Appell an Frauen und Männer

Für eine gleichberechtigte Gesellschaft

Zum Internationalen Frauentag gab es in Bremen viele Aktionen. Auch in Tenever forderten Aktivistinnen bei Emanzipation und Anerkennung.
11.03.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Für eine gleichberechtigte Gesellschaft
Von Christian Hasemann

Ohne die Arbeit von Frauen wären nicht nur in Deutschland, sondern weltweit viele Systeme in der Corona-Krise zusammengebrochen. Frauen dominieren in Deutschland die professionellen Pflegeberufe in Krankenhäusern und Pflegeheimen, sie stellen einen weit größeren Anteil des Kassenpersonals in den Supermärkten und müssen sich damit bei einem niedrigen Lohn einem ungleich höheren Risiko aussetzen sich zu infizieren. Dieselben Frauen übernehmen statistisch gesehen dann noch zuhause einen weit größeren Teil der Hausarbeit, Kindererziehung und private Pflege als Männer. Auf diese Ungerechtigkeit haben Aktivistinnen aus Tenever am Internationalen Frauentag hingewiesen.

Die Arbeitsgruppe Frauen in Tenever hatte die Protestaktion auf dem Marktplatz des Quartiers organisiert. Diese setzt sich aus Mitarbeiterinnen des Arbeitslosenzentrums, dem Haus der Familie, dem Mütterzentrum Tenever, dem Quartiersmanagement und der Frauengesundheit Tenever zusammen. Wegen Corona konnte es keine Aktion mit vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern geben, aber die Aktivistinnen hofften im Zentrum Tenevers auf größtmögliche Sichtbarkeit von den umliegenden Hochhäusern.

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Jutta Flerlage von Frauengesundheit Tenever blickte zunächst in die 110-jährige Vergangenheit der Frauenbewegung. „Seitdem machen wir Frauen auf unsere Situation aufmerksam und setzen uns für Gleichberechtigung und Emanzipation ein.“ Damals hätten die Frauen das Wahlrecht erstritten, später für die Gleichberechtigung im Grundgesetz gekämpft. „Umgesetzt ist es bis heute nicht, auch wenn wir viel erreicht haben.“

Frauen wollten gleichberechtigt an Arbeit, Politik und allen gesellschaftlichen Belangen beteiligt sein und ihre Sichtweise und Ziele einbringen. „Wir wollen es nicht den Männern gleichtun, sondern unsere eigenen, sicherlich andere Wege gehen“, so Flerlage. Sie betonte die Vielfältigkeit: „Wir Frauen sind weder den Männern gleich, noch untereinander. Wir sind unterschiedlich und das ist gut so!“ Nicht gut seien hingegen die unfairen Bedingungen, prekären Lebenssituationen und die alltäglichen Belastungen und Diskriminierungen.

Als „zynisch“ bezeichnete Flerlage, wenn Politik glaube, dass es mit Applaus der Politik für die Pflegekräfte getan sei. Die Anerkennung für den Beruf, in dem vor allem Frauen arbeiteten, sei gering und der Pflegenotstand seit inzwischen Jahrzehnten bekannt. Die erste Forderung der Aktivistinnen lautet dann auch, dass die Arbeitsbedingungen in der Pflege verbessert werden müssen. Es gehe nicht nur um mehr Gehalt, sondern auch um mehr Personal, um eine humane, ganzheitliche Pflege zu ermöglichen.

In ihrer Forderung schließen die Frauen ausdrücklich die sogenannte Care-Arbeit ein. Damit sind unbezahlte Pflege- und Erziehungsarbeiten im privaten Umfeld gemeint. Also beispielsweise Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen, Kochen, Putzen und andere Hausarbeiten. „Wir fordern Männer, Ehemänner und Partner auf, sich die unbezahlte Hausarbeit und Kindererziehung gleichberechtigt zu teilen“, betont Flerlage. Nur wenn Partnerschaften so gestaltet seien, dass sich beide Partner selbst verwirklichen könnten, sei gesellschaftliche Gleichberechtigung hergestellt. Konkrete Forderung: Die Abschaffung des sogenannten Ehegatten-Splittings. Diese Steuerregelung ist seit Jahren in der Kritik. Diese fördere Familienmodelle mit nur einem Hauptverdiener – in der Regel sei das der Mann – und benachteilige Frauen.

Auch die ganz aktuelle Situation vieler Frauen vor Ort haben die Aktivistinnen im Blick. In der aktuellen Corona-Epidemie seien gerade diejenigen betroffen, die nur über ein geringes Einkommen verfügten. Damit blickten die Frauen auch auf Tenever, denn viele Familien in dem Quartier leben von prekären und einfachen Arbeitsverhältnissen. Namentlich genannt wurden Arbeiterinnen in der Gastronomie, im Reinigungsbereich und in Küchen und Kantinen. „Wir fordern eine Abschaffung der Hartz-4-Gesetze und stattdessen eine anständige Grundsicherung für alle“, so Flerlage. Weitere Forderungen: Eine Grundsicherung für jedes Kind, eine deutliche Anhebung des Mindestlohns und die gleiche Entlohnung bei gleicher Arbeit.

Als letzten und aus ihrer Sicht wesentlichen Punkt der Diskriminierung von Frauen kam Flerlage auf die strukturelle und individuelle Gewalt gegen Frauen zu sprechen. „Im Lockdown haben Beratungsstellen und Frauenhäuser vermehrt Zulauf erhalten und wir wissen, dass häusliche Gewalt in allen sozialen Schichten zugenommen hat.“ An die Männer gerichtet sagte sie: „Sucht euch Unterstützung bei Stress und Belastung, sucht gemeinsam mit der Partnerin nach Wegen und Lösungen und sprecht miteinander auf Augenhöhe.“ An die Gesellschaft formulierte sie: „Wir fordern eine Ächtung, eine Verurteilung der häuslichen Gewalt durch alle gesellschaftlichen Gruppen.“ Und weiter: „Wir Frauen sind stark, wir sind mutig, wir werden weiter gegen Sexismus, Rassismus und Ausbeutung durch Kapitalismus und für unsere Emanzipation für eine bessere Welt eintreten!“

Info

Zur Sache

Der Weltfrauentag

Der Tag geht auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurück. Damals kämpften sozialistische Organisationen in Europa für die Gleichberechtigung von Frau und Mann, für das Frauenwahlrecht und für die Emanzipation der Arbeiterinnen. In Europa engagierte sich besonders die deutsche Sozialistin Clara Zetkin für die Einrichtung eines Frauentages. In Amerika hatte 1908 das Nationale Frauenkomitee beschlossen, einen nationalen Kampftag für das Frauenstimmrecht zu initiieren. Der Forderung schlossen sich die Sufragetten an. Der erste europäische Frauentag wurde am 9. März 1911 in Deutschland, Dänemark, Österreich-Ungarn und der Schweiz gefeiert. 1921 wurde der Weltfrauentag auf den 8. März festgelegt.

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