit den Eltern oder Großeltern unter einem Dach zu leben. „Nicht nur wegen der Kinderbetreuung, sondern auch, weil so die Kosten für die Immobilienfinanzierung aufgeteilt werden können.“ Die Bank bemerke den Trend zum generationenübergreifenden Wohnen häufig aber auch im Kleinen. „Beispielsweise verkauft ein Rentnerehepaar sein Gartengrundstück, damit eine Familie aus dem Bekanntenkreis darauf bauen kann.“ Ältere Menschen kauften sich außerdem häufig nach dem Verkauf einer größeren Immobilie eine stadtnahe Wohnung in Gegenden, die von jungen Familien geprägt sei.

Ob dieser Trend allein auf dem Wunsch nach dem gemeinsamen Wohnen mit mehreren Generationen beruht oder sich nicht mindestens teilweise aus den massiv gestiegenen Grundstücks- und Immobilienpreisen speist, die jungen Familien gar keinen anderen Spielraum eröffnen, lässt die Studie unbeantwortet.

Info

Zur Sache

Mehrgenerationenhäuser in Bremen

Derzeit gibt es vier offizielle, vom Bund geförderte Mehrgenerationenhäuser in der Hansestadt. Dazu zählen im Bremer Südosten neben dem Haus der Bremer Heimstiftung im Schweizer Viertel, das Familien- und Quartierszentrum Mobile in Hemelingen und das Familien- und Quartierszentrum Neue Vahr in der August-Bebel-Allee. In Bremen-Lüssum entstand Ende der 90er-Jahre mit dem Haus der Zukunft das erste MGH in Bremen, das 2006 in das „Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser“ des Bundes aufgenommen wurde. Derzeit entsteht außerdem in Walle ein Mehrgenerationenhaus in Holzbauweise. Deutschlandweit existieren inzwischen mehr als 530 geförderte Mehrgenerationenhäuser. Neben diesen Häusern gibt es auch ganze Quartiere, beispielsweise den Ellener Hof, die das gemeinsame Leben der Generationen ermöglichen sollen.

Weitere Informationen

Mehr Informationen zum Mehrgenerationenhaus Schweizer Viertel auf der Internetseite: www.bremer-heimstiftung.de/wohnen/haeuser/mgh-schweizer-viertel.

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