Großer Erfolg für die achte Stadtteil-Oper

Schillernde Albträume

Die Stadtteil-Oper ist ein Prestige-Projekt des Zukunftslabors der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen. In Osterholz-Tenever ging jetzt die achte Ausgabe über die Bühne, die begeistert gefeiert wurde.
04.10.2019, 19:24
Lesedauer: 3 Min
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Schillernde Albträume
Von Sigrid Schuer
Schillernde Albträume

Prinzessin Scheherazade (Pia Davila, links) beratschlagt mit dem guten Traum.

PETRA STUBBE

„Im Scheinwerferlicht sind alle Träume bunt, auch die bösen.“ Dieser Satz Scheherazades, der schillernd-schönen Prinzessin aus Tausendundeine Nacht, bringt die Essenz des fast dreistündigen Abends auf den Punkt. Denn das große Zirkuszelt auf dem Grünen Hügel an der Neuwieder Straße in Osterholz-Tenever quillt nur so über von bösen Träumen, veredelt durch höchst fantasievolle Kostüme und das beachtliche darstellerische Potenzial des jungen Ensembles. Stellvertretend sei hier nur das im Programm leider nicht namentlich genannte altkluge Kind gewürdigt, ein Mädchen, dass gekonnt eine Psychoanalytikerin mimt.

Dabei sind es eigentlich weniger „Schehera­zades Träume“, so der Titel der achten Stadtteil-Oper, sondern vielmehr die eigenen Albträume, die die Kinder und Jugendlichen der Gesamtschule Bremen-Ost (GSO) da in die riesige Manege gebracht haben. Erstmals haben sie vollständig ein eigenes Drehbuch für eine Stadtteil-Oper geschrieben, dessen lose Fäden Librettistin Hannah Zufall zu einem großen Zirkus des Grauens verknüpft hat. Eine dramaturgische Straffung hätte dem Plot vor allem im ersten Akt gut getan.

Es wird viel gesprochen

Denn es sind immer neue und damit einfach zu viele Albträume von beängstigender Fantasie, die Scheherazade da von den in Halloween-Manier geschminkten und kostümierten jugendlichen Akteuren aufgetischt bekommt. Auch wenn sie wohltuend selbstironisch daher kommen. Dementsprechend hoch ist dann auch der Sprachanteil in der Stadtteil-Oper.

Und der wird zu großen Teilen vom dem ebenso charismatischen wie diabolischen Zirkusdirektor (Matthias Störmer) bestritten. Bleich geschminkt, mit Zylinder und Fake-Pelzmantel ausgestattet, mutet der Bariton wie ein Voodoo-Priester an. Bei einem Akteur aus dem Publikum regt sich Protest: „Können wir nicht was anderes spielen? Irgend etwas Fröhliches, mit Einhörnern und weißen Kaninchen ...“

Impressionistische Musik

Regisseur Alexander Radulescu und Dirigentin Barbara Rucha hatten die raffinierte Idee, den Grusel-Plot mit der flirrenden Musik des französischen Impressionismus von Ravel bis Debussy zu kontrastieren, dessen Farbnuancen die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, sekundiert von dem jungen Musiker-Ensemble der GSO mit Delikatesse ausmalt. Überhaupt entfacht der Regisseur in dem großen Zirkusrund einen Budenzauber sondergleichen, samt Scheherazades schwebendem Bett, in dem die Sopranistin Pia Davila betörend Saties „Je te veux“ singt, bevor sie sich später in einen Sarg legt, der einzige Ort, an dem sie nach tausendundeiner durcherzählten Nacht wirklich schlafen kann.

Dann ist da noch ein überdimensionaler Ghul, ein orientalischer Flaschengeist, der von den Kindern so lange mit Albträumen gemästet wird, bis er platzt. Eine starke Szene, angefeuert von den Klängen aus Saint-Saens „Danse macabre“. Das Schönste an den Stadtteil-Opern ist allerdings die überbordende Kreativität und Spielfreude, die das Projekt entfacht, wunderbar zu beobachten auch gerade bei den jungen Gästen des tunesischen Zukunftslabors, die zum dritten Mal mit dabei sind. „Scheherazades Träume“ ist nicht zuletzt eine Verbeugung vor dem Partnerland Tunesien und dem Kooperationspartner und Sponsoren Kamel Lazaar. In einem Grußwort, das von seinem Neffen verlesen wird, beschwört Lazaar das helle, völkerverbindende Licht der universalen Sprache Musik. Und damit eine Utopie, die mancher im Publikum in „Scheherazades Träumen“ doch vermisst haben mag. Das Tunesische Nationalorchester steuert unter der Leitung von Mohamed Lassoued mit orientalischen Instrumenten das entsprechende Kolorit bei.

Viel Politprominenz vor Ort

Das Zukunftslabor der Kammerphilharmonie ist ein internationaler Exportschlager. Dementsprechend zieht die ausverkaufte Premiere des Prestige-Projektes viel Politprominenz an, die sich schwer beeindruckt zeigt. Unter den 1000 Zuschauern sind Ex-Bürgermeister Carsten Sieling (SPD), Kulturstaatsminister a. D. Bernd Neumann (CDU) und Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD), die Albert Schmitt, „die Freude eines Grußwortes“ macht, wie es der Managing Director der Kammerphilharmonie ausdrückt. Und siehe da, Bogedan beweist sogar Mut zur Selbstironie.

Mehr als 700 Menschen aus Tenever haben an der Stadtteil-Oper mitgewirkt. Dass sie jedes Mal zu einem fröhlichen, multikulturellen Fest wird, beweist ein Blick auf den Marktplatz: Dort werden Spezialitäten aus Tunesien, dem Libanon, aus Kurdistan und der Türkei angeboten. Beim tosenden Schlussapplaus löst sich der Zirkus des Grauens und all das Lampenfieber in einer ausgelassenen Party auf. Konfetti und Bonbons fliegen. Schaut ganz danach aus, als ob diese Nacht doch noch mit „Sweet Dreams“ zu Ende gegangen wäre.

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