Neues Jugendchor-Projekt in Bremen

Einfach gemeinsam singen

Bundesweit gründet die Deutsche Chorjugend seit Jahresanfang 14 Jugendchöre, einen davon in Bremen-Osterholz. Die Idee dabei ist, auch Teilnehmer anzuwerben, die keinen guten Zugang zu Musik haben.
17.05.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Silja Weißer
Einfach gemeinsam singen

Erwan Tacher gründet den neuen Jugendchor in Osterholz. Interessierte sind aufgerufen, sich zu melden.

Roland Scheitz

Zusammen singen. Und das in einer Zeit, in der die Pandemie über Monate soziale Distanz erfordert? Das geht, möchte die Deutsche Chorjugend beweisen und macht sich während der Corona-Krise auf, Singbegeisterte zusammenzutrommeln. „Together! - Chor.Leben“ überschreibt sie ihr Projekt. Deutschlandweit gründen sich seit Jahresanfang 14 Jugendchöre. Es sind Jugendliche, egal mit welchem sozialen Hintergrund, mit welcher Hautfarbe oder Sprache, Geschlechts- oder Religionszugehörigkeit.

In Bremen hat Erwan Tacher die Leitung übernommen. Der 34-Jährige mit bretonischen Wurzeln und in der Pariser Vorstadt geboren, hat seinen Bachelor in Gesang in Lübeck gemacht und ist vor drei Jahren in die Hansestadt gekommen. Das deutschlandweite Modellprojekt, das die Chorszene diverser machen soll, ist Thema seiner Masterarbeit an der Hochschule für Künste. Als er per E-Mail den Vorschlag zugesandt bekam, den Bremer Chor ins Leben zu rufen, war er sofort Feuer und Flamme. „Es ist mir wichtig, etwas für die Gesellschaft zu tun“, betont er.

Erste Chortreffen online

Um Jugendliche im Alter von zwölf bis 18 Jahren zu erreichen, die Spaß am Singen haben und daran, ein Repertoire zusammenzustellen und aktiv die Organisation zu gestalten, macht sich Tacher in Osterholz an die Arbeit, geht auf Vereine zu, nimmt mit der Gesamtschule Ost Kontakt auf und mit dem Beirat. Die Idee dabei ist, auch Teilnehmer anzuwerben, die keinen guten Zugang zu Musik haben. Kein einfaches Unterfangen in Pandemiezeiten. Noch läuft Vieles über Telefon und E-Mail. Auch die ersten Chortreffen werden online stattfinden, plant der Organisator.

Eine Vorbildung, Singerfahrung oder Notenkenntnisse sind nicht notwendig. Viel mehr gehe es um den Spaß am Aufbau des Chores und darum, gemeinsam Ziele zu definieren: Was wollen wir singen? Wie lange? Wo? Wer ist das Publikum? Welches Repertoire bietet sich an?

Chorleiter tauschen sich aus

Auf der Suche nach Wegen, Jugendliche gezielt in ihrer Lebenswelt mit ihren Interessen anzusprechen, tauschen sich die Leiter der Chöre regelmäßig aus. „Wir sind sehr gut vernetzt“, berichtet Tacher. So könne einer vom anderen profitieren. Ein Chor habe bereits Aufnahmen gemacht. Diese eigneten sich sehr gut als Werbematerial.

Was die Musikrichtung angeht, ist Tacher offen. Ihm schwebe etwa Bodypercussion vor, also mit dem Körper als Instrument zu musizieren. Stücke aus den Herkunftsländern der Mitglieder dagegen stünden nicht oben auf der Liste. Niemand solle seine Kultur vorstellen. „Es geht hier nicht um Integration, sondern um Transkulturalität“, differenziert Tacher und führt aus: „Durch eine gemeinsame Herausforderung wird schneller eine Ebene gefunden.“ Dies ist auch ein Grund, warum er in naher Zukunft eine Partnerschaft mit Uganda anstrebt. Online möchte er Workshops mit einer dortigen Musikschule organisieren. Und wenn alles nach Plan laufe, könnten Jugendliche aus Uganda 2022 nach Bremen kommen und mit dem hiesigen Chor zusammen ein Konzert geben.

20 Mitglieder gesucht

Doch noch ist das Zukunftsmusik. Vorerst stehe die Suche nach rund 20 Mitgliedern für den Bremer Jugendchor im Vordergrund. Ein schmaler Geldbeutel soll kein Hinderungsgrund sein mitzumachen. Unterricht, Notenmaterial und Fahrten werden mit Hilfe von Fördermitteln der Stiftung Deutsche Jugendmarke und Aktion Mensch finanziert.

Tacher selbst erhielt mit acht Jahren seinen ersten Klavierunterricht. Nach der Schulzeit absolvierte er zunächst ein Studium der Ingenieurwissenschaften arbeitete als Ingenieur in Kopenhagen. Doch die Musik begleitete ihn. In dieser Zeit spielte und sang er Popmusik in verschiedenen Bands. 2011 kehrte er zurück nach Frankreich und studierte am Conservatoire de Nantes Gesang, Chorleitung und Harmonie. In Nantes leitete er zwei Jahre lang einen Frauenchor. An der Musikhochschule Lübeck studierte Tacher Operngesang und nahm an verschiedenen Meisterkursen teil. Tacher unterrichtet Gesang und Gitarre und hat Gitarrengruppen in Lübeck, Hamburg und Bremen gegründet, um die Integration von Migranten zu unterstützen. Zurzeit leitet er drei Frauenchöre in Bremen und im Umland.

"Alles gemeinsam entwickeln"

Mit dem neuen Chor des Together-Projekts plant Tacher für Dezember ein erstes Konzert im Rahmen einer größeren Veranstaltung in Osterholz. Ob er die Jugendlichen am Klavier oder an der Gitarre begleitet oder einer der Teilnehmer die musikalische Unterstützung übernimmt, weiß er noch nicht. „Wir werden alles gemeinsam entwickeln.“

Wer Spaß am Singen und Organisieren hat, kann sich unter sing-together@gmx.de anmelden. Angesprochen sind Kinder und Jugendliche zwischen zwölf und 18 Jahren. Die Teilnahme ist kostenlos. Eine Vorbildung oder Notenkenntnisse sind nicht erforderlich.

Zur Sache

Deutsche Chorjugend

Als größte Interessenvertretung junger Sänger und Sängerinnen in Deutschland steht die Deutsche Chorjugend (DCJ) für eine breitenwirksame Kultur- und Bildungspolitik. Unter dem Dach des Deutschen Chorverbandes ist der selbstständige Jugendverband zuständig für 4500 Kinder- und Jugendchöre. Als eine der wichtigsten Herausforderungen gilt die Erweiterung von kultureller und gesellschaftlicher Teilhabe über die Milieugrenzen hinweg. Mit Partnerchören auf der ganzen Welt entstehen persönliche Begegnungen. Zudem fördert die DCJ die musisch-kulturelle Bildung und schafft die Rahmenbedingungen für Programme und Projekte, um Anregungen für eine gute Kinder- und Jugendchorarbeit zu bieten. Außerdem qualifiziert die Chorjugend Menschen, die chormusikalisch und pädagogisch mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, und stellt Arbeitshilfen für Ehrenamtliche, um deren Tätigkeiten rund um den Chor zu unterstützen.

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