Ausstellung im Krankenhaus-Museum

Das Leben nach Blankenburg

Ab dem 23. Februar kann man im Krankenhaus-Museum in die Geschichte der Psychiatrie-Reform eintauchen. Im Zentrum der Ausstellung „Gesichter und Geschichten“ stehen Porträts ehemaliger Blankenburg-Bewohner.
20.02.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Das Leben nach Blankenburg
Von Alexandra Knief
Das Leben nach Blankenburg

Horst Ziebarth (1935-2019) liebte Gärten und genoss es, zu malen. So erinnern sich Wegbegleiter an ihn. Aber er nörgelte auch gerne. Nur über sein Inneres sprach er nie.

Rafael Heygster

Als Helga Schuster mit Günther zusammenkam, war das nicht immer so leicht. Wie ein Teenager musste sie nachts aus ihrem Zimmer schleichen, wenn sie ihn besuchen wollte. Aber Helga Schuster war kein Teenager mehr. Sie und Günther waren Patienten im Kloster Blankenburg. Wurde sie bei ihren Ausflügen erwischt, wurde sie an ihrem Bett festgeschnallt. Manchmal, erinnert sie sich, passierte das auch einfach nur so.

Es war eine historische Entscheidung: 1980 beschloss der Bremer Senat, das Kloster Blankenburg in der Nähe von Oldenburg, in dem seit 1957 Psychiatriepatienten mit chronischen Erkrankungen, geistiger oder mehrfacher Behinderung unter teilweise menschenunwürdigen Bedingungen untergebracht waren, aufzulösen. Acht Jahre später verließ der letzte Patient die Einrichtung. Die Bewohner, die teils jahrzehntelang wie Gefangene lebten und denen es nach ihrer Zeit in Blankenburg oft weitaus schlechter ging als vorher, kamen in kleinere, zentrale Hilfseinrichtungen, kleine Wohneinheiten oder eigenen Wohnungen. Es war die erste Auflösung einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt in Deutschland.

Der Fotograf Rafael Heygster, der 2017 auch für den WESER-KURIER tätig war, hat ehemalige Bewohner des Klosters ausfindig gemacht und sie mehr als 30 Jahre nach ihrer Entlassung aus Blankenburg in ihrem jetzigen Zuhause besucht. Der Journalist Manuel Stark hat Texte zu den dabei entstandenen Porträts geschrieben. Das Ergebnis ist ab Sonntag in der Ausstellung „Gesichter und Geschichten“ im Bremer Krankenhaus-Museum der Kulturambulanz am Klinikum Bremen-Ost zu sehen. Begleitet wird die Fotoausstellung durch einen Ausstellungsbereich mit Objekten und Filmen des Krankenhaus-Museums, die noch einmal die Meilensteine der Psychiatriereform aufzeigen und ihr mit zwei zusätzlichen Porträts ein Gesicht geben.

Nonverbale Kommunikation

Seit Blankenburg aufgelöst wurde, lebt Helga Schuster in ihrer eigenen Wohnung. Auch Günther hat hier bis zu seinem Tod gelebt. Heute erinnert ein Foto auf dem Wohnzimmertisch an Schusters große Liebe. Mit diesem ist sie auch in der Ausstellung zu sehen.

Die Idee zu seinem Fotoprojekt kam Heygster, als er die Blankenburg-Dokumentation „Rückkehr aus dem Niemandsland“ sah. „Die Geschichte des Klosters hat mich ziemlich schockiert. Ich wollte wissen, was aus den Patienten geworden ist.“ Also habe er mit der Recherche begonnen. Und wurde fündig.

17 ehemalige Bewohner hat Heygster in den vergangenen zwei Jahren getroffen und teils über mehrere Tage in ihrem Alltag begleitet. „Mir war es wichtig, die Menschen nicht als Opfer, sondern als Zeitzeugen darzustellen“, sagt er. Auch deshalb hat er sich dafür entschieden, seine Fotos in einem Stil zu halten, der fast an klassische Malerei erinnert. „Es ist eine Bildsprache, die respekt- und würdevoll ist und in unserem Kulturkreis als ästhetisch und schön wahrgenommen wird.“

Doch aufgrund ihrer Behinderung konnten nicht alle Besuchten so offen mit Stark und Heygster sprechen wie Helga Schuster. Mit anderen Porträtierten lief die Kommunikation größtenteils nonverbal ab, erzählt der Fotograf. Oft habe er lange Zeit einfach nur da gesessen, beobachtet und versucht, sensibel eine Verbindung aufzubauen. „Das war eine ganz neue Arbeitsweise für mich“, so Heygster. Mit Willi Fliedl (1944 bis 2018) fand er zum Beispiel eine Verbindung über die Fotografie. Denn Fliedl besaß selbst eine Kamera. Fliedl fotografierte Heygster, der fotografierte Fliedl, und beide hatten ihre Freude daran. „Das waren Momente, die mich sehr berührt haben“, so Heygster.

Bewahrte Geschichte

Er wollte nicht das hervorheben, was die Porträtierten von ihren Betrachtern unterscheidet, sondern das, was alle Menschen verbindet: ihren eigenen Willen, ihren Wunsch nach und ihr Recht auf Selbstbestimmung, ihre individuelle Persönlichkeit. Und so erfährt der Betrachter zum Beispiel, wie gerne Thomas Mische Kaffee mag, und dass er durch seine neu gewonnene Freiheit gelernt hat, was Ruhe und Genuss bedeuten. Er lernt, dass Klaus Dieter Schmitt lieber beobachtet als aktiv zu sein, oder dass Horst Ziebarth (1935 bis 2019) ein kleiner Nörgler war, der zwar viel darüber redete, was um ihn herum schieflief, aber nie darüber sprach, wie es in seinem Inneren aussah. Er lernt, dass Lothar Möllenberg (1949 bis 2020) immer ein Buch mit sich herumtrug, auch wenn er nie darin las, oder dass Dieter Mahl (1946 bis 2019) es liebte, Gerüche wahrzunehmen.

Die zwei Journalisten sind sich sicher, dass ihr Projekt gerade rechtzeitig kam. Vier der besuchten ehemaligen Blankenburg-Patienten sind bereits verstorben. So vieles wäre verloren gegangen, hätte man sie nicht vorher ihre Geschichte erzählen lassen – und sei es ohne Worte. Stark hat sich den Porträtierten in seinen Texten neutral genähert, hat kommentarlos geschildert, was sie einst erlebt haben, wie sie waren oder bis heute sind. Vieles beruht auf genauem Beobachten, noch mehr auf den Berichten von Wegbegleitern der Porträtierten. Ihn habe das Projekt vor allem gelehrt, dass auch Menschen, die von der Gesellschaft als anders, als nicht normal angesehen werden, eine Vorbildfunktion haben können: Sie freuen sich über kleine Dinge – eine Eigenschaft, an der sich viele von uns seiner Meinung nach ein Beispiel nehmen könnten. Die Ausstellungsmacher hoffen, dass „Gesichter und Geschichten“ auch ihre Besucher dazu anregt, sich mit ihrer eigenen Haltung auseinanderzusetzen, Dinge zu hinterfragen.

Helga Schuster und ihr Günther hatten übrigens bis zu dessen Tod getrennte Schlafzimmer. So, erzählte die heute 71-Jährige, konnten sie sich wenigstens weiterhin gegenseitig in ihren Betten besuchen – und zwar ohne, dass sie irgendjemand davon abhielt.

Weitere Informationen

„Gesichter und Geschichten“ ist vom 23. Februar bis zum 28. Juni im Krankenhaus-Museum, Züricher Straße 40, zu sehen. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr. Während der Ausstellung wird es ein Rahmenprogramm mit Führungen, Gesprächsrunden, Vorträgen und Zeitzeugengesprächen geben. Weitere Infos unter www.kulturambulanz.de

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