Hohe Infektionszahlen in Tenever

Prekäre Wohnverhältnisse begünstigen Corona-Fälle

Akteure vor Ort vermuten soziales Ungleichgewicht und eine beengte Wohnsituation als Ursachen für hohe Infektionszahlen. Besonders viele Fälle gibt es aktuell in Tenever.
16.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Prekäre Wohnverhältnisse begünstigen Corona-Fälle
Von Christian Hasemann
Prekäre Wohnverhältnisse begünstigen Corona-Fälle

Beengte Wohnverhältnisse wie in Tenever begünstigen hohe Infektionszahlen, vermuten die Akteure vor Ort.

Sina Schuldt /dpa

Die Corona-Krise trifft sozial benachteiligte Menschen besonders hart. In den vergangenen Wochen hat die Stadt Bremen Zahlen veröffentlicht, die dies zu belegen scheinen: Viele als materiell arm geltende Ortsteile weisen hohe Infektionszahlen auf. Vor Ort gehen Institutionen und Einrichtungen der Gesundheitsprävention davon aus, dass dies weniger mit fehlender Kommunikation und Sprachkenntnissen zusammenhängt als viel mehr mit den häufig prekären Lebensverhältnissen.

„Man kann das nicht verallgemeinern“, sagt Jutta Flerlage von Frauengesundheit in Tenever (FGT) über die Ursachen der hohen Fallzahlen in Tenever. „Ich kenne viele Frauen, die sehr besorgt sind, die sich fast zuhause verbarrikadieren.“ Für sie sind es vor allem die Wohnverhältnisse, die die Treiber der Infektionen sind. „Ich glaube, es sind die beengten Wohnverhältnisse und die prekären Arbeitsverhältnisse.“ Die Bewohner seien auf Straßenbahnen angewiesen, um zur Arbeit oder zum Supermarkt zu kommen. „Häufig sind es große Familien, und wenn ein Kind etwas von der Schule mit nach Hause bringt, dann hat es die ganze Familie. Die Gefahr ist einfach größer.“

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Viele Arbeitnehmer sozial benachteiligter Quartiere stehen in eher prekären Arbeitsverhältnissen, gleichzeitig aber arbeiten sie häufig in Berufen, die essenziell sind und sich nicht vom privilegierten und weitgehend coronafreien Heimarbeitsplatz erledigen lassen, wie zum Beispiel Paketboten, Supermarktkassierer oder Lagerarbeiter. Sprich: Derjenige, der dem heimarbeitenden Verwaltungsbeamten in seiner Fünfzimmer-Altbauwohnung die neue Computermaus an die Tür bringt, setzt sich einem deutlich höheren Risiko bei ungleich geringerer Bezahlung aus und kehrt nach der Arbeit eher in die Dreizimmer-Wohnung im Mehrgeschossbau zurück, die er mit seiner fünfköpfigen Familie teilt. Will heißen: Selbst bei bester Information können sich diese Familien kaum schützen. Von anderen Familienmitgliedern in beengten Wohnverhältnissen im Krankheitsfall isolieren? Das ist quasi unmöglich.

Wochenstruktur fehlt

Der neue Lockdown bedeutet auch, dass Einrichtungen wie FGT, die gerade zu dem Zweck der Gesundheitsprävention ins Leben gerufen wurde, ihr Angebot deutlich herunter fahren mussten. „Wir haben zur Zeit nur wenige direkte Kontakte“, sagt Flerlage. Über Telefon versuche FGT, den Kontakt zu den Familien und Frauen zu halten. „Und wir merken schon, dass die Mütter sehr damit beschäftigt sind, dass sie das mit ihren Kindern hinbekommen.“ Jeder könne sich aber auch vorstellen, dass, je enger die Wohnverhältnisse seien, einem desto eher die Decke auf den Kopf falle. „Die Frauen vermissen total ihre Wochenstruktur“, das mache sie niedergeschlagen. Insgesamt verstärke Corona alle Dinge, die ohnehin schon vorher im Argen lagen.

Die Einschränkung im Hilfsangebot gibt Flerlage aber auch zu denken. „Ich merke schon, dass ich überlege, ob das richtig ist, wenn wir alles komplett runterfahren.“ Alternativen wie Videokonferenzen scheiterten häufig daran, dass einigen Frauen die technischen Voraussetzungen fehlten. „Auch die Kinder haben zum Teil keine Geräte zur Verfügung, um am digitalen Unterricht teilzunehmen.“ Was sie sich von der Politik wünschen würde? „Es ist für die Entscheidungsträger nicht einfach, aber ich glaube, wir sollten nicht nur Virologen, sondern auch Psychologen und Soziologen und Experten aus anderen Fachbereichen anhören, denn die Epidemie wird uns ja voraussichtlich noch nächstes Jahr begleiten, und wir stehen gerade erst ganz am Anfang des Winters.“ Flerlage bleibt aber auch realistisch: „Die ganzen Problemlagen in den Quartieren wird man jetzt nicht auf einmal lösen können.“ Sie plädiert für kreative und pragmatische Ideen. „Vielleicht Studenten aus sozialen Studiengängen, die freiwillig für Unterstützungsmaßnahmen eingesetzt werden.“

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Conny Nerz vom Familienzentrum Mobile in Hemelingen nimmt eine zunehmende Sorge wahr. „Die Angst wird größer bei der Arbeit und in den Familien.“ Im ersten Lockdown im Frühjahr sei die Epidemie zwar auch schon ernst genommen worden. „Aber da hatte man nicht unbedingt viel Angst.“ Sie hat auch beobachtet, dass die Menschen das Thema sehr ernst nehmen. Anderes hingegen sei nicht so leicht nachzuvollziehen. „Ich glaube, viele verstehen nicht, warum die Schulen und Kitas offenbleiben.“ Auch sie glaubt nicht daran, dass die Politik für die ärmeren Stadtteile eine schnelle Lösung aus dem Hut zaubern kann. Eine Möglichkeit wäre es, zumindest den Bus- und Bahnverkehr zur Hauptverkehrszeit zu entzerren, auf den die Menschen in Hemelingen nicht verzichten könnten.

Im Mobile ist durch die Krise der schulmedizinische Dienst des Gesundheitsamts zum Teil abgezogen worden. „Der ist für uns total wichtig und es bleibt nun vieles liegen“, sagt Nerz. Inzwischen sei aber zumindest die Kinderkrankenschwester wieder für drei Tage vor Ort. Ein Kommunikations- und Informationsdefizit sieht Nerz nicht. „Ich empfinde es schon so, dass die Menschen informiert sind. Auch die älteren Bewohner, die kaum Deutsch sprechen, werden durch ihre Kinder und Enkel informiert.“

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Zur Sache

Statistik untermauert Einschätzung

31,1 Quadratmeter Wohnfläche pro Person stehen nach Daten des Statistischen Landesamtes durchschnittlich in Tenever zur Verfügung. Das ist bremenweit die geringste Fläche. In der Neuen Vahr Nord sind es 32,3 und im Ortsteil Hemelingen 36,8 Quadratmeter. Zum Vergleich: In Schwachhausen stehen jeder Person 56,5 Quadratmeter zur Verfügung, selbst im engen Steintor sind es noch 45 Quadratmeter. Rechnerisch bedeuten das 2,5 Einwohner pro Wohnung in Tenever – der Spitzenwert in Bremen –, 2,1 Einwohner in der Neuen Vahr Nord und 2,2 Einwohner in Hemelingen.

Auch hier der Vergleich: In Schwachhausen teilen sich 1,7 Menschen eine Wohnung, im Steintor 1,6 Menschen. Das mittlere zu versteuernde Einkommen lag in Tenever bei 19.300 Euro, in der Neuen Vahr Nord bei 18.000 und in Hemelingen bei 23.000 Euro. In Schwachhausen bei 52 600 und im Steintor bei 33.000 Euro.

Weitere Informationen

Der Corona-Krisenstab der Stadt Bremen hat Informationen in zwölf Sprachen auf der folgenden Internetseite zusammengestellt: www.bremen.de/corona-international.

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