Mehr als eine Gedenkstätte

100 Jahre Osterholzer Friedhof

Im Weserpark ist eine Ausstellung zum 100-jährigen Jubiläum des Osterholzer Friedhofs eröffnet worden. Zeitgleich ist ein Buch über Bremens größten Friedhof, der auch ein Gartendenkmal ist, erschienen.
05.11.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
100 Jahre Osterholzer Friedhof
Von Christian Hasemann

Die Geschichtswerkstatt Osterholz hat im Weserpark eine Ausstellung zum hundertjährigen Jubiläum des Osterholzer Friedhofs aufgebaut. Zeitgleich zu der Ausstellung ist außerdem ein Buch zur Geschichte der größten Begräbnisstätte Bremens und eines der bedeutenden Gartendenkmäler Norddeutschlands erschienen.

Hinter Horst Massmann und Reinald Last, die die Ausstellung im Weserpark und das Buch mit dem Titel „100 Jahre Osterholzer Friedhof – Natur-, Kultur- und Kriegsdenkmal maßgeblich vorangetrieben haben, liegen anstrengende Monate und Wochen, in der sie trotz der Corona-Krise weiter die Geschichte des Friedhofs aufgearbeitet haben.

„Wir sind schwer erleichtert, weil es alles doch mehr Zeit in Anspruch genommen hat, als gedacht“, sagt Horst Massmann. Letztlich habe aber alles gepasst, weil die offiziellen Feiern im Sommer wegen der Corona-Epidemie nicht wie geplant stattfinden konnten. „Deswegen haben wir mehr Fotos machen können“, so Massmann.

5000 Fotos wurden gemacht – mit Unterstützung aus der Luft

Die Geschichtswerkstatt Osterholz hat nicht weniger als 5000 Fotos auf dem Friedhof aufgenommen. Unterstützung bekam die Geschichtswerkstatt außerdem von einem Drohnenpiloten, der Aufnahmen aus der Vogelperspektive von dem knapp 80 Hektar großen Gelände machte. Viele dieser Fotos finden sich in dem in dieser Woche erschienen Buch, andere dagegen sind in der Ausstellung im Lichthof des Weserparks zu sehen.

In dem 274 Seiten starken Buch findet sich nicht nur eine Auswahl aktueller und historischer Bilder. Last und Massmann haben ihre Recherchen im Staatsarchiv, in privaten Dokumenten und vor Ort mit Artikeln einer ganzen Reihe von Autoren ergänzt.

Die Vielfalt der Autoren spiegelt sich dann auch in der Themenauswahl wider. So geht es eben nicht nur um die Entstehungsgeschichte des Osterholzer Friedhofs, sondern es werden sowohl die Flora und Fauna, die Arbeit auf dem Friedhof als auch Aspekte der Denkmalpflege und der Kultur aufgegriffen. So steuerten unter anderem der Umweltbetrieb Bremen und das Landesamt für Denkmalpflege Beiträge bei.

Einige Inschriften gaben Rätsel auf

Reinald Last hofft, dass die Ausstellung und das Buch einen Anreiz bilden, um über den Friedhof nachzudenken. Sein Interesse am Thema wuchs mit der Zeit, die er sich dem Friedhof widmete. Er folgte insbesondere Hinweisen auf Grabsteinen. „Ich habe mich mehr auf die normalen Grabstellen konzentriert und gemerkt, dass da viele Fragen sind, die schwer zu beantworten sind.“ Der Tod einer jungen Frau am letzten Kriegstag zum Beispiel werfe Fragen auf. Auf dem Grabstein steht, dass die junge Frau, „als Opfer ihrer Reinheit“ ihr Leben lassen musste. „Man weiß, dass die Nazis den Menschen Angst gemacht haben vor der Vergeltung der heranrückenden Alliierten und viele in den Suizid getrieben haben.“ Das könne auch hier der Fall sein. „Aber eine endgültige Antwort haben wir nicht gefunden.“

Auf dem Osterholzer Friedhof, der 1920 eröffnet wurde, liegen die meisten der Bremer Kriegstoten. „Es war eben Bremens neuester und größter Friedhof“, so Massmann. Zwangsarbeiter, Soldaten beider Weltkriege und Bombenopfer, aber auch die Kinder amerikanischer Besatzungssoldaten, haben dort ihre letzte Ruhestätte gefunden.

An diesem Ort können nicht nur Hinterbliebene um verstorbene Angehörige und Freunde trauern, sondern auch Spaziergänger suchen auf dem weitläufigen Gelände wohltuende Ruhe. „Der Freizeit- und Naturwert des Friedhofs wird weiter zunehmen“, da ist sich Massmann sicher. „Wir können froh sein, dass der Friedhof unter Denkmalschutz steht, denn es gibt ja Überlegungen, Friedhöfe aufzugeben oder zu verkleinern.“ Er halte den Friedhof in seiner jetzigen Gestaltung auch im Hinblick auf den zunehmenden Wohnungsbau in Osterholz für unverzichtbar.

Zeitdokumente zum Zweiten Weltkrieg finden sich im Buch

Zum Buch sagt Massmann: „Wir haben uns bemüht, die beste Mischung hinzubekommen.“ Besonders eindrücklich sind die von der Geschichtswerkstatt zusammengetragenen Zeitdokumente. Beim Betrachten blickt der Leser gewissermaßen durch die Augen der Zeitzeugen in die Vergangenheit und wird konfrontiert mit den Gräuel des Zweiten Weltkriegs. Für Horst Massmann ist dieses Erinnern an die Vergangenheit und das Leid, das von Deutschland unter der NS-Diktatur ausging, und das schließlich zurück nach Deutschland, Bremen und auch nach Osterholz kam, eine Herzensangelegenheit. Im Erinnern lässt sich aber auch etwas Tröstliches finden: Denn so sehr die Denkmäler auf dem Osterholzer Friedhof an die schlimmsten Verbrechen erinnern, sind sie auch der in Stein gehauene Beleg, dass es Versöhnung geben kann. Eine Versöhnung der Völker, die mit den jährlichen Gedenkfeiern in Osterholz erneuert wird.

Weitere Informationen

Das Buch „100 Jahre Osterholzer Friedhof – Natur-, Kultur- und Kriegsdenkmal“ ist in der Edition Falkenberg erschienen. Es umfasst 276 Seiten mit 375 Abbildungen und kostet 14,90 Euro. Zu beziehen ist das Buch direkt über den Verlag und über den Buchhandel.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+