Fahrradquartier vor Vollendung

Vorbild für andere Wohnquartiere

Das Fahrradquartier Ellener Hof soll Vorbild für andere Viertel in Bremen sein, Fußgäner und Radfahrer sollen dort Vorrang haben.
27.08.2020, 09:53
Lesedauer: 3 Min
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Vorbild für andere Wohnquartiere
Von Christian Hasemann

Auf dem Ellener Hof stehen seit Kurzem eine Fahrradverleihstation-, eine Selbsthilfewerkstatt und ein Paketverteildienst für Bewohner bereit. Damit sind fast alle Maßnahmen für Bremens zweites Fahrradquartier umgesetzt. Die ersten Anwohner des Quartiers nutzen den Service bereits.

„Der fürchterliche Verkehr hat etwas abgenommen“, sagte Erika Habekost, Bewohnerin des Stiftungsdorfes Ellener Hof, bei der Einweihung. „Sonst standen auch schon mal mehrere Paketwagen hintereinander hier.“ Sie sei froh, dass es nun so etwas gebe. Mit „etwas“ ist die Paketstation im Erdgeschoss des Verwaltungsgebäudes gemeint. Die Bewohner und Institutionen auf dem Gelände können seit Juli das Angebot der Verteilstation nutzen.

Die Verteilstation ist einer von zehn Bausteinen, die das neu entstehende sozial-ökologische Wohnviertel an der Ludwig-Roselius-Allee zu einem Fahrradquartier machen sollen. „Wir können hier unsere Pakete abgeben und umgekehrt werden unsere Pakete zu uns rauf gebracht“, erklärt Habekost. Der Sinn hinter der Verteilstation: Paketdienste sollen künftig nur eine Adresse anfahren, von dort werden die Pakete im Quartier zu Fuß oder per Lastenrad verteilt. Damit soll, so das Kalkül, weniger Kraftverkehr in das Quartier fließen. Betrieben wird die Paketverteilstation vom Beschäftigungsträger Bras.

Sabine Schöbel, Hausleiterin bei der Bremer Heimstiftung, zählte auf, welche weitere Maßnahmen den Ellener Hof zu einem Fahrradquartier machen: „Die größte Maßnahme war der fahrradfreundliche Umbau der Kreuzung Düsseldorfer Straße/Ludwig-Roselius-Allee. An der Ludwig-Roselius-Allee haben wir neue Fahrradabstellmöglichkeiten geschaffen“, sagt sie. Dazu kämen noch die Maßnahmen der Stadt, die bei dem Projekt über das Ressort von Verkehrssenatorin Maike Schaefer (Grüne) als Kooperationspartner beteiligt ist. Dazu zählten unter anderem eine bessere Anbindung des Quartiers an das Wegenetz der Stadt, die Optimierung des öffentlichen Nahverkehrs, die Schulwegsicherung an der Düsseldorfer Straße und weitere Fahrradparkplätze am Einkaufszentrum Blockdiek. Geprüft werde außerdem der Umbau der Straße Große Vieren zu einer Fahrradstraße, so Schöbel.

Für die Umsetzung des Vorhabens Fahrradquartier Ellener Hof hat das Umweltbundesministerium insgesamt rund 1,9 Millionen Euro Fördergelder zur Verfügung gestellt. Bis Januar 2021 sollen alle Maßnahmen umgesetzt sein.

„Wir hoffen, dass dieses Beispiel Schule macht für andere Quartiere in Bremen“, sagte Maike Schaefer. Sie gab einen Fingerzeig, in welche Richtung es zukünftig in anderen Wohnvierteln gehen könnte. „Nicht mehr das Auto steht im Vordergrund, sondern andere Verkehrsarten.“ Ein Ziel ihres Hauses sei es, die Stellplatzverordnung neu zu gestalten. Die Stellplatzverordnung gibt bis ins kleinste Detail vor, wie viele (Auto-)Parkplätze bei bestimmten Bauvorhaben geschaffen werden müssen. Auch bei Investoren ist sie nicht unbedingt beliebt, denn die nötigen Flächen für die Parkplätze kosten Geld.

Einen Gewinn sieht Schaefer aber nicht nur bei den jetzigen und künftigen Bewohnern des Ellener Hofes. „Ehrlicherweise entlastet es auch die Fahrer, wenn sie eine zentrale Station anfahren können.“ Das spare Zeit und Nerven der Fahrer und Fahrerinnen.

Ganz grundsätzlich gibt sie das Ziel ihres Ressorts vor: „Wir wollen den Fahrradverkehr in Bremen stärken und damit einen Beitrag zum Klimaschutz leisten.“ Was auf dem Ellener Hof entstehe, sei Vorbild für ganz Bremen. „Deswegen reden wir auch mit anderen Investoren, denn wir wollen solche Konzepte auch in anderen Quartieren.“ Auf die Frage, ob sich das Konzept so einfach übertragen lasse, sagt sie: „Ich denke, man kann so etwas auch in gewachsenen Quartieren machen, denn es braucht ja nicht viel Platz.“

André Vater, Vorstandsvorsitzender der Bremer Heimstiftung: „Vor fünf Jahren haben wir das Gelände geschenkt bekommen, das hört sich erst mal günstig an, bedeutet aber sehr viel Arbeit.“ Nun sei aber der Zeitpunkt gekommen, an dem die ersten Sachen aus dem Boden wachsen. „Jetzt entstehen die Dinge, mit denen das Konzept gelebt werden kann.“

Der erste fertiggestellte Neubau auf dem Grundstück war das Studierendenwohnheim Holzbude, das laut Bremer Heimstiftung inzwischen zur Hälfte vermietet ist. Weit fortgeschritten ist außerdem ein Gästehaus der Stiftung Maribondo und ein Gebäudekomplex mit AOK-Niederlassung, Arztpraxen und Wohnungen direkt an der Ludwig-Roselius-Allee. Ein Kitaneubau ist in der Bauphase, der Spatenstich für einen Hindu-Tempel ist gemacht und auch die ersten Baugemeinschaften wollen noch im Herbst mit den ersten Arbeiten beginnen. Knapp 500 Wohnungen sollen auf dem Gelände entstehen. Schöbel schätzt, dass dann etwa 1000 bis 1200 Bewohner auf dem Ellener Hof leben.

Diese können dann bei Andreas Bockelmann und seinem Team Fahrräder leihen und ihre eigenen Drahtesel reparieren. Er leitet für die Bras die Verleih- und Reparaturstation für Fahrräder. „Derzeit haben wir an drei Tagen die Woche die Fahrradwerkstatt geöffnet“, sagt er. Außerdem können im ehemaligen Bruderhaus aus dem 19. Jahrhundert in der Zeit von 8 bis 16 Uhr Fahrräder ausgeliehen werden, darunter Lastenfahrräder, Kinderfahrräder, E-Bikes und Dreiräder. „Später wollen wir die Öffnungszeit der Verleihstation bis 19 Uhr verlängern.“

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