Osterholz statt Viertel Wohnprojekt weicht auf Ellener Hof aus

Baugemeinschaften kommen im Hulsberg-Quartier nicht richtig zum Zuge und orientieren sich in andere Stadtteile. Auf dem Ellener Hof in Osterholz steht das vierte Gemeinschaftsprojekt in den Startlöchern.
20.09.2020, 12:25
Lesedauer: 4 Min
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Wohnprojekt weicht auf Ellener Hof aus
Von Christian Hasemann

Es sind nur knapp sechs Kilometer Luftlinie vom Hulsberg-Quartier auf dem Gelände des Klinikum-Mittes in der Östlichen Vorstadt bis zum Ellener Hof im Stadtteil Osterholz. Trotzdem trennen die beiden Stadtteile in manchen Köpfen Welten. Das Gemeinschaftsbauprojekt Scholle 47 hat diese geistige Barriere überwunden. Statt Hulsberg heißt die neue Heimat nun Ellener Hof. Es ist das zweite alternative Bauvorhaben, das dem Hulsberg-Quartier den Rücken kehrt.

Es sei ein längerer gemeinsamer Prozess gewesen, sagt Dagmar Gerstenberger, wenn sie über die Entscheidung für Osterholz und gegen die Östliche Vorstadt spricht. Die Baugemeinschaft hatte sich vor fünf Jahren ursprünglich für ein gemeinsames Wohnprojekt im neuen Hulsberg-Quartier zusammengeschlossen.

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Baugemeinschaften waren von der Stadt ausdrücklich auf dem Gelände in der Östlichen Vorstadt erwünscht. 20 Prozent des Geländes sollen an solche private Bauträger gehen. Die Stadt verspricht sich davon eine bessere Verankerung der zukünftigen Bewohnerschaft mit dem Quartier. Doch die Realität sieht anders aus: Bisher hat die Grundstücksentwicklung Klinikum Bremen-Mitte GmbH & Co. KG nur ein Grundstück an eine solche Gemeinschaft verkauft.

„Kurz vor Abgabe haben wir die Reißleine gezogen, weil es zu teuer wurde und wir Probleme hatten, junge Leute zu gewinnen“, sagt Gerstenberger über die Gründe, warum ihre Gemeinschaft sich aus dem Bewerber-Rennen um ein Grundstück verabschiedete. „Es war nie absehbar, wann es endlich losgeht, weil immer etwas Neues kam.“ Für junge Familien sei das wohl zu unsicher gewesen, mutmaßt Meisen.

Erbpacht statt Kauf

2019 habe die Baugemeinschaft beschlossen, sich nicht für das Projekt im Hulsberg-Viertel zu bewerben. Damit ist Scholle 47 neben der Casa Colorida die zweite Baugemeinschaft, die sich gegen das Hulsberg-Quartier und für den Ellener Hof entschieden hat. Ein Grund dürften die hohen Grundstückspreise im Hulsberg sein. Nach den bisher bekannten Summen der verkauften Grundstücke liegt der Quadratmeterpreis im Hulsberg-Quartier bei circa 1000 Euro. Auf dem Ellener Hof hingegen müssen die Baugemeinschaften nur einen jährlichen Erbpachtzins zahlen, denn die Grundstücke werden nicht verkauft, sondern in Erbpacht, das ist eine Art Miete für ein Grundstück, vergeben. Auf dem Ellener Hof bringen derzeit vier Baugemeinschaften ihre jeweiligen Projekte voran.

„Wir waren uns mit der Bremer Heimstiftung relativ schnell einig“, sagt Gerstenberger mit Blick auf die künftige Baufläche, auf der zurzeit nur ein paar Ruderalpflanzen wachsen. Die Entscheidung an sich sei jedoch nicht allen leicht gefallen. „Ich habe zwei Monate mit mir gekämpft, denn ich wohne seit 40 Jahren im Viertel“, sagt Gesa Meisen. „Ich habe mir gesagt: Ich kann doch nicht nach Blockdiek!“ Blockdiek ist der Ortsteil, der direkt im Norden an den Ellener Hof angrenzt. Für Gerstenberger ist Osterholz dagegen kein unbekanntes Pflaster: Die pensionierte Lehrerin hat an der Albert-Einstein-Schule gearbeitet.

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Letztlich hätten für sie aber die Vorteile überwogen, sagt Meisen. Entscheidend war ein Punkt: „Wir werden hier gewollt. Ich beschäftige mich seit Anfang der 2000er-Jahre mit Wohngruppen und mit der Stadt war es immer schwer“, sagt Meisen. Ein großer Pluspunkt sei die Kulturaula im Zentrum des Ellener Hofes gewesen. „Das Klimaquartier, Fahrradverleih, der Gemeinschaftsgarten und der Austausch mit den Leuten drumherum“, zählt sie weiter auf. Dazu käme die gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr.

Die Hinwendung zum Ellener Hof hat eine Sache dennoch nicht gefördert. „Etwas, was auf der Strecke geblieben ist, ist der Gedanke des generationenübergreifenden Wohnens“, sagt Gerstenberger über die Schwierigkeit, junge Familien für das Projekt zu begeistern. Über die Gründe kann sie nur spekulieren. „Vielleicht gibt es da eher den Wunsch nach der überschaubaren Kleinfamilie.“ Beide Frauen gehen aber davon aus, dass sich die Gemeinschaft mit den Jahren verjüngen wird.

Anteile beim Kauf

Für ihr Vorhaben hat die Baugemeinschaft eine GmbH & Co. KG gegründet. Jeder Interessent erhält mit dem Kauf einer Wohnung einen entsprechenden Anteil an der GmbH. Wer einen Kredit für den Kauf aufnehmen muss, zahlt ein Nutzungsentgelt. Wer später ausziehen möchte, bekommt seinen Anteil ausgezahlt. Durch diese Konstruktion, Meisen und Gerstenberger sagen, dass alle Entscheidungen im Konsens getroffen werden müssen, soll das Gebäude dauerhaft vor einer Übernahme durch Investoren geschützt werden.

Scholle 47 möchte nicht nur eine Zweckgemeinschaft für den Bau sein, sondern auch nach der Fertigstellung soll das Gemeinsame im Vordergrund stehen. „Wir haben einen großen Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss und planen da gemeinsames Kochen, gemeinsames Essen oder auch Werder zu gucken“, verrät Meisen. Daneben soll es einen Technikraum für handwerkliche Arbeiten geben. „Und wir wollen gemeinsam mit den Nachbarn etwas machen oder uns beim Klimaquartier und im Gemeinschaftsgarten einbringen.“ Der grundsätzliche Wunsch bei allen zukünftigen Bewerbern und Bewohnern sollte schon sein, sich in die Gemeinschaft einzubringen, so Meisen. Eine verschriftlichte Verpflichtung dazu gebe es aber nicht.

13 bis 15 Wohnungen sollen auf dem Grundstück entstehen. Sieben Parteien mit insgesamt zehn Bewohnern seien mit dem Projekt fest verankert und der nötige Eigenanteil für den Bau sei schon erreicht. Drei der Wohnungen sollen als geförderter Wohnraum entstehen, die durch die GmbH querfinanziert werden sollen. Noch in diesem Jahr soll der Bauantrag eingereicht werden. Der Wunschtermin für den Einzug nach dem Ende der Bauarbeiten an dem drei Millionen Euro teuren Holzbau sei der 22.2.2022, so Meisen.

Weitere Informationen

Einen Informationsabend gibt es am Dienstag, 22. September, 18.30 Uhr, in der Kulturaula Ellener Hof, Ludwig-Roselius-Allee 181. Eine Anmeldung per E-Mail an die Adresse des Projekts, scholleninfo@posteo.de, ist erforderlich.

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