Ohne Warmwasser nach Brand

Druck auf Vermieter wächst

Die Bewohner eines Wohnblocks in der Neuwieder Straße in Tenever fordern nach einem Brand eine grundlegende Sanierung des Gebäudes, um Vandalismus, Drogenhandel und -konsum zu verdrängen.
10.08.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Druck auf Vermieter wächst
Von Christian Hasemann
Druck auf Vermieter wächst

Der Ruß zieht sich bis in die oberen Etagen. In den unteren Etagen sind Wohnräume unbewohnbar, im ganzen Haus gibt es kein warmes Wasser.

Petra Stubbe

Gut ein Monat ist seit dem Brand am Morgen des 4. Juli in der Neuwieder Straße 3 vergangen. Der Schreck und das Gefühl, Verletzungen oder sogar dem Tod nur knapp entronnen zu sein, war den Bewohnern während einer Einwohnerversammlung noch deutlich anzumerken. Tenor der Sitzung: Der Druck auf den Vermieter soll erhöht werden, um nicht nur die aktuellen Schäden und Einschränkungen für die Bewohner des Mietshauses zu beseitigen, sondern auch weitere Missstände zu beheben.

Die Beinahe-Katastrophe in der Neuwieder Straße 3 hatte sich nach Ansicht einiger Bewohner Tenevers schon jahrelang angekündigt. „Ich beobachte, dass der Zustand immer schlechter wird“, sagt Nesim Arslan, der in dem Gebäude seit 21 Jahren wohnt. In den vergangenen Jahren sei das Hochhaus heruntergewirtschaftet worden. „Und so wurde Raum für Kriminelle geschaffen.“ Die Neuwieder Straße sei inzwischen bekannt dafür, ein rechtsfreier Raum für Drogenhandel und Körperverletzung zu sein. „Der Zustand wirkt sich auf das ganze Viertel aus“, beschreibt Arslan die Situation. Unausgesprochen blieb der Verdacht, dass der schlechte Zustand Sachbeschädigungen, oder wie in diesem Fall Brandstiftung, provoziere. Arslan musste sich, seine schwangere Frau und seine vierjährige Tochter aus dem 10. Stock in Sicherheit bringen.

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Schon vor dem Brand gab es Ärger über die Zustände im und am Haus. Die Bewohner ärgern sich über nicht reparierte Wasserschäden, defekte Fahrstühle und kaputte Haustüren. Seit fast zwei Jahren ist ein Teil des Außenbereichs des Gebäudes mit Bauzäunen gesichert – die Fassade bröckelt, Teile drohen herunterzufallen. Und auch der Müll direkt an der Fassade beschäftigte immer wieder Ortsamt, Quartiersmanagement und Anwohner. Schon seit einem Jahr sei eine Mängelliste bekannt, so Arslan. „Da haben wir schon das Problem mit den offenen Müllcontainern genannt, aber die Probleme wurden nicht behoben und das Resultat ist, dass fast 300 Menschen Todesangst hatten.“

Die Feuerwehr war nach eigenen Angaben am Morgen des Brandes mit 27 Fahrzeugen und 70 Einsatzkräften vor Ort, um die Flammen, die von den Müllcontainern auf die Fassade des 16-geschossigen Gebäudes übergegriffen hatten, zu löschen. Der Brand verrußte die Außenwand bis zur obersten Etage, im unteren Bereich zerbarsten Fenster. Einige Räume sind auch einen Monat nach dem Brand nicht bewohnbar. Ein Geschäft im Erdgeschoss ist zerstört. Beim Feuer wurde außerdem eine außen liegende Gasleitung beschädigt. Diese wurde stillgelegt und seitdem können auch die Gasthermen und damit die Duschen in den Mietwohnungen nicht mehr genutzt werden.

Mutmaßliches Brandstifter-Pärchen wieder auf freiem Fuß

Ein 25-Jähriger und eine 21-Jährige wurden von der Polizei als Tatverdächtige noch am Morgen anhand von Videoaufnahmen ermittelt. Das mutmaßliche Brandstifter-Pärchen ist inzwischen wieder auf freiem Fuß. Zu möglichen Motiven konnte die Polizei auf Nachfrage keine Angaben machen. Die Ermittlungen dauerten derzeit noch an.

Nach drei Wochen wurden Duschcontainer vor dem Wohnhaus aufgestellt. Allerdings macht die Corona-Epidemie Vorsichtsmaßnahmen notwendig, die in der Praxis zu Schwierigkeiten führen. So gibt es für die einzelnen Wohnungen und deren Mieter strikte Zeitfenster, in denen sie duschen dürfen. Ein Bewohner des Hauses dazu: „Ich soll laut Plan um 7.15 Uhr duschen, aber ich muss um 6 Uhr zur Arbeit.“ Ein anderer Mann ergänzte: „Wir sollen um 13 Uhr duschen, soll ich von der Arbeit dafür nach Hause fahren?“ Mitte August soll nach einer Mitteilung des Eigentümers mit Reparaturarbeiten an dem Gebäude begonnen werden.

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Andere Bewohner haben durch den Brand für sie erhebliche materielle Verluste erlitten, sagte Quartiersmanagerin Katrin Höpker. „Viele Hausbewohner haben keine Hausratsversicherung, weil sie sie sich nicht leisten können.“ Schnelle und pragmatische Hilfe organisierte das Mütterzentrum Tenever, das sich noch in der Nacht um die Familien gekümmert hatte.

Das Mütterzentrum hat außerdem ein Spendenkonto eingerichtet. Mihdiye Akbulut, Mitarbeiterin im Mütterzentrum und selber Zeugin des Feuers, über den Brandmorgen: „Viele Bewohner haben nicht verstanden, was die Feuerwehr und die Polizei gesagt haben und standen erst noch auf den Balkonen.“ Sie habe dann selbst auf kurdisch die Bewohner angeschrien und sie aufgefordert, das Gebäude zu verlassen.

Wohnungsportfolio mit 16.000 Wohnungen und Gewerbeeinheiten

Eigentümer des Hauses in der Neuwieder Straße ist die Zentral Boden Immobilien Gruppe (ZBI) mit Sitz in Erlangen. Diese hatte in einem Konsortium mit der Investmentgesellschaft Union Investment aus Frankfurt am Main im Frühjahr 2019 ein Wohnungsportfolio mit 16.000 Wohnungen und Gewerbeeinheiten von der BGP Gruppe aus Luxemburg übernommen. Letztere wiederum war, so berichten es Fachblätter, zuletzt Teil des chinesischen Staatsfonds CIC.

Erlangen ist näher als Peking – so könnte dann auch die Hoffnung von Ortsamtsleiter Ulrich Schlüter und Quartiersmanagerin Katrin Höpker, die gemeinsam zu der Einwohnerversammlung eingeladen hatten, beschrieben werden, mit dem Eigentümer ins Gespräch zu kommen. „Es hat sich gezeigt, dass ganz wenig passiert, wenn da kein Druck gemacht wird“, so Schlüter. „Wir dürfen nicht locker lassen bis saniert ist.“ Er hofft offenbar auch auf Unterstützung aus der Stadtmitte. „Ich habe von Anfang an das Rathaus auf dem Laufenden gehalten.“ Für die traumatisierten Bewohner wünsche er sich außerdem eine Nachsorge durch die Stadt.

Eigentum verpflichte, erinnerte der Ortsamtsleiter. „Und es ist ein Unding, dass kein Vertreter der Eigentümer hier ist.“ Eine Sauerei, wie er nachschob. Beiratssprecher Wolfgang Haase (SPD) wies noch auf einen weiteren Aspekt hin: „Ich würde mir wünschen, dass das Jobcenter und das Sozialressort dort genau hinschauen.“ Für einige Mieter übernehmen die Sozialkassen die Wohnungskosten. Für manche Wohnungsunternehmen ist es ein lukratives Geschäft, vernachlässigte und eigentlich nicht mehr vermittelbare Wohnungen an Menschen zu vermieten, die von Sozialhilfe leben und deren Miete direkt vom Amt überwiesen wird.

Immobilien bleiben in der Hand von Investoren

Cindi Tuncel, Bürgerschaftsabgeordneter der Linken: „Leider ist es uns nicht gelungen, die Neuwieder Straße 1 und 3 auch zu kaufen“, bedauerte er. Im Zuge des Stadtumbaus Tenever hatten die Stadt und die Gewoba einige Gebäude von Investoren zurückkaufen können – die Hausnummern 1 und 3 allerdings blieben in der Hand von Investoren. „Wir müssen generell überlegen, dass an diesen Häusern etwas geschieht“, sagte Tuncel. Er werde das Thema in die Bürgerschaft einbringen. „Damit sich etwas für die Menschen in der Neuwieder Straße 1 und 3 tut.“ Eine Idee des Abends: Die Gewoba könnte die beiden Wohnblöcke kaufen.

Diese war an diesem Abend in Gestalt von Robert Schleisiek, verantwortlich für den Wohnungsbestand des Unternehmens in Tenever, vertreten. Derzeit gebe es keine Überlegungen, die Wohnblöcke zu kaufen, sagte er am Rande der Sitzung. Dennoch bereite die Entwicklung Sorge. „Die Situation hat Auswirkungen auf das gesamte Viertel und das ist nicht in unserem Interesse.“ Ganz von der Hand zu weisen ist die Lösung mit der Gewoba als Käufer allerdings nicht. Zuletzt hatte das Unternehmen im vergangenen Jahr in Bremen-Lüssum der Vonovia 200 Wohnungen abgekauft.

Weitere Informationen

Informationen zu Spendenmöglichkeiten gibt es beim Mütterzentrum Tenever, Neuwieder Straße 17, Telefon 409 88 95 und beim Quartiersmanagement Tenever, Wormser Straße 9 (Eingang Kaiserslauterner Straße), Telefonnummer 42 57 69.

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