Anzeige gegen Bremer Landwirt

Rehkitze sterben bei Mäharbeiten in der Osterholzer Feldmark

Bei Mäharbeiten sind in der Osterholzer Feldmark zum wiederholten Male junge Rehe gestorben. Der betreffende Landwirt hat sich inzwischen selbst angezeigt.
29.06.2020, 19:10
Lesedauer: 3 Min
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Rehkitze sterben bei Mäharbeiten in der Osterholzer Feldmark
Von Christian Hasemann
Rehkitze sterben bei Mäharbeiten in der Osterholzer Feldmark

Anwohner Thomas Stockinger und Jagdpächter ­Manfred ­Aumund-Kopp haben bei der Polizei Anzeige gegen einen Bremer Landwirt ­gestellt. Bei Mäharbeiten in der ­Osterholzer Feldmark sind in der ­vergangenen Woche vier Rehkitze ­gestorben. Ein ­vermeidbarer Unfall, wie sie sagen.

Christian Hasemann

Manfred Aumund-Kopp ist die Betroffenheit über den Vorfall in der vergangenen Woche in der Osterholzer Feldmark noch anzumerken. Vier Rehkitze hat der Osterholzer Jagdpächter nach der Mahd einer Wiese tot aufgefunden – zerstückelt vom Mähwerk eines Traktors. Nun hat er eine Anzeige gegen den Landwirt gestellt.

„Was ich nicht verstehe, ist, dass er selber Jäger ist und dann macht der solche Sachen“, sagt Aumund-Kopp. Deswegen sei es keine Frage für ihn gewesen, eine Anzeige aufzugeben. Auf Fotos mit entsprechenden Zeitstempel sind die vier zugerichteten Kitze zu erkennen: teils sind die Beine abgetrennt, die Gedärme quellen hervor und die dunklen Augen blicken stumpf ins Leere. Qualvoll ist der Tod auch für die Muttertiere. Zum einen suchen sie ihren Nachwuchs an den Folgetagen, zum anderen kann es zu einem Milchstau kommen, wenn die Kitze nicht mehr saugen. Das könne zu Entzündungen der Euter und zu einem sehr leidvollen Tod führen, so Aumund-Kopp.

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Der Vorfall ist kein bedauerlicher Einzelfall, sondern ein Wiederholungsfall. Schon 2017 gab es gegen denselben Landwirt von Anwohnern eine Anzeige. Damals hatte Thomas ­Stockinger die Kitze gefunden und den Bremer Tierschutzverein informiert. Die jungen Rehen waren auf einer benachbarten Wiese getötet worden, auf die Thomas Stockinger und seine Frau Andrea Rose von ihrer Terrasse aus Blicken können. Damals musste der Landwirt 500 Euro Geldbuße zahlen. Thomas ­Stockinger sagt: „Uns geht es darum, dass die Landwirte den Jagdpächter informieren und dass auf Ausgleichsflächen gar nicht oder nur spät im Jahr gemäht wird.“

Der Tod der Tiere ist nach Ansicht von Manfred Aumund-Kopp und Thomas Stockinger vermeidbar gewesen. Aumund-Kopp ist Jagdpächter in Osterholz und damit zuständig für die Wildtierpflege in der Osterholzer Feldmark. Über die Ereignisse in der vergangenen Woche sagt er: „Mein Sohn und meine Schwiegertochter haben morgens gehört, dass es laut wird auf der Wiese, dann bin ich direkt hin.“ Denn eigentlich lautet die Absprache, dass vor der Mahd der Jagdpächter informiert wird, damit er die Wildtiere verscheuchen kann.

„Das Tier hat vermutlich noch einige Zeit gelebt“

Mit seinem Geländewagen habe er sich vor den Trecker gestellt und den Fahrer zur Rede gestellt. „Da konnte ich schon ein kleines Stück weiter ein Kitz liegen sehen“, sagt Aumund-Kopp. „Ich habe dann schnell weitere Tiere gefunden.“ Bei einem späteren Rundgang über das Feld habe er dann noch ein viertes Tier entdeckt, bei dem die Hinterläufe durch das Schneidwerk abgetrennt worden seien. „Das Tier hat vermutlich noch einige Zeit gelebt“, befürchtet Manfred Aumund-­Kopp.

Leicht sei ihm die Anzeige nicht gefallen, denn man kenne sich persönlich. Tatsächlich sind der Landwirt und Aumund-Kopp beide Jäger, beide waren oder sind noch Landwirte. „Es ist nicht so einfach zu sagen: ‚Ich zeig’ dich an.‘ Man kennt sich ja schon seit Generationen.“

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Aumund-Kopp bietet den Landwirten in seinem Pachtbereich an, vor der Mahd die Kitze aus den Wiesen zu vertreiben. Dafür gehen Freiwillige an den Vortagen durch die Wiese und scheuchen die Ricken, so werden die Muttertiere genannt, auf. Diese ziehen sich dann mit ihren Kitzen zurück. Aber es gibt auch technische Möglichkeiten. Vermehrt wird mit Drohnen gearbeitet, um Kitze zu entdecken. An den Traktoren sind außerdem spezielle Pfeifen installiert, die das Wild aufscheuchen sollen. Nach Aumund-Kopps Angaben waren diese allerdings ausgeschaltet. Deswegen sagt er auch: „Als ehemaliger Landwirt sage ich, dass bedauerlicherweise immer etwas passieren kann, aber das hier war pure Ignoranz.“

Wie viele Tiere tatsächlich jährlich getötet werden, kann Aumund-Kopp nicht abschätzen. „Das Problem ist, dass mir eher keiner Bescheid sagt, wenn so etwas passiert. Das landet dann irgendwo im Graben und der Fuchs oder die Krähen holen sich den Rest.“ So etwas wie in der vergangenen Woche habe er allerdings noch nicht erlebt. „Man weiß doch, dass dort die Kitze sitzen.“

Landwirte sollen sich an die gängigen Regeln halten

Der Anzeige hat sich auch der Bremer Tierschutzverein angeschlossen. „Die Landwirte sollen sich an die gängigen Regeln halten und sich bemühen. Es geht nur um einen Anruf, der nichts kostet“, sagt Tanja Pollak vom Bremer Tierschutzverein. Der Vorfall sei mindestens grob fahrlässig, wenn nicht sogar vorsätzlich. Der betreffende Landwirt hat inzwischen Anzeige gegen sich selbst gestellt. „Das war menschliches Versagen“, bestätigt der Landwirt auf Nachfrage des WESER-KURIER. Deswegen sei es auch zur Selbstanzeige gekommen. Weiter wollte er sich nicht äußern.

In Deutschland sterben jährlich bis zu 100.000 Kitze bei Mäharbeiten, schätzt Tanja Pollak. Größere Traktoren, größere Mähwerke und immer höhere Geschwindigkeiten beim Mähen machen es den Tieren schwer zu entkommen. Ganz junge Kitze haben außerdem noch keinen Fluchtreflex. Sie ducken sich vor Feinden tief ins Gras und laufen nicht vor den Maschinen davon. Unter anderem über Landwirtschaftsverbände organisieren sich Freiwillige, um vor der den Mäharbeiten Jungtiere aus den Wiesen zu verscheuchen.

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