Klinikum Bremen-Ost

Versorgung in Wohnortnähe gefordert

Die Zukunft des Klinikums in Bremen-Ost ist momentan noch eine Diskussion unter Fachleuten und Betroffenen. Hintergrund ist ein Zukunftskonzept, das Schwerpunkte an den einzelen Standorten vorsieht.
31.01.2019, 12:28
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt

„Das vergangene Jahr war aufregend“, sagt Judith Borsch, Direktorin des Klinikums Bremen-Ost. „Doch die depressive Stimmung des Sommers hat sich wieder aufgelöst.“ Denn am Klinikum Bremen-Ost ging es im vergangenen Jahr turbulent zu: Durch einen Vergabestopp hatten sich die Renovierungs- und Umbauarbeiten um drei Monate verzögert, es gab Spekulationen um den Fortbestand der Chirurgie und es kamen Meldungen über Missstände in dem Klinikum hinzu, das mit rund 2000 Mitarbeitern ein breites Spektrum medizinischer Leistungen anbietet.

Seit dem 1. Dezember 2018 hat das Klinikum nun mit Matthias Müller einen neuen Chefarzt für Allgemein- und Viszeralchirurgie „Zusammen mit der Unfallchirurgie bietet das Krankenhaus eine umfassende chirurgische Versorgung auf einem ganz hohen Niveau“, kommentiert das Borsch. Denn auch das für die Notfallversorgung zuständige Aufnahmezentrum hat mit Oliver Müssig einen neuen Chefarzt. Borsch spricht in diesem Zusammenhang von einer "echten Aufbruchstimmung."

Um vor diesem Hintergrund über die weitere Zukunft des Klinikums Bremen-Ost, der Pflege in Bremen und eine zukünftige Medizinstrategie zu diskutieren, hatte die Grüne Stadtteilgruppe Osterholz mehrere Fachleute zu einer Podiumsdiskussion in die Kulturambulanz eingeladen. Außer Borsch nahmen auch Markus Rohdenburg, Betriebsratsvorsitzender des Klinikums Bremen-Ost, Nima Pirooznia, Sprecher für Gesundheitspolitik der Grünen Fraktion, sowie Karoline Linnert, Bürgermeisterin und Finanzsenatorin, an der Diskussion teil. Die Moderation übernahm Ralf Dillmann, Fraktionssprecher der Grünen im Beirat Osterholz.

Nach der offenkundigen Finanzmisere der vier Bremer Krankenhäuser in Mitte, Nord, Ost und Links der Weser hatte der Bremer Senat im vorigen Jahr beschlossen, den kommunalen Klinikverbund Gesundheit Nord (Geno) als Dachgesellschaft mit 205 Millionen Euro einen Neustart zu ermöglichen. Zugleich wird an einem Zukunftskonzept gearbeitet das auch das Klinikum Bremen-Ost betrifft. Dazu gehört vor allem eine Konzentration der verschiedenen medizinischen Schwerpunkte an jeweils einem Standort. Das Klinikum Ost soll nach dem aktuellen Stand der Diskussion vor allem im Bereich Psychiatrie und Altersmedizin profilieren.

Pflegenotstand kurzfristig nicht lösbar

Finanzsenatorin Karoline Linnert wünschte sich, dass die immer wieder aufkommenden Forderungen nach einer Schließung des Klinikums Bremen-Ost endlich aufhören. Außerdem sei die wohnortnahe Versorgung gefährdet, wenn hier nur noch ein psychiatrisches Krankenhaus bestehe und die chirurgischen Kompetenzen abgezogen würden.

Ein weitere Aspekt des Abends war der generelle Pflegenotstand, von dem auch das Klinikum Bremen-Ost nicht ausgenommen ist: Viele Stellen in der Pflege seien weiterhin vakant, berichtet Judith Borsch, und das betreffe vor allem spezialisierte Bereiche, wie etwa die Anästhesie. Darum habe das Klinikum Bremen-Ost zahlreiche Leiharbeiter eingestellt. Markus Rohdenburg ergänzte, dass inzwischen ein Springer-Pool für das Personal aufgebaut sei, sodass die Pflegekräfte flexibel eingesetzt werden können. „Allerdings macht das ständige Einspringen diesen Beruf unattraktiv“, sagte er.

„Der Pflegemangel ist kurzfristig nicht zu beheben“, meinte Nima Pirooznia von den Grünen, „da die Ausbildung zur Pflegekraft lange dauert.“ Insgesamt müsse es zu einer höheren Wertschätzung und besseren Arbeitsbedingungen für das Pflegepersonal kommen, „sodass sich die stark eingespannten Pflegekräfte zum Beispiel auch mal eine 30-minütige Pause nehmen können.“

Als weiterer Missstand wurde die erhebliche Bürokratie angeprangert, die auch die Mitarbeiter im Klinikum Bremen-Ost stark belaste. „Die Dokumentationsprozesse sind umfangreich und tragen erheblich zur Unzufriedenheit des Personals bei“, sagt Judith Borsch. „Es kommt zu weniger Pflege am Krankenbett, weil die notwendigen Dateneinträge immer mehr Zeit einnehmen.“ Borsch machte die Politik für diesen eingeschlagenen Irrweg der enormen Verwaltungsarbeiten verantwortlich.

Kontrovers diskutierten die Teilnehmer, ob am Klinikum Bremen-Ost die Krankenpflegeschule ausgebaut werden solle. Karoline Linnert hielte dies für einen großen Gewinn, allerdings sei dies auch mit erheblichen Kosten verbunden.

Nach dem Thema Pflegenotstand brachte Moderator Ralf Dillmann die Medizinstrategie der Zukunft zur Sprache: „“Die Medizin muss stärker patientenzentriert sein, und sollte sich auf mehr ambulante Behandlungen ausrichten“, sagt Nima Pirooznia von den Grünen. Judith Borsch schlug in die gleiche Kerbe und forderte, Krankenhäuser nicht nur an der Ökonomie zu orientieren, sondern mehr an den Patienten. Sie plädierte dafür, zum Beispiel die Neurologie am Klinikum Bremen-Ost vollständig zu behalten.

Zur Medizinstrategie forderte Karoline Linnert eine fortschrittliche Sozialmedizin: „Wenn die Psychiatrie stärker sozial orientiert ist, ließe sich viel mehr aus ihr herausholen.“ Die Finanzsenatorin hält den Verkauf der Krankenhäuser an private Hände für keinen geeigneten Weg: Kommunale Krankenhäuser sollten weiterhin bestehen – doch das müsse immer wieder neu erkämpft werden. Mehr Wertschätzung der Mitarbeiter, mehr Zeit für die kranken Menschen, das war der abschließende Tenor der Diskussion, und Karoline Linnert regte dazu an, wieder einen verstärkten gesellschaftlichen Diskurs über das Thema Gesundheit zu führen.

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