Ein großer Park

Kreuze, Kanäle und viele alte Bäume

Beim Jubiläumsspaziergang über den Osterholzer Friedhof lassen sich Geschichte und Frühlingsnatur erleben
19.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Hildebrandt
Kreuze, Kanäle und viele alte Bäume

Der Laubengang mit 164 Linden führt zur Hauptkapelle. Durch den jährlichen Formschnitt bilden sich die Verknustungen.

PETRA STUBBE

Im vergangenen Jahr feierte der Osterholzer Friedhof seinen 100. Geburtstag. Aus diesem Anlass hat der Umweltbetrieb Bremen einen Rundgang erstellt, der an den Highlights des größten Friedhofs in Bremen vorbeiführt. Als die Anlage im Jahre 1920 eingeweiht wurde, war auf 35 Hektar ein damals hochmodern gestalteter Friedhof mit Wasserzügen und erhöhten Gräberfeldern entstanden, in wenigen Jahren geschaffen von Paul Freye und seinem Kollegen Franz Seeck samt Belegschaft. Auf dem Osterholzer Friedhof, der sich durch eine besonders klare Gliederung auszeichnet, wurden damals 100 000 Gehölze gepflanzt.

Mit grünen Tafeln ausgeschildert

Der Jubiläumsrundgang startet am Haupteingang. Er ist mit grünen Tafeln bestens ausgeschildert und zeigt auf insgesamt 15 Stationen Architektur, Gartengestaltung und Geschichte. Und auf dem Spaziergang ist eine Pflanzenwelt zu sehen, die bereits im April Blütenpracht entfaltet hat.

Hinter dem Eingang führt eine Allee aus vier Reihen von Linden auf die Hauptkapelle zu. Weitere Baumarten wie Platanen, Baumhaseln oder Götterbäume ergänzen den Bestand. Rechts, auf einen schmalen Weg abbiegend, erreicht man ein großes Rasenfeld, in das große Grabsteinplatten eingebettet sind. Sie sind älter als der Friedhof selbst: Denn im Jahre 1903 wurde der zentral gelegene Herdentorfriedhof geschlossen, und einige der dortigen Gräber und Gedenksteine fanden auf dem Osterholzer Friedhof eine neue Heimat, zusammen mit Relikten vom Friedhof Doventor.

Auf kannelierter Säule prunkt eine große Vase über dem Grabstein der bereits 1797 verstorbenen Sophia Christiana Thalmann, einer Mutter von 24 Kindern. Eine andere Grabstätte erinnert an die Schrecken des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71: Hier ruhen die Überreste von 49 Soldaten, die im Kriegslazarett in Bremen ums Leben kamen.

Nun geht es nach links und zurück zur Hauptachse des Friedhofs. Vor der Südkapelle lässt sich sehen, wie vielfältig Friedhofskultur sein kann: Die Form des Kreuzes über einer Grabstätte wird hier abgewandelt und variiert: Das Kreuz wird zum schwarz glänzenden Dreiviertel-Kreis, zur hellgrauen bauchigen Form oder auch zu einer schwarzgrauen, hoch aufragenden Stele.

An der Hauptkapelle führt der Weg wieder unter hohen Gehölzen entlang: dem Linden-Laubengang aus 164 Bäumen, die inzwischen ein Alter von 100 Jahren erreicht haben. Die Gärtner haben die Leittriebe sämtlicher Linden entfernt – so bildeten sich an den Bäumen auffällige Knoten, sogenannte Verknustungen.
Nahe an der großen Hauptkapelle stoßen Spaziergänger auf sieben Grabplatten. Bis zum Zweiten Weltkrieg befanden sie sich in der mittelalterlichen Ansgarii-Kirche, die im Krieg zerbombt wurde. Die Grabplatten konnten gerettet werden und fanden auf dem Osterholzer Friedhof einen neuen Platz, heute eingebettet in dichtes Zwergmispelgebüsch.

Gedenkstätte für Kriegsopfer

Der Osterholzer Friedhof blieb zwar von den Bomben im Zweiten Weltkrieg verschont, doch durch die zahlreichen Kriegsopfer wurde mehr Platz benötigt – das Gelände wurde erweitert, und auf dem älteren Teil des Friedhofs wurden zudem Gedenkstätten für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft eingerichtet.
Auf viel Baumbestand und dichtes Rhododendrongebüsch folgt breites Wasser: Der Jubiläumsgang erreicht einen quer verlaufenden Kanal, bevölkert von Blesshühnern und Stockenten. Am Ende dieses Querkanals liegt eine Insel, dicht von Bäumen wie Erlen, Eiben, Pappeln und Birken bewachsen, mit dichtem Gestrüpp aus Holunder und Brombeeren. Diese Insel ist ein wichtiges Refugium für die Tierwelt: Hier leben Waldkauz und zahlreiche Fledermäuse, und an den Gewässern wurde auch der Eisvogel gesichtet.

Der Jubiläumsspaziergang führt nun kreuz und quer durch eine Vielzahl von Beeten bis zur Grabstätte des Dachdeckers F. G. Wilhelm Berger. Wenige Tage vor der Einweihung des Friedhofs kam er ums Leben, als er vermutlich bei Arbeiten an der Kapellen-Kuppel in den Tod stürzte – somit war er der erste Verstorbene, der auf dem neuen Friedhof 1920 bestattet wurde.

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Kurz bevor wieder die Hauptachse des Friedhofs erreicht wird, zeigt eine Eiche, dass einige der alten Bäume bereits pflegebedürftig sind: Der Hohlraum dieses hoch aufragenden Gehölzes wurde mit Beton gefüllt, um seine Standsicherheit zu erhöhen – doch von diesem chirurgischen Eingriff ist heute nichts mehr zu sehen.
Kurz vor dem Ende des Spaziergangs liegen Gräberfelder als Platten zwischen Rasenstücken. Mehr als 6000 Opfer unterschiedlicher Nationalitäten aus zwei Weltkriegen sind hier begraben, darunter Häftlinge der Konzentrationslager, Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkriegs und Zwangsarbeiter - der Osterholzer Friedhof ist auch eine zentrale Gedenkstätte.

Bevor man den Friedhof am Haupteingang verlässt, weist eine Tafel darauf hin, welche besondere Lage der Friedhof hat: Das Gelände ist sumpfig, und ohne die vielen Wasserzüge wäre die Nutzung als Friedhofsfläche gar nicht möglich. Gräben, Teiche und ein See im Norden bilden ein einziges Verbundsystem, und die benachbarte Wümme liefert in Trockenzeiten Wasser, das den gesamten Friedhof speist.

Fast 80 Hektar groß

Ein Friedhof, der auch ein großer Park ist. Mit fast 80 Hektar ist der Osterholzer Friedhof einer der größten in Norddeutschland. Mehr als 100 000 Verstorbene ruhen hier. Er entstand, als Anfang des 20. Jahrhunderts auf den Friedhöfen Riensberg und Walle nicht mehr genügend freie Flächen vorhanden waren. Bei der Anlage bilden Architektur und Gartenkunst eine Einheit – axial ausgerichtet mit Baumalleen und kanalartigen Wasserzügen. Die große Kapelle wurde dem Pantheon in Rom nachempfunden, allerdings mit Klinker verkleidet.
Aufgrund seiner baumreichen und wohlgegliederten Gestaltung ist der Osterholzer Friedhof zugleich eine Parkanlage, die vielen Menschen im Bremer Osten zur Erholung dient.

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