Verdienstorden

Alles für Osterholz

Horst Massmann engagiert sich vielfältig für seinen Stadtteil und war Mitbegründer der Image-AG und der Geschichtswerkstatt. Dafür wurde ihm jetzt dasVerdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik überreicht.
29.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Silja Weißer
Alles für Osterholz

Auch mit Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik wird Horst Massmann sich weiter engagieren.

PETRA STUBBE

„Ob ich es mir je anhänge? Ich weiß es nicht.“ Horst Massmann huscht ein Lächeln über das Gesicht, wenn er das rote Kreuz betrachtet, in dessen Mitte der Bundesadler prangt. Gebettet auf dunklem Samt liegt es in einer kleinen Schachtel. „Dass man mich jetzt ausgezeichnet hat, dafür kann ich nichts“, meint er. Der ansonsten so selbstsicher wirkende 78-Jährige tut sich sichtlich schwer, mit Ruhm und Ehre umzugehen. Ein Mitglied des Osterholzer Beirats, für das sich Massmann seit 1999 engagiert, habe ihn für die Auszeichnung vorgeschlagen. Bereits im November ehrte ihn Bundespräsident Frank Walter Steinmeier (SPD) mit dem Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik. Vor wenigen Tagen fand die Übergabe im Senatssaal durch Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) statt.

Dabei hätte Massmann allen Grund, stolz zu sein. Für seinen Stadtteil hat der pensionierte Lehrer in den vergangenen Jahrzehnten ein ums andere Mal die Ärmel hochgekrempelt. Für das Klinikum Bremen Ost etwa machte er sich vor 20 Jahren dafür stark, anstelle des abgebrannten, im Jugendstil erbauten Bauernhauses das Haus im Park aufbauen zu lassen. Er brachte die Forderung im Beirat ein, durch die Stiftung Wohnliche Stadt für den Wiederaufbau eine Millionen D-Mark zu bekommen. Am Ende erhielt Osterholz für diesen wichtigen Bau 630.000 Euro.

Sieben Fotowettbewerbe angeregt

Um den Blick für die Schönheiten des Stadtteils zu schärfen, regte Massmann über den Beirat insgesamt sieben Fotowettbewerbe mit anschließenden Ausstellungen an. Markante Orte in Osterholz rückten so in den Fokus der Bewohner. Das gleiche Ziel verfolgte er mit zwei Wanderwegen durch die Natur, die er mit initiiert hat. Hier entstand auch ein Baumlehrpfad mit 30 verschiedenen Baumsorten.

Massmann, der nach seiner Arbeit als Lehrer dann in den 70ern und 80ern erst als Schulplaner, danach in der Schulaufsicht tätig war, baute die Schulgeschichtliche Sammlung Bremen mit auf und war maßgeblich bei deren Umwandlung zum Schulmuseum Bremen beteiligt.

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„Ich habe nichts im Leben ohne die Unterstützung anderer gemacht“, betont er. Auch sein jüngstes Werk möchte er sich nicht nur auf seine Fahnen schreiben. Als Initiator, Autor und Koordinator brachte er im November vergangenen Jahres einen knapp 280 Seiten starken Band über den Osterholzer Friedhof heraus. Im Mai wurde die imposante Grünanlage 100 Jahre alt. Ein Dreivierteljahr Arbeit steckt in dem Buch. Zahlreiche Texte stammen von Massmann. Ein Gang über den Friedhof zeigt, wie sehr er sich mit der Anlage identifiziert. Seien es das erste Grab des Friedhofs, die Ruhestätte von Wilhelm Berger, der beim Bau der Gebäude ums Leben gekommen ist, oder die Gräber von Bombenopfern, ein Massengrab mit hier umgekommenen über 800 Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen, die auf dem Friedhof beigesetzt worden sind – für Massmann sind es Stätten der Erinnerung, die es zu bewahren gilt. „Auch in Osterholz war der Teufel los. Das dürfen wir nicht vergessen“, mahnt er, die Erinnerungskultur lebendig zu halten – und das nicht nur für seine drei Kinder und sieben Enkelkinder.

Kriegs- und Nachkriegszeit prägte ihn

Die Kriegs- und Nachkriegszeit und die Schicksalhaftigkeit dieser Ära habe ihn sehr geprägt, erklärt Massmann. Zusammen mit seinen vier Brüdern wuchs der Bremer kriegsbedingt mit der ausgebombten Familie im ländlichen Brockel bei Rotenburg auf. Ende 1954 ging es zurück nach Bremen, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen, weil hier die Lehr- und Lernmittelfreiheit herrschte. Die Zeiten seien nicht mit dem Jugendleben heute vergleichbar gewesen, erzählt Massmann. Kein Taschengeld, Jobben auf dem Schrottplatz, 15 Kilometer Schulweg mit dem Fahrrad (für eine Strecke) und eine harte Hand des Vaters in Sachen Erziehung. Sich durchbeißen, einstecken, wieder aufstehen. Vielleicht ist es das, was Massmann motiviert, immer wieder neue Projekte anzugehen und trotz mancher Schwierigkeit bis zum Ende zu bringen. Er selbst hat noch eine Begründung für seine Umtriebigkeit: „Vielleicht liegt es an meinem Sternzeichen Zwilling, ich war von meinen Brüdern immer der Neugierigste.“

Ob 2008 als Mitbegründer der Image-AG und der Geschichtswerkstatt beim Ortsamt Osterholz, Massmann ist das, was man getrost als „Macher“ bezeichnen kann. Die Begeisterung für den Stadtteil sprudelt nur so aus ihm heraus. Einmal ins Reden gekommen, lässt sich Massmann nicht so schnell stoppen – auch eine Leidenschaft und Fähigkeit, von der er andere profitieren lässt. Neben seinen geführten Spaziergängen und Radtouren durch Osterholz und die Nachbarortsteile zieht es ihn immer wieder auf den Osterholzer Friedhof, dessen Schönheiten und Geheimnisse er gerne auf Führungen mit Besuchern teilt.

Willy Brandt als politische Leitfigur

Doch von den vielen Lorbeeren will er nichts wissen, nur eines möchte er betont haben. „Ich habe während meiner Arbeit im Beirat, während der 16 Jahre als Fraktionsvorsitzender der SPD, viel Wert daraufgelegt, bei von mir formulierten Beschlüssen am Ende Einstimmigkeit zu verfassen.“ In Vielem war Willy Brandt seine politische Leitfigur.

In den nächsten Jahren die Beine hochlegen? Massmann muss lachen: „Nein, das kann ich nicht. Dafür sind die Belange im Stadtteil zu spannend und zu wichtig.“ Außerdem habe er sich für den Sommer schon eine weitere Herausforderung gestellt. Über 5000 Rollwandkarten, die noch nicht der Öffentlichkeit zugänglich sind, möchte er für das Schulmuseum nach Wichtigkeit sortieren, digitalisieren und so einen wissenschaftlichen Zugang ermöglichen. Von Däumchen drehen kann also keine Rede sein. Massmann bestätigt: „Ich bin nach wie vor unruhig.“

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Zur Sache

Verdienstkreuz am Bande

Der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland, auch Bundesverdienstkreuz genannt, ist die einzige allgemeine Verdienstauszeichnung der Bundesrepublik Deutschland. Er wird für besondere Leistungen auf politischem, wirtschaftlichem, kulturellem, geistigem oder ehrenamtlichem Gebiet verliehen. Der Orden wird in acht, inklusive dem Großkreuz in besonderer Ausführung in neun Stufen verliehen. Alle deutschen Länder außer Bremen und Hamburg verleihen zudem selbst eigene Verdienstorden. Der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland wurde am 7. September 1951 durch den damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss per Erlass gestiftet. Bis zum Dezember 2020 wurde die Auszeichnung insgesamt 260.503 Mal verliehen.

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