Wissen soll schützen

Protest gegen häusliche Gewalt

Frauen aus Tenever machen Tabuthema öffentlich – Präventions- und Aufklärungsarbeit soll ausgebaut werden.
19.11.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Protest gegen häusliche Gewalt
Von Christian Hasemann
Protest gegen häusliche Gewalt

Gemeinsame Aktionen wie in den Vorjahren wird es in diesem Herbst wegen der Corona-Pandemie in Tenever nicht geben.

PETRA STUBBE

Seit mehreren Jahren protestieren Frauen in Tenever am 25. November gegen häusliche Gewalt und versuchen, das vielfach noch tabuisierte Thema öffentlich zu machen. In diesem Jahr muss aufgrund der Pandemie der Protest kleiner ausfallen, das Thema an sich ist aber aktueller denn je.

Organisiert wird der Protesttag in Tenever durch eine Arbeitsgruppe von Beschäftigten des Arbeitslosenzentrums, des Hauses der Familie, des Mütterzentrums und der Frauengesundheit in Tenever. Gemeinsam setzen sie jährlich am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November ein Zeichen. Teil des Protests ist unter anderem das Hissen einer Flagge der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes.

Im Januar dieses Jahres organisierte die Arbeitsgruppe in Zusammenarbeit mit der Bremischen Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau (ZFG) einen Fachtag, an dem sich viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Kitas, Schulen und soziale Einrichtungen des Stadtteils beteiligten. Trotz Corona haben mehrere Arbeitsgruppen im Laufe des Jahres einzelne Aspekte aufgegriffen und nach Strategien gesucht, wie Frauen und Kindern geholfen werden kann.

Zentraler Punkt ist dabei die Öffentlichkeit und der Einbezug der Nachbarschaft. „Um häusliche Gewalt wirklich zu bekämpfen, ist die Zusammenarbeit aller Verantwortlichen in staatlichen und nicht-staatlichen Institutionen im Stadtteil und der Nachbarschaft nötig“, sagt Bettina Zockoll vom Haus der Familie Tenever.

Ein Modellprojekt, das Gewalt auf Ebene der Stadtteile verhindern soll, ist das Projekt „Stop – Stadtteile ohne Partnergewalt“. Inzwischen hat das Projekt Nachahmer im ganzen Bundesgebiet gefunden. Ansatz dieser Initiative ist, dass in den Quartieren nachbarschaftliche Netzwerke aufgebaut werden, die Informationsarbeit und Aufklärung leisten und die Zivilcourage stärken.

Menschenkette war geplant

Etwas Ähnliches könnte sich auch in Tenever entwickeln. „Unsere Idee ist, wie kriegen wir es hin, dass die Menschen ihre Augen und Ohren öffnen und wie schaffen wir es, das Thema zu enttabuisieren“, so Bettina Zockoll. Es solle versucht werden, den Menschen die Angst vor dem Einmischen zu nehmen. „Ziel ist es, das Thema breiter zu thematisieren und die Präventionsarbeit aufzubauen.“ Wichtig sei dafür, dass alle Einrichtungen vor Ort mitgenommen würden.

Zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen war in Tenever eigentlich eine öffentlichkeitswirksame Menschenkette geplant. „Aber aufgrund der Corona-Epidemie werden wir darauf verzichten“, so Astrid Wellbrock vom Haus der Familie. Stattdessen werden nun die Mitarbeiterinnen der vier beteiligten Häuser am 25. November gut sichtbar Fahnen und Flaggen im Quartier aufhängen, um auf das Thema aufmerksam zu machen.

Sogenannten Dunkelfeldstudien, das sind Studien, die nicht nur die bei der Polizei angezeigten Gewalttaten einbeziehen, kommen zu dem Ergebnis, dass etwa jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben von Gewalt betroffen ist. Laut Bundeskriminalamt sind knapp 81 Prozent der Opfer von Partnerschaftsgewalt Frauen. Beim sexuellen Missbrauch, wie Vergewaltigung oder sexueller Nötigung, sind 98,1 Prozent der Opfer weiblich. Auch bei Körperverletzungen und bei Mord und Totschlag sind die meisten Opfer Frauen. Die vom BKA aufgenommen Zahlen geben allerdings nur die angezeigten Fälle wieder.

Für 2021 haben BKA und das Bundesfamilienministerium eine weitere umfassende Dunkelfeldstudie angekündigt. Besonders bei Trennungen und Scheidungen steigt die Gefahr für Frauen und Kindern Gewalt oder noch mehr Gewalt zu erfahren.

Weitere Informationen

Hilfe für Betroffene gibt es beim bundesweiten Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“, das rund um die Uhr, anonym und kostenlos Unterstützung und Hilfe bietet. Auch Menschen aus dem Umfeld und Fachkräfte können sich an das Hilfetelefon wenden. Die Nummer lautet: 080 00 /11 60 16.

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