Inklusion durch Wohnangebot

Ein eigenes Reich im Bauernhaus

Das erstes Bremer Wohnprojekt für Menschen mit fetalem Alkoholsyndrom (FAS) entsteht in den kommenden Wochen auf dem Ellener Hof in Bremen-Osterholz.
17.02.2020, 09:16
Lesedauer: 4 Min
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Ein eigenes Reich im Bauernhaus
Von Christian Hasemann
Ein eigenes Reich im Bauernhaus

Nico Oppel und Brenda Berning vom Martinsclub vor dem alten Bauernhaus, das in den kommenden Wochen umgebaut werden soll.

PETRA STUBBE

Fetales Alkoholsyndrom – hinter diesem Begriff stecken Schädigungen von Kindern im Mutterleib, die durch Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft entstehen können. Oft gelten diese Kinder schon in frühen Jahren als „schwierig“ oder verhaltensauffällig. Auch im Erwachsenenalter kämpfen die Betroffenen häufig mit Problemen. Für diese Menschen baut der Martinsclub Bremen auf dem Ellener Feld ein Bauernhaus aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts um. Es ist das erste Wohnangebot für Betroffene in Bremen überhaupt und sogar eines der ersten bundesweit.

„Für uns bietet es sich hier an, ein Wohnangebot für diese Menschen zu schaffen“, sagt Nico Oppel, Fachleiter Wohnen beim Martinsclub Bremen. Die bisherigen Angebote seien für die Zielgruppe nicht passend. „Diese Menschen stehen in dem Raum zwischen ambulanten und stationären Angeboten.“ Weder das eine noch das andere träfe aber exakt die Bedürfnisse der Betroffenen. „Bisher gab es in Bremen noch nichts Passendes und deswegen braucht es ein eigenes Angebot“, betont Nico Oppel. Bundesweit gibt es nach Angaben von Oppel nur vier weitere Angebote – deswegen kämen schon jetzt Anfragen aus dem Bundesgebiet.

Sechs Appartements im Obergeschoss

Sechs Appartements sollen im Obergeschoss des Bauernhauses am westlichen Ende des Geländes entstehen – direkt südlich des Hindu-Tempels. Dafür wird das Dach mit Gauben ausgebaut. Im Erdgeschoss wird es Gemeinschaftsräume und eine Gemeinschaftsküche geben. „Diese sind aber nur ein Kann-Angebote“, erklärt Nico Oppel. Er betont, dass die Wohnungen mit ganz normalen Mietverträgen vermietet würden. „Es ist kein betreutes Wohnen.“ Eine Wohnung mit der Möglichkeit, sich Hilfe zu holen, stärke das Selbstbewusstsein – eben ein „eigenes Reich im Gegensatz zu stationären Angeboten“, wie Nico Oppel ausführt.

Allerdings wird es eine Betreuung durch den Martinsclub mit einem Büro und einem Raum für die Nacht geben. „Die Biografien dieser Menschen sind oft von Frustrationen durch gescheiterte Schul- oder Berufslaufbahnen geprägt“, sagt Oppel. Zu den Betreuungsangeboten zählten deswegen zum Beispiel Einzeltermine, in denen speziell geschulte Kolleginnen und Kollegen unterstützend bei Behördenangelegenheiten oder Arztterminen wirken könnten. Eine besondere Herausforderung werde es sein, Arbeit für die Mieter zu finden. „Sie haben oft Schwierigkeiten, Absprachen einzuhalten“, sagt Oppel. „Eines der großen Ziele ist der erste Arbeitsmarkt.“

Auch wenn es Angebote geben wird: Die Mieter des Martinsclubs sollen die Struktur, die es auf dem Ellener Hof und im Stadtteil gibt, erschließen und für ihre Bedürfnisse nutzen. „Die Aufgabe unserer Kollegen wird deswegen sein, Netzwerke zu schaffen“, sagt Oppel.

Brenda Berning, Regionalleitung Bremen Ost beim Martinsclub, sieht in dem entstehenden Quartier an der Ludwig-Roselius-Allee eine echte Chance, etwas Neues entstehen zu lassen. „Dadurch, dass hier alles neu entsteht, kann man direkt gucken, ob man sich direkt einbringt.“ Der Martinsclub beteilige sich schon jetzt innerhalb verschiedener Gruppen, die auf dem Ellener Hof aktiv sind. „Und darüber lernt man schon sehr viele Leute kennen“, sagt Berning.

Zu dem Gebäudekomplex des früheren Hofes gehört auch eine Scheune. Diese wird nicht zu einem Wohngebäude umgebaut, bleibt aber erhalten. „Wir wollen dort ein Angebot für das ganze Quartier anbieten“, sagt Nico Oppel. Konkret sei allerdings noch nichts. „Es soll aber ein Angebot sein, dass in das Quartier hinein wirkt und kein reines Zielgruppenangebot.“ Dem Bagger zum Opfer dagegen fällt ein kleinerer Schuppen, einst Domizil von eierlegendem Federvieh.

Ein Zuhause im Bremer Osten

Brenda Berning sieht in dem Gebäudeensemble und auf dem Ellener Hof die richtige Umgebung für das Wohnangebot. „Das hatte einfach einen gewissen Charme und strahlt ja auch das Gefühl eines Zuhauses aus.“ Mit dem Angebot setze der Martinsclub außerdem den Ansatz um, in die Quartiere zu gehen. „Im Osten sind wir sonst noch gar nicht vertreten“, sagt Berning.

Den Quartiersansatz verfolgen auch andere soziale Träger. Statt großer zentraler Angebote oder auch stationärer Angebote sollen künftig kleinere und maßgeschneiderte Maßnahmen Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen aber auch psychischen Erkrankungen in die Quartiere integrieren. Ein Ansatz, den auch die Psychiatrie-Reform verfolgt.

Auf dem Ellener Hof sieht Brenda Berning noch weitere Chancen für den Martinsclub. „Wir wollen nicht nur etwas für Menschen mit dem fetalen Alkoholsyndrom anbieten, sondern in ganz normalen Wohnungen unsere Klienten hier betreuen, das wäre schön, wenn das klappt.“ In den nächsten Wochen sollen die Bauarbeiten beginnen. Der Bauantrag ist genehmigt. „Unser Plan ist, Ende 2020 mit den Bauarbeiten fertig zu sein und Anfang 2021 hier anzufangen“, sagt Brenda Berning mit Blick auf die Pläne.

Info

Zur Sache

Das fetale Alkoholsyndrom (FAS)

kann bei Kindern auftreten, deren Mütter während der Schwangerschaft Alkohol trinken. Es kann zu körperlichen Fehlbildungen und geistigen Behinderungen führen. Die körperlichen Fehlbildungen können auch ganz ausbleiben, Verhaltensauffälligkeiten sind dennoch möglich. Selbst durch eine optimale Förderung können die Entwicklungsdefizite nicht aufgeholt werden. Fehlentwicklungen durch Alkohol gelten nach Schätzungen als häufigste aller angeborenen Erkrankungen. Diese lassen sich durch einen kompletten Verzicht von Alkohol während der gesamten Schwangerschaft zu 100 Prozent vermeiden.

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