Singende Balkone

Eine harmonische Gemeinschaft

Während vielerorts längst nicht mehr von Balkonen gesungen wird, machen einige Bewohner im Stiftungsdorf Osterholz einfach weiter. Seit einem halben Jahr treffen sie sich allabendlich zum gemeinsamen Singen.
24.09.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Gerald Weßel

Die Sonne strebt bereits seit Längerem dem Horizont entgegen, die Schatten werden länger und lassen den im Halbrund schwindenden Weg in angenehmen Zwielicht daliegen. Es wirkt still, ganz so, als würden sich die Bewohner des Stiftungsdorfes der Bremer Heimstiftung inmitten von Osterholz auf einen ruhigen Abend einstellen. Doch auf einer großen Veranda eingangs des Weges versammeln sich von Minute zu Minute mehr Menschen.

Während sich die gesellige Gruppe auf der reichlich begrünten Veranda zusammenfindet, setzt sich eine ältere Frau unten auf eine Bank. Sie hält ein Schifferklavier in der Hand und wartet auf ihren Einsatz. Der kommt um Punkt 19 Uhr von oben, als Hermann Mäder in seine Tasche greift, eine Mundharmonika herausholt und beginnt, darauf zu spielen. Es ist wieder einmal soweit, Hannelore Mäder und gut ein Dutzend weitere Personen stimmen im Chor das erste Lied von einigen an diesem Abend an: „Der Mond ist aufgegangen“, erklingen die ersten Silben des Schlafliedes von Hermann Prey. Erst gegen 19.30 Uhr werden sie nach gemeinschaftlichem Applaus füreinander wieder hineingehen. Das mittlerweile lieb gewonnene Ritual ist seit einem halben Jahr fest im Alltag des Stiftungsdorfes verankert: Die Bewohner singen gemeinsam. Das schafft Nähe in unsicheren Zeiten.

Der Ablauf und auch die Intention hinter dem Ganzen beruht auf den Geschichten und Bildern aus Italien, wo die Menschen begonnen hatten, den Ärzten und Pflegekräften während der Pandemie musizierend Dankbarkeit zu zollen. „Ich habe ein Video gesehen, in dem die Margot Käßmann auf Italien verwiesen und uns aufgefordert hat, das doch auch in Deutschland zu tun“, erinnert sich Hannelore Mäder. Das Video habe ihr eine Freundin geschickt, die ehrenamtlich in der Kirchengemeinde aktiv ist, für die auch Mäder 25 Jahre lang als Erzieherin gearbeitet hat. „Ich fand die Idee sehr schön und so machten wir uns ans Werk.“ Gemeinsam mit ihrem Ehemann begann sie damit, Liedtexte herauszusuchen und zu vervielfältigen. Die Blätter verteilten sie an Bekannte und Freunde im Stiftungsdorf. Als die noch kleine Gruppe dann erstmals sang, spähten bereits die ersten durchs Fenster oder traten auf ihre Balkone. Gleichsam, wenn auch weniger verwundert als sechs Monate zuvor, kommen im Laufe der ersten Lieder auch an diesem Abend zusehends mehr Menschen auf ihre Balkone, hören zu oder schließen sich stimmlich der jungen Tradition an. „Am nächsten Tag“, blickt Hannelore Mäder auf den Anfang zurück, „kamen dann Menschen zu mir oder riefen mir von Weitem zu, dass sie auch gern mitmachen würden.“ So seien es mit der Zeit viele geworden, die einen allabendlichen Chor bilden. „Manchmal kommt auch Marlene Bielefeld und begleitet uns mit ihrem Schifferklavier“, erzählt Hannelore Mäder von der Dame, die auch an diesem Abend dabei ist.

Inzwischen sind „in etwa 100 Lieder zusammengekommen“, zählt die Initiatorin im Kopf eilig durch. Ihr Ehemann habe extra für diese neue Tradition im Stiftungsdorf die Mundharmonika wieder hervorgeholt, die er einst als junger Mann spielen lernte. Hannelore Mäder hat sogar ein Lieblingslied, das ab und an auch gesungen wird: „Dat du min Leevsten büst“ von Lale Andersen. „Das ist immer ein schönes Ständchen für mich.“

Obschon die Entfernungen im Dorf nicht groß sind, stellen das Alter und die sich damit einstellenden Erkrankungen Hindernisse für die Gemeinschaft dar: „Es gibt Menschen, die aufgrund ihres Alters kaum aus der Wohnung hinauskommen“, weiß Mäder von Einwohnern, die weit schlechter zu Fuß sind, als die noch fidele Frau in ihren 80ern. „Wenn die dann auf die Balkone kommen, sieht man, dass alle noch am Leben sind.“ Einen Abend seien auch zwei Damen im Alter von 97 und 100 Jahren im Rollstuhl dabei gewesen. „Das war toll, dass die zwei mitgemacht haben.“

„Ich habe viele schöne Erfahrungen gesammelt und bei allem Schlimmen, was die Pandemie auch mit sich brachte: Ich bin eine Corona-Profiteurin“, freut sich Hannelore Mäder über das inzwischen lieb gewonnene Ritual am Abend. „Es hat die Dorfgemeinschaft gestärkt und wir sind ein Stück mehr zusammengewachsen.“ Und begonnen hat alles mit dem Video der Freundin. „Ohne das wäre diese schöne Sache wohl nie zustande gekommen“, weiß sie heute. Als Geschenk zum Halbjährigen gab es für das Initiatoren-Ehepaar Mäder eine große Rose, die nun auf der Veranda steht. „Da haben alle zusammengelegt“, erzählt sie, die ebenso wie alle anderen noch nicht ans Aufhören denkt. „Wir werden erst mal noch eine ganze Weile weitermachen.“ In der kommenden Adventszeit möchte der lose Gesangsverbund im Stiftungsdorf dann passenderweise auf alternatives Liedgut umsteigen: „Wir überlegen momentan, wie wir es organisieren, da ja nicht jeder alle Liedtexte hat.“ Aber dies habe man ja bereits einmal gelöst bekommen und so ist sie optimistisch, dass – je nach Wetterlage – noch lange der abendliche Gesang an der Ellener Dorfstraße erklingen wird. „Wir möchten die entstandene Gemeinschaft und Tradition auch in der Adventszeit aufrechterhalten.“

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